Mercedes 300 TE 4MATIC: Test
Mercedes erster Vierradantrieb

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AUTO BILD-Archiv 9/1986: Über 13.000 D-Mark kostet der neue High-Tech-Allradantrieb in der Mittelklasse-Baureihe von Mercedes. Was die revolutionäre Allradtechnik 4MATIC alles kann, klärt AUTO BILD im ersten Test.
Ungläubig starrt mir der Platzwart hinterher, als ich langsam den steilen Schotterpfad hinunterrolle. Er hält mich für schlicht verrückt. Sich mit dem schweren Mercedes-Kombi auf ein solches Terrain zu wagen. Schließlich öffnet er sonst die Schranke zum Steinbruch nur für Geländewagen, deren Offroad-Qualitäten gar nicht zu übersehen sind. Mein Auto dagegen sieht hoffnungslos normal aus. Und als ich nach einer halben Stunde wohlbehalten und ohne fremde Hilfe wieder oben neben ihm stehe, quält ihn die Neugier. "Mit der Karre stimmt was nicht", stellt er verwundert fest, "das gibt's doch nicht, dass der diese Steigung schafft." Gibt's doch. Denn mein Mercedes-Kombi ist kein gewöhnlicher Mercedes, sondern ein ganz besonderes Exemplar, das es faustdick unter dem Blech hat. 4MATIC heißt des Rätsels Lösung, und ist die Antwort der Stuttgarter Autobauer auf die Allrad-Offensive der Konkurrenz.
Das Original: Der Artikel von 1986 als kostenloser Download
AUTO BILD konnte als erste Zeitung die Stärken des neuen revolutionären Allradantriebs auch im Kombi-Modell prüfen. Erstens: im Alltagsbetrieb auf trockener und nasser Straße. Zweitens: auf Sand und Schotter. Drittens: bei Schnee und Eis im hohen Norden. Wie fährt sich so ein Super-Mercedes, dem die Techniker die wohl eleganteste und modernste Variation zum Thema Allradantrieb eingepflanzt haben? Antwort: wie jeder andere Mercedes. Da ruckelt und zuckelt nichts, die perfekte Mercedes-Verarbeitung lässt keinerlei Verdacht auf Allrad-Können aufkommen. Wenn es auf Schotter plötzlich steil bergan ging, nutzte das Auto plötzlich auch die Vorderräder zum Antrieb. Doch das merkte ich nur daran, dass der Kombi plötzlich Steigungen schaffte, an denen er sonst mit Hinterradantrieb auf der Strecke geblieben wäre. Den Stuttgarter Autobauern kam es zunächst einmal darauf an, trotz Allradantrieb das typische Fahrverhalten eines heckgetriebenen Mercedes beizubehalten. Und das ist ihnen gelungen.
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Wie das geht? So: Die beiden Vorderräder werden nur dann angetrieben, wenn es notwendig ist. Ansonsten fließt die Motorkraft nur zu den Hinterrädern. Was so simpel klingt, ist ein kompliziertes technisches Wunder. Ein