Manchmal hat das Raum-Zeit-Kontinuum ein Leck. Dann bist du zum Beispiel in Einbeck, Niedersachsen (also in Westdeutschland), lange nach der Wende – und trotzdem knattert auf einmal ein Wartburg 353 der DDR-Volkspolizei um die Ecke. Du siehst das Wappen mit Hammer und Zirkel im Ährenkranz, hörst den Zweitakter, riechst die blaue Abgasfahne.
Die Eisenacher Automobilwerke lieferten Wartburg für die Polizei in Weiß aus (na ja, DDR-Weiß); den Lack in Oliv unten ließen die örtlichen Behörden drauflackieren.
Bild: Florian Spieker / AUTO BILD
Warum der DDR-Wartburg im Westen ist
Sooo überraschend ist das gar nicht. Denn in Einbeck ist das Raum-Zeit-Kontinuum ziemlich durchlöchert. Schließlich ist der PS.Speicher dort eine der größten Oldtimersammlung Europas. Und deshalb kommt dort öfter mal was um die Ecke gefahren, das an einem anderen Ort und vor allem in einer anderen Zeit zu Hause war.
Wer sich unsanft hier abstützen musste, sollte wissen, mit wem er es zu tun hat.
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Dieser Wartburg 353 fuhr bei der Volkspolizei in Stralsund
Unser Vopo-Wartburg zum Beispiel ist auch Teil der PS.Speicher-Sammlung. 1986 wurde er in Eisenach gebaut und an der Ostsee für den Dienst bei der Schutzpolizei ausgerüstet.
Schmutzfänger waren in der DDR vorgeschrieben, für Abgasrohre galt Vollbeschäftigung, und die Nebelschlussleuchten hatten Weltniveau.
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Das bedeutet: Der untere Teil wurde olivgrün überlackiert, der Wartburg bekam Logos und Schriftzüge, auf dem Dach wurde die "Sondersignalbrücke" mit Blaulicht, Sirene und Lautsprecher für Durchsagen angeschraubt.
Innen bekam er noch wesentlich mehr Polizei-Ausstattung – Details dazu weiter unten im Artikel. Jedenfalls trat unser Wartburg 1986 seinen Dienst bei der SchuPo in Stralsund an, kurz vor Rügen, Deutschlands größter Insel.
Wer weiß, welche dramatischen Festnahme-Szenen diese Dellen in der Wartburg-Flanke hinterließen.
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Technisch ist das späte Exemplar ein Wartburg 353 W (wie "Weiterentwicklung"); je nach Ausführung wird das Modell auch als 353 S geführt.
Der Führerstand des Wartburg: so ergreifend funktional, dass selbst die Lenkradspeiche Gänsehaut bekommt. Die Halterung fürs Funkgerät ist futsch, das Gerät selbst ist noch im Wagen.
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Warum der Wartburg als Funkstreifenwagen abgelöst wurde
Selbstverständlich war das nicht. Wartburg 311, 312 und 353 waren zwar lange die typischen Modelle der Volkspolizei gewesen, aber in den 80er-Jahren wurden Wartburg-Funkstreifenwagen (FuStW) "fast nur noch zur Unfallaufnahme eingesetzt", berichtet der Förderkreis Polizeihistorische Sammlung Berlin – offenbar stank der 50-PS-Zweitakter den Genossen Polizisten bei langsamer Fahrt.
Viele in der DDR haben gesessen – manche, die dabei halfen, haben hier gesessen. Und zwar bequem.
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Rücksitzbank und Knieraum boten genug Platz auch für hochgeschossene oder langbeinige Tatverdächtige.
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Der Wartburg 1.3 mit VW-Viertakter und zunächst 58 PS kam erst 1988. Vorher also "begann die Zeit der Lada- und Wolga-Funkstreifenwagen".
Die Ermittlungen führen nach Holland, Berlin und Einbeck
Anders als manch ein Wartburg, der 1990 in "Bundesgrün" umlackiert wurde und von einem neuen Bundesland übernommen wurde, fand dieser Wartburg 353 eine neue berufliche Herausforderung: Ein Filmautoverleih nahm ihn auf. Wenn wir herausfinden, in welchen Filmen oder Serien er auftrat, melden wir das hier.
Er tauchte beim niederländischen Händler Potomac Classics auf, in Terborg etwa nördlich von Duisburg. Über Helmut Larkamp, der in Berlin für den Oldtimerhändler Eberhard Thiesen arbeitet, aber auch als Pkw-Kurator für den PS.Speicher, kam der Wagen 2018 nach Einbeck.
Welche Polizei-Ausrüstung steckt im VoPo-Wartburg?
Sondersignalanlage in der "Komplettvariante": Blaulicht, Presstonlautsprecher links und rechts und Sirene in der Mitte. Dahinter: Antenne fürs Funkgerät.
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Auf dem langen Weg kamen ein paar Teile der Ausrüstung abhanden. Die Türverkleidungen zum Beispiel haben noch Halterungen für Kellen, aber keine Kellen mehr. (DDR-Witz dazu: Warum hat der Volkspolizist eine Kelle? Damit er Verdacht schöpfen kann.)
Pusten Sie mal! Alkoholtester "Alcolor" mit Ampullen, deren Granulat sich verräterisch verfärbte.
