Um einen Oldtimer zu fahren, braucht man schon spezielle Gene, das wissen wir alle. Es gibt aber noch eine Steigerung: Oldtimer fahren, die auch schwimmen können. Einer, der genau diesen Gen-Cocktail in sich hat, ist René Pohl aus Aerzen im Landkreis Ha­meln-Pyrmont. Mit seinem hell­wachen Blick schwärmt er: "Alte Autos lagen mir schon immer im Blut, ich fand das schon immer geil."
So weit, so gut, so haben eigentlich die meisten Oldtimer-Karrieren begonnen. Irgendwann aber in seiner Schulzeit fährt der 15-jährige René das erste Mal in einem Amphicar mit, von jetzt an ist alles anders, der Schwimm­wagen hat ihn gepackt: "Ich woll­te nur noch Amphicar!", erinnert er sich.
Der Fahrtenschwimmer
Mit der Faszination Amphicar fing alles an. Für seine Amphibienfahrzeuge musste René Pohl einen Bootsführerschein machen.
Bild: Jan Merlin Friedrich / AUTO BILD
Nur: Als Schüler ist so ein Amphicar-Kauf auch in den 80er-Jahren schwer zu stemmen. René überlegt und findet eine Lösung, er baut einfach selbst welche: "Ich habe Modelle gebaut, im Modelleisenbahn-Maßstab 1:87. Amphicars und englische Roads­ter, die gab es nämlich alle nicht als kleine Modelle. Keine Bau­sätze, sondern alles selbst ge­macht."
Der pfiffige Schüler sucht in Oldtimer-Zeitungen nach Adressen, um seine Model­le gewinnbringend veräußern zu können. Mit Erfolg: Der Amphi­car-Club Berlin findet die klei­nen Schwimmwagen so schick, dass er gleich 40 Exemplare für seine Mitglieder bestellt und René sogar einlädt, inklusive Probefahrt. Frechheit siegt eben doch, den Gewinn packt René zur Seite. Und überhaupt, er spart jeden Pfennig, monate­lang, jahrelang: "Wenn meine Freunde zum Feiern gegangen sind, bin ich schön zu Hause ge­blieben."

Das erste Auto: harte Verhandlungen

Das zahlt sich aus, mit sei­nem Startkapital ist er seinem Ziel schon deutlich näher. Nur sein Vater ist von dem Vorha­ben wenig bis gar nicht ange­tan: "Er sagte, ich solle erst mal groß werden, eine Familie gründen und ein Haus bauen. Dann könne ich mir auch einen Oldtimer kaufen." Diese Ansage ist allerdings zwecklos, René sucht und findet einen Wagen: "Der stand in Wesel am Rhein, er war Baujahr 1961. Ein älterer Herr hat ihn angeboten und wollte 12.000 Mark dafür haben. Ich hatte aber nur 6000. Ich hab im Laufe der Zeit immer wieder angerufen, dann wollte er irgendwann 10.000 Mark. Ich hatte aber immer noch nur 6000, das hat sich über ein Jahr so hingezogen."
Nebenbei macht er den Boots­führerschein, den braucht er näm­lich, damit er mit dem Schwimm­wagen ins Wasser darf, wenn er denn mal endlich einen hat. Eines Tages im Jahr 1987 kommt René, inzwischen ist er Zivildienstleis­tender, abends nach Hause. Sein Vater sagt ihm, es hätte jemand angerufen, ein komischer Kauz sei das gewesen. René ahnt was und ruft zurück. Es ist der Mann aus Wesel: "Er sagte, wenn du die Kar­re noch haben willst, komm vor­bei", erzählt René.
Jetzt muss er den Amphicar nur noch abholen: "Ich habe meinem Zivi-Chef ge­sagt, entweder sage ich die Wahr­heit oder ich bin morgen krank." Erlaubnis erteilt, er bekommt frei und holt seinen automobilen Traum nach Aerzen. "Eine Woche stand der Wagen in der Garage, dann habe ich ihn erst mal auseinandergebaut. Als dann alles so verteilt da rumlag, war mein Vater schockiert!" Der stolze Amphicar-Besitzer bestellt sich einen Schwei­ßer und macht mit ihm einen Festpreis von 600 Mark für die an­fallenden Arbeiten aus. "Der kam aber nicht, also bin ich losgegan­gen, habe mir für die 600 Mark ein Schweißgerät gekauft und das alles selber gemacht." Der Wagen wird lackiert, und René lässt ein Wert­gutachten erstellen. "Als mein Va­ter das gesehen hat, und da stan­den ungefähr 20.000 Mark, fand er das richtig gut."
Der Fahrtenschwimmer
Ein zuverlässiges Arbeitstier, der Amphi-Ranger: schnell, robust und mit viel Platz.
Bild: Jan Merlin Friedrich / AUTO BILD
Der Zivildienst ist vorbei, das Studium wartet, und René hat wie­der eine Idee. Er möchte ein Prak­tikum machen, am besten bei RMA im badischen Rheinau, hier wird nämlich der hochpreisige Amphi-Ranger gebaut. Und wieder siegt die Frechheit: "Ich habe da einfach angerufen und mich direkt zum Firmenchef durchstellen lassen. Dem habe ich gesagt, ich wäre Am­phicar-Fan und möchte bei ihm ein Praktikum machen. Dann hat er mich gefragt, wann ich anfangen könnte. Ich sagte ihm, dass ich es heute nicht mehr schaffen würde, die 450 km zu fahren, aber morgen um 12 Uhr, das würde ich hinkrie­gen. Um 13 Uhr hatte ich den Ver­trag. Da konnte ich sehen, wie man die Amphi-Rangers zusammen­schweißt. Und meinen eigenen Wagen habe ich da auch gleich repariert."

