Porsche 356 B Carrera 2 Cabriolet von 1962 im Test
So elegant kann Spaß sein: Porsche 356 B Cabriolet

Gediegen an der Villa vorfahren oder schreiend vor Glück durch den Wind sausen? Mit dem Porsche 356 B Cabriolet aus dem Jahr 1962 geht beides.
Bild: Christian Bittmann / AUTO BILD
Wer sich nicht ganz so gut mit Klassikern auskennt, kann beim 356 ins Straucheln kommen. Doch die (zumindest aus der Ferne vorhandene) Ähnlichkeit mit dem Käfer ist bei einem zweiten Blick schnell dahin. Denn beim 356 handelt es sich um einen waschechten Porsche! Und hier haben wir es nicht mal einer der üblichen 356, sondern mit der Ober-Über-Topversion zu tun: dem 2000 GS Carrera 2 mit dem legendären Fuhrmann-Motor, noch dazu als Cabrio!

Der Fuhrmann-Motor mit Königswellen (die vier oben liegende Nockenwellen antreiben) und Doppelzündung dreht locker bis 6200/min.
Bild: Christian Bittmann / AUTO BILD
Aber um unerfahrene Motoristen in Schutz zu nehmen: Wenn er so im Augenwinkel heranprasselt mit seinem Verdeckkragen und den Käfer-Scheinwerfern, der Porsche, da kann man ihn schon kurz verwechseln. Juristen nennen das "Augenblicksversagen".
Am Steuer kann das auch mal passieren. Du sitzt dicht hinter dem riesigen Lenkrad auf bequemen, aber rutschigen Sitzen, lässt die Gänge nach langen Schaltwegen locker reinflutschen (nur der Dritte ist etwas gnurpelig), hinter dir prasselt leise und harmlos der Boxermotor. Fast wie im Käfer.
Dann trittst du das stehende Gaspedal durch. Der Motor scheint sich erst sammeln zu müssen, aber ab 2500/min zieht er hoch wie angestochen, den anderen Autos auf und davon. Ernsthaft? "Das ist mein voller Ernst", scheint der Boxer zu brummen mit seinem Bariton, breit, bärig, bärtig. Wo andere Boxer zäh werden, dreht dieser immer höher. Käfer? Oh nein! Dieses Auto ist eine Waffe.
Cabrio mit Sportwagen-Genen
Eigentlich sollte er vor allem ein Rennwagen werden. Geplant waren 100 Exemplare, um das Auto für den GT-Rennsport zu homologieren. Aber die Nachfrage war größer. Im April 1962 lief die Kleinserie an, 436 Stück baute Porsche, 310 davon als 356 B und den Rest als 356 C. "Carrera 2" heißt er wegen des Zweilitermotors – der geht zurück auf den komplexen 1,5-Liter-Rennmotor, den Ernst Fuhrmann 1953 für den 550 Spyder konstruiert hatte. Porsche verlängerte den Hub radikal von 66 auf 74 Millimeter, vergrößerte die Bohrung nur um zwei Millimeter. Vorteil: vor allem mehr Drehmoment bei mittleren Drehzahlen.

Gelungene Tarnung: Mit seinem Verdeck-Kragen wirkt der Carrera täuschend betulich.
Bild: Christian Bittmann / AUTO BILD
Als Motorjournalisten an Vorserienautos die wenig standfesten Trommelbremsen kritisierten, entwickelte Porsche Scheibenbremsen gleich für vorn und hinten. Die Räder nach Käfer-Bauart ermöglichten Scheiben mit 30 Zentimeter Durchmesser und, weil die Bremse das Rad mitträgt, nur 300 Gramm Mehrgewicht pro Rad gegenüber der Trommelbremse. Ergebnis: ein Rennwagen, getarnt in der Karosserie eines Luxuscabrios. Sogar mit kuschliger Zusatzheizung von Eberspächer.
Plus/Minus
Drei Dinge sind entscheidend beim Carrera-2-Kauf: Motor, Getriebe und Echtheit. Zur Echtheit gibt es mehr beim Punkt "Marktlage", mit der Technik kennt sich zum Beispiel Wolfgang Reile von der Firma Classic Power aus. "Wann wurde der Motor gemacht? Von wem?" Rechnungen sollten vorliegen. Reile empfiehlt einen Druckverlusttest; nicht selten gibt's undichte Stellen zwischen Zylinder und Zylinderkopf. Wenn der Motor an Einlass- oder Auslasswelle undicht ist oder bei undichten Kolbenringen öffnet Reile ihn. Die Ventildeckel nimmt er ohnehin ab und prüft, ob Schlepphebel oder Nocken eingelaufen sind. "Dort sind acht Lagerböcke aus Alu. Die werden von Hand eingesetzt und maximal mit einem leichten Gummihammer geschlagen – wenn da Schlagspuren drauf sind, ist es Murks."

Der Tacho im schicken Cockpit reicht bis 250. Auch der eigentliche Topspeed von 200 km/h kann sich beängstigend anfühlen.
Bild: Christian Bittmann / AUTO BILD
Falls bei der Probefahrt der vierte Gang singt, ist er wohl verschlissen. Zwischen Rädergehäuse und Schaltung hat der Carrera 2 nicht die übliche Platte aus Alu, sondern eine dunklere aus Guss, das findet man bei der Sichtprüfung heraus. Beim 356 C sollte ein Blick auch der Ringbremse vor der Scheibenbremse gelten: Der Bremskolben ist hartverchromt, so Reile, "wenn der angerostet ist oder Chrom abplatzt, wird's undicht."
Auch als Nicht-Fuhrmann-nicht- Carrera ist ein 356 ein kompliziertes und teures Vergnügen. Üble Spachtel-Restaurierungen sollten bei den seltenen Carrera-Modellen die Ausnahme sein, aber auf jeden Fall sollte bei einer Besichtigung ein 356-Spezialist das Auto von oben nach unten inspizieren. Wer einen 356 mit Reutter-Karosserie hat, kann unter erlkoenig-classic.de für 356 Euro die Auslieferungsbescheinigung bestellen, die die originalen Farben und Ausstattungen dokumentiert.
Marktlage
Vorsicht! Ein ziviler 356 B/T 6 1600 Super 90 ist als Cabrio laut Classic Data in Zustand 2 rund 118.000 Euro wert (Zustand 3: 82.000 Euro). Das heißt, Fälscher könnten mit einem Fuhrmann-Motor, Scheibenbremsen und ein paar Manipulationen an Auto und Papieren mal eben fast eine halbe Million mehr rausschlagen. Vor einem Kauf also besser das Auto forensisch untersuchen lassen. Spezialisierte Händler wie Ande Votteler (356911.eu) helfen bei der Suche nach einem Auto.
Ersatzteile
Porsche selbst hat längst nicht alles, aber was sie haben, kostet Porsche-Preise: Einlassventil zum Beispiel 339 Euro, Auslassventil 392 Euro, Kurbelwelle 7470 Euro. Doch, wirklich. Wo etwas fehlt, findet sich jemand, der es nachfertigt.
Weitere Preisbeispiele und Quellen: Motorgehäuse 17.677 Euro, Zwischenwelle mit Steuerrad 2963 Euro (sportwagen-eckert.com), Batteriekasten 1034 Euro (porsche356-blechteile.de), Reparatursatz fürs ZF-Lenkgetriebe 1343 Euro (de.parts-wise.com), Kupplungskit und Schwungradsatz 3047 Euro, Ölkühler 1009 Euro (design911.com).
Service-Links










