Wer sich nicht ganz so gut mit Klassikern auskennt, kann beim 356 ins Straucheln kommen. Doch die (zumindest aus der Ferne vorhandene) Ähnlichkeit mit dem Käfer ist bei einem zweiten Blick schnell dahin. Denn beim 356 handelt es sich um einen waschechten Porsche! Und hier haben wir es nicht mal einer der üblichen 356, sondern mit der Ober-Über-Topversion zu tun: dem 2000 GS Carrera 2 mit dem legendären Fuhrmann-Motor, noch dazu als Cabrio!
PORSCHE 356 B CARRERA 2 CABRIOLET
Der Fuhrmann-Motor mit Königswellen (die vier oben liegende Nockenwellen antreiben) und Doppelzündung dreht locker bis 6200/min.
Bild: Christian Bittmann / AUTO BILD
Aber um unerfahrene Motoristen in Schutz zu nehmen: Wenn er so im Augenwinkel heranprasselt mit seinem Verdeckkragen und den Käfer-Scheinwerfern, der Porsche, da kann man ihn schon kurz ver­wechseln. Juristen nennen das "Augenblicksversagen".
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Am Steuer kann das auch mal passieren. Du sitzt dicht hinter dem riesigen Lenkrad auf beque­men, aber rutschigen Sitzen, lässt die Gänge nach langen Schaltwe­gen locker reinflutschen (nur der Dritte ist etwas gnurpelig), hinter dir prasselt leise und harmlos der Boxermotor. Fast wie im Käfer.
Dann trittst du das stehende Gaspedal durch. Der Motor scheint sich erst sammeln zu müssen, aber ab 2500/min zieht er hoch wie angestochen, den anderen Autos auf und davon. Ernsthaft? "Das ist mein voller Ernst", scheint der Bo­xer zu brummen mit seinem Bari­ton, breit, bärig, bärtig. Wo ande­re Boxer zäh werden, dreht dieser immer höher. Käfer? Oh nein! Die­ses Auto ist eine Waffe.

Cabrio mit Sportwagen-Genen

Eigentlich sollte er vor allem ein Rennwagen werden. Geplant wa­ren 100 Exemplare, um das Auto für den GT-Rennsport zu homo­logieren. Aber die Nachfrage war größer. Im April 1962 lief die Klein­serie an, 436 Stück baute Porsche, 310 davon als 356 B und den Rest als 356 C. "Carrera 2" heißt er we­gen des Zweilitermotors – der geht zurück auf den komplexen 1,5-Li­ter-Rennmotor, den Ernst Fuhr­mann 1953 für den 550 Spyder konstruiert hatte. Porsche verlän­gerte den Hub radikal von 66 auf 74 Millimeter, vergrößerte die Boh­rung nur um zwei Millimeter. Vor­teil: vor allem mehr Drehmoment bei mittleren Drehzahlen.
PORSCHE 356 B CARRERA 2 CABRIOLET
Gelungene Tarnung: Mit seinem Verdeck-Kragen wirkt der Carrera täuschend betulich.
Bild: Christian Bittmann / AUTO BILD
Als Motorjournalisten an Vor­serienautos die wenig standfesten Trommelbremsen kritisierten, ent­wickelte Porsche Scheibenbrem­sen gleich für vorn und hinten. Die Räder nach Käfer-Bauart er­möglichten Scheiben mit 30 Zen­timeter Durchmesser und, weil die Bremse das Rad mitträgt, nur 300 Gramm Mehrgewicht pro Rad gegenüber der Trommel­bremse. Ergebnis: ein Rennwagen, ge­tarnt in der Karosserie eines Lu­xuscabrios. Sogar mit kuschliger Zusatzheizung von Eberspächer.

Plus/Minus

Drei Dinge sind entscheidend beim Carrera-2-Kauf: Motor, Getriebe und Echtheit. Zur Echtheit gibt es mehr beim Punkt "Marktlage", mit der Technik kennt sich zum Beispiel Wolfgang Reile von der Firma Clas­sic Power aus. "Wann wurde der Motor gemacht? Von wem?" Rech­nungen sollten vorliegen. Reile empfiehlt einen Druckverlusttest; nicht selten gibt's undichte Stellen zwischen Zylinder und Zylinderkopf. Wenn der Motor an Einlass- oder Auslasswelle undicht ist oder bei undichten Kolbenringen öffnet Reile ihn. Die Ventildeckel nimmt er ohne­hin ab und prüft, ob Schlepphebel oder Nocken eingelaufen sind. "Dort sind acht Lagerböcke aus Alu. Die werden von Hand eingesetzt und ma­ximal mit einem leichten Gummiham­mer geschlagen – wenn da Schlag­spuren drauf sind, ist es Murks."
PORSCHE 356 B CARRERA 2 CABRIOLET
Der Tacho im schicken Cockpit reicht bis 250. Auch der eigentliche Topspeed von 200 km/h kann sich beängstigend anfühlen.
Bild: Christian Bittmann / AUTO BILD
Falls bei der Probefahrt der vierte Gang singt, ist er wohl verschlis­sen. Zwischen Rädergehäuse und Schaltung hat der Carrera 2 nicht die übliche Platte aus Alu, sondern eine dunklere aus Guss, das findet man bei der Sichtprüfung heraus. Beim 356 C sollte ein Blick auch der Ringbremse vor der Scheibenbrem­se gelten: Der Bremskolben ist hartverchromt, so Reile, "wenn der angerostet ist oder Chrom abplatzt, wird's undicht."
Auch als Nicht-Fuhrmann-nicht- Carrera ist ein 356 ein komplizier­tes und teures Vergnügen. Üble Spachtel-Restaurierungen sollten bei den seltenen Carrera-Modellen die Ausnahme sein, aber auf jeden Fall sollte bei einer Besichtigung ein 356-Spezialist das Auto von oben nach unten inspizieren. Wer einen 356 mit Reutter-Karos­serie hat, kann unter erlkoenig-classic.de für 356 Euro die Auslie­ferungsbescheinigung bestellen, die die originalen Farben und Ausstat­tungen dokumentiert.

Marktlage

Vorsicht! Ein ziviler 356 B/T 6 1600 Super 90 ist als Cabrio laut Clas­sic Data in Zustand 2 rund 118.000 Euro wert (Zustand 3: 82.000 Euro). Das heißt, Fälscher könnten mit einem Fuhrmann-Motor, Scheibenbremsen und ein paar Mani­pulationen an Auto und Papieren mal eben fast eine halbe Million mehr raus­schlagen. Vor einem Kauf also besser das Auto forensisch untersuchen lassen. Spezialisierte Händ­ler wie Ande Votteler (356911.eu) helfen bei der Suche nach einem Auto.

Ersatzteile

Porsche selbst hat längst nicht alles, aber was sie haben, kostet Porsche-Preise: Einlassventil zum Beispiel 339 Euro, Auslassventil 392 Euro, Kurbelwelle 7470 Euro. Doch, wirklich. Wo etwas fehlt, fin­det sich jemand, der es nachfertigt.
Weitere Preisbeispiele und Quellen: Motorgehäuse 17.677 Euro, Zwischenwelle mit Steuerrad 2963 Euro (sportwagen-eckert.com), Batteriekasten 1034 Euro (porsche356-blechteile.de), Reparatursatz fürs ZF-Lenkgetrie­be 1343 Euro (de.parts-wise.com), Kupplungskit und Schwungradsatz 3047 Euro, Ölkühler 1009 Euro (design911.com).