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Keine Zweitakt-Witze, bitte! Als Schutzpolizei im Kalten Krieg hatten die Kameraden auch ABC-Schutzmasken dabei – man wusste ja nie, ob die Ru... die Amis kommen.
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Dieses Warndreieck mit seinem breiten Metallstativ haut so schnell kein Lkw-Fahrtwind um.
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Wie fühlt es sich an, ein Vopo-Auto zu fahren?
Wenn man sich in einen Vopo hineindenken möchte, fühlt man sich wichtiger als ein Fahrer eines Zivil-Wartburg. In der Polizistenrolle beobachtet man seine Umgebung aufmerksamer. Schon "Herr Holm" (Comedian Dirk Bielefeldt in der Rolle eines Polizisten) prägte die Weisheit: "Jeder Mensch ist ein potenzieller Straftäter." Kleine Verkehrsordnungswidrigkeiten anderer Teilnehmer übersehen wir großzügig, schließlich sind wir die Schutzpolizei, nicht die Verkehrspolizei. Wir sind Teil des Sicherheitsapparats, merken Sie sich das, Genosse.
Einsatz bei Einbeck: Der rübergemachte Vopo tut nun Dienst als Museumsfahrzeug des PS.Speichers.
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Wie fährt sich dieser Wartburg 353 der DDR-Volkspolizei?
Davon abgesehen, fährt sich der Polizei-353 wie jeder andere späte Wartburg 353 auch. Der Zweitakter dreht rasselnd hoch und klingt dabei noch sportlicher, als das Auto tatsächlich beschleunigt. Hochdrehen ist Pflicht, denn schon der zweite und der dritte Gang sind lang übersetzt.
Die Schaltung ist nicht des Wartburgs Stärke; in unserem Exemplar ist sie dazu noch verschlissen, der Schalthebel scheint die Bewegungen über warme Lakritze ans Gestänge weiterzugeben.
Das einschlägige Presseorgan AUTO BILD würdigt kritisch Bedienbarkeit der Wartburg-Lenkradschaltung mit vier Vorwärtsgängen.
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Dennoch erreichen wir zügig ein Tempo, das auf DDR-Knüppeldämmen riskant gewesen wäre. Die Motorhaube zittert, als wollte sie gleich hochklappen.
Überhaupt ist Vibrieren eine Kernkompetenz der Karosserie. Der Motor mag zwar das alte DKW-Versprechen "3=6" (ein Zweitakter sei mit drei Zylindern so laufruhig wie ein Viertakter mit sechs) nicht völlig einlösen – aber bei Konstantfahrt ist an der Laufkultur nichts auszusetzen.
So schlau ist die Wartburg-Karosserie konstruiert
Mit seinem Zweitakter und seiner DDR-Geschichte wirkt der Wartburg 353 auf viele Wessis und Spätergeborene erst mal hochgradig exotisch. Beim Benutzen aber nimmt man gern hin, wie vernünftig und logisch die Zentimeter hier verteilt sind, wie selbstverständlich der Wagen seine Nutzerfreundlichkeit darbietet.
Man steigt bequem ein und aus, bis auf Sitzriesen ist für alle genug – wenn auch nirgends zu viel – Platz. Gerade richtig. Man sitzt bequem, sieht in alle Richtungen hervorragend, die Kanten auf Motorhaube und Kofferraumdeckel zeigen, wo der Wartburg zu Ende ist.
Windgeräusche vom Blaulicht? Die fallen nicht auf. Überhaupt ist das einzige, was dich davon abhält, sofort an den Balaton zu fahren, das Geräuschniveau. Eine Reisegenehmigung braucht's ja nicht mehr. Ansonsten ist der Wartburg 353 sehr reisetauglich.
Es war nicht alles schlecht!
Technische Daten Wartburg 353 W (1986)
Der Dreizylinder-Zweitakter liegt weit vor der Vorderachse, die er mit bis zu 50 PS antreibt.
Bild: Florian Spieker / AUTO BILD
Motor Dreizylinder-Zweitakt-Reihenmotor, vorn längs, wassergekühlt, Registervergaser (Jikov 32 SEDR)
Antrieb Viergang-Schaltgetriebe mit sperrbarem Freilauf in allen Gängen, Frontantrieb
Beschleunigung 0–100 km/h ohne Polizeiausrüstung 21 Sekunden
Höchstgeschwindigkeit ohne Polizeiausrüstung 130 km/h
Bremsen vorn Scheiben, hinten Trommel
Reifen am Testwagen 175/70 R13 82T
Länge/Breite/Höhe ohne Sondersignalanlage 4380/1642/1495 mm
Radstand 2450 mm
Leergewicht ohne Polizeiausrüstung 970 kg
Verbrauch ohne Polizeiausrüstung ca. 9,8 Liter Gemisch/100 km
Tankinhalt 42 Liter
Neupreis (1986) ohne Polizeiausrüstung 16.950 Mark der DDR
Bei der Fahrzeugelektrik haben die Genossen in Eisenach ganze Arbeit geleistet. Die Turbine hinten gehört zur Heizung vom VEB Fahrzeugheizungen Kirchberg bei Zwickau, der später von Behr geschluckt wurde.
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Was ist ein Wartburg 353 heute wert?
Classic Data taxiert den Wert eines Wartburg 353 W als Zivilfahrzeug im Jahr 2026 in Zustand 2 auf 7200 Euro, in Zustand 3 auf 4500 Euro.