Initiative wurde in der DDR nicht automatisch gefördert. Zumal wenn sie einen spaßigen Beigeschmack hatte. Oder gar ein Aroma von Privatwirtschaftlichkeit. Mit Überzeugungskraft und Beharrlichkeit hat Heinz Melkus es dennoch geschafft, einen Rennwagen zu bauen. Nicht als Bastler hinter hölzernen Garagentoren, sondern als Unternehmer mit kompetenten Partnern: Wartburg-Techniker arbeiteten mit, Hochschulingenieure, Designer von der Berliner Hochschule für Bildende Kunst, der Motorsportverband ADMV. Der VEB Blechverformungswerk Leipzig und der VEB Robur-Werke Zittau lieferten Karosserie und Technikteile. Oft waren Komponenten nicht verfügbar, doch Melkus hatte einen Metzger in der Verwandtschaft, tauschte – so will es die Legende – Schinken gegen Sitzbezüge. Das Ergebnis beeindruckt: 101 Exemplare, teils Straßensportwagen, teils Rennautos. Flügeltür hoch, und der Fahrer gleitet in einen Sitz, der tiefer steht als in manchem rassigen Italiener. Dass viele Teile im Innenraum vom Wartburg stammen, stört heute niemanden.
Melkus RS1000
Italienisches Stilgefühl kann auch aus Dresden kommen, das grazile Melkus-Heck beweist es.
Wie es sich für einen Sportwagen gehört, dominiert im Melkus RS 1000 ein großer Drehzahlmesser den Instrumententräger ohne roten Bereich. Der Tacho reicht bis Tempo 250 – die würde der Melkus selbst im freien Fall kaum er reichen. Hinter den kurzen Sitzen kauert ein Motor, der mit unglaublicher Lautstärke und heftigem Schütteln erwacht – aber aus dem Wartburg 353 stammt und im Serienzustand 70 PS leistet. Für einen Einliter-Dreizylinder-Zweitakter ist das schon mal nicht schlecht; einige Melkus bringen eher 90 als 70 PS. Nach kurzer Warmlaufzeit beruhigt sich das Rengdengdeng-Getöse, der Abgasnebel in den Außenspiegeln lichtet sich. Um auf Touren zu kommen, empfiehlt es sich, die Gänge aus zudrehen. Ganz wichtig bei einer Fahrt im Melkus: vor Kurven beherzt bremsen. Der heftig übersteuernde Mittelmotor-Sportler braucht eine harte, erfahrene Hand. Denn er macht klar, dass er ursprünglich für den Rennsport entwickelt wurde. Wer das Auto im Griff hat, erlebt eine ungeahnt hohe Querbeschleunigung. Der Melkus RS 1000 ist kein Spielzeug, sondern ein echter Sportwagen – Freiheit auf Rädern.

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Von

Stefan Voswinkel