Unter Gleichgesinnten

René ist inzwischen Mitglied im Amphicar-Club, den kennt er ja noch von früher. Und er ist viel unterwegs, vornehmlich zu Was­ser. So auch mit seinem Vater und seiner Schwester bei einer nächtlichen Flussfahrt auf der Weser: "Auf einmal kam da Nebel auf, und wir haben nichts mehr gesehen. Ich habe mich vorne auf den Kotflügel gesetzt, mein Vater hat gelenkt. Plötzlich haben wir ein gespenstisches Licht gesehen, mitten auf dem Fluss. Wir hatten keine Ahnung, was das war", er­zählt er. Der Vater steuert den Amphicar dicht ans Ufer, als sich kurz darauf eine Schiffswand di­rekt neben dem Wagen zeigt und dann wieder verschwindet.
Jah­re später ist René beim Tag der offenen Tür bei der Marineka­meradschaft, sitzt an Bord eines Schiffes und gibt seine Story zum Besten. Die ehemaligen Marine­angehörigen lachen sich kaputt, ihnen kommt die Geschichte be­kannt vor, und sie erzählen René ihre Version: Ein abgerüstetes Minenräumboot sollte in jener Nacht nach Hameln gebracht werden, um dort als Clubheim der Kameradschaft zu dienen. Weil keine Beleuchtung mehr an Bord war, musste die Besatzung mit einer Taschenlampe am Bug voraus leuchten. Die Besatzung hatte es sich mit einem Bier und ihrer Taschenlampe gemütlich gemacht, als einer ruft: "Da schwimmt ein Auto!" So schnell es aufgetaucht war, war es auch wieder im Nebel verschwunden, zum Glück ohne Unfall.
Der Fahrtenschwimmer
Unikat von 1987 aus der ehemaligen DDR. Der Selbstbau ist optisch an die Mercedes G-Klasse angelehnt.
Bild: Jan Merlin Friedrich / AUTO BILD
1992 lernt René seine Frau kennen, natürlich im Amphicar. Er bietet über die Mitfahrzentrale einen Platz von Bielefeld nach Köln an. Als Christien einsteigt, ist der erste Kommentar: "Kön­nen wir das Dach zumachen?" René schließt das Verdeck, man versteht sich, und die Fahrt wird ein voller Erfolg, der bis heute an­hält.
Zwei Jahre später hat René wieder eine seiner fast schon le­gendären Ideen: Er möchte den Kanal von Calais nach Dover überqueren. Die französischen Behörden finden das aber nicht gut. Also fährt René samt Auto mit dem Schiff nach Dover und will es andersrum versuchen. Als er einen lokalen Fischer als Be­gleitboot anheuern will, rät ihm dieser, die Fahrt nicht anzutre­ten. Die Strömung wäre zu stark, er sähe da für René keine Chance. "Ich habe lieber auf den gehört, der wusste, wovon er spricht", erinnert er sich. Es bleibt bei einer Amphicar-Fahrt vor den Kreidefelsen von Dover. Zurück kommt er, samt Auto, wieder mit dem Schiff.
Im Jahr darauf kann René die Vorteile seines Autos in einer erns­ten Hochwasser-Situation bewei­sen. Als in Rinteln mehrere Pferde auf einer Weide durch die Fluten nicht mehr zu erreichen sind, fährt er einen Veterinär übers Wasser zu den Tieren. Der gibt den Pfer­den dann Beruhigungsspritzen, damit sie mit einem Helikopter ausgeflogen werden können.

Kreative Suche nach Exoten

Am 9.9.1999 heiratet René, in­zwischen ist er Ingenieur für Fahrzeugtechnik, seine Christien. Natürlich ist das Brautauto der Amphicar. Und es gibt automobilen Zu­wachs, einen LuAZ-967M, den er erst 2023 wieder verkaufen wird. 2002 sucht René einen GAZ-46, findet aber keine Angebote. Also entwirft er einfach eine eigene Website mit Anzeigen für den Ver­kauf von Amphibienfahrzeugen. "Da konnte ich dann als Erster die Anzeigen lesen, das war der Plan."
Bei den Annoncen taucht zwar kein GAZ-46 auf, dafür aber einer der extrem begehrten Amphi-Ranger, Baujahr 1985. "Das war finanziell nicht einfach, ich hatte ein Kind, das zweite war im Anmarsch. Ich habe mir das Geld überall zusammengeliehen, bei Freunden und Bekannten." Der Amphi-Ranger steht bei Rüdes­heim am Rhein, René holt den Wa­gen dort ab. "Daraus hat sich eine Freundschaft entwickelt, ich fahre den Verkäufer seit 2003 jedes Jahr besuchen, immer im Oktober."
Einmal im Jahr gibt es das Tref­fen der Treffen für Amphibienfahr­zeuge, die internationale "Am­phib", 2003 findet es in London statt. Eigentlich wollte René mit seinen Club-Kollegen im Konvoi durch die City von London fahren, dafür bekommen sie aber keine Genehmigung. Wie praktisch, dass ihre Autos auch schwimmen kön­nen und mitten durch London die Themse fließt. "Wir sind irgendwo bei Greenwich ins Wasser gefah­ren, dann unter der Tower Bridge durch zu den Houses of Parlia­ment. Die wollten wir natürlich ganz aus der Nähe sehen." Das mögen die Schwimmwagenfahrer gut finden, die englischen Ord­nungshüter sind allerdings not amused! "Auf einmal war da die Wasserschutzpolizei mit einem Boot neben uns", erzählt René, "die haben richtig den strengen Zeigefinger erhoben und uns dann aber weiterfahren lassen."
Der Fahrtenschwimmer
Renés nächstes Projekt, er nennt es die eierlegende Wollmilchsau. Ein Russe namens Ithiander hat den Wagen 1979 gebaut.
Bild: Jan Merlin Friedrich / AUTO BILD
Renés Sammlung wächst wei­ter. Ein Exot aus Alu ist das nächs­te Objekt, ein Aquoni von 1980. Der Prototyp sieht aus wie die Ur-Form des Tesla Cybertruck. Auf Basis des VW K 70 und mit dessen Technik ausgestattet, hat der Aquoni einfahrbare Räder und erreicht bei Gleitfahrt im Wasser eine ordentliche Geschwindigkeit. "Den habe ich geschenkt bekom­men", freut sich René, "das ist so ein tolles Auto!"
Weniger schnell ist der Homex, ein Selbstbau-Schwimmwagen von 1987 aus der ehemaligen DDR, der eher lang­sam schwimmt und auch auf der Straße verhalten agiert. "Den habe ich über einen Freund bekommen. Er ist deshalb nicht in Serie gegan­gen, weil die DDR-Chefs Angst hat­ten, dass die Leute damit über die Ostsee oder andere Gewässer flüchten könnten", grinst René.
Und dann hat er noch einen russischen Ithiander von 1979 in der Garage stehen, den er herrich­ten will. "Das Einzelstück habe ich aus Russland, der kann alles, Kombi, Cabrio, Geländewagen, Schwimmer, und eine Seilwinde hat er auch."
Das imposanteste Stück in der Pohl'schen Halle ist der Fiat 6640/A, ein ehemaliges Fahrzeug der italienischen Feuer­wehr, Baujahr 1972. Der 7,3 Meter lange 6,5-Tonnen-Koloss erschien so gut wie nie auf dem Markt. Einmal aber doch: "Den habe ich bei eBay gefunden. Der stand bei einem Autohändler in Norditalien. Ein Freund von mir hat recher­chiert und mich vor dem Verkäu­fer gewarnt, weil der nämlich schon dreimal im Knast gewesen wäre. Er soll nämlich die Autos immer doppelt verkauft haben. Mein Vater ist runtergefahren, und ich sagte ihm, er solle erst bezah­len, wenn er in dem Fahrzeug sitzt!"
Der Fahrtenschwimmer
Ungewöhnliche Sitzanordnung im Aquada: Der Fahrer ist in dem Dreisitzer mittig platziert.
Bild: Jan Merlin Friedrich / AUTO BILD
Renés ganzer Stolz aber ist der Gibbs Aquada von 2003, der Wagen hat es in sich: Im Wasser macht er, wenn er seine Räder hochgeklappt hat, satte 25 Knoten (46 km/h)! Der Aquada ging nie in Serie. René konnte ihn 2017 ge­meinsam mit Christien in Holland kaufen.
Eine stattliche Sammlung, die René zur nächsten Idee getrieben hat: "Ich wollte ein Museum bau­en, aber das ist einfach zu teuer. Um das Gebäude zu finanzieren, hätte ich die Fahrzeuge verkaufen müssen. Übrigens, meine Frau trägt mein Hobby immer mit, auch finanziell. Allein ginge das nicht!" Er ist froh, wenn er seine Vorhaben alle noch verwirklichen kann: 2Der Tag hat nur 24 Stun­den, und ich nehme schon die Nacht dazu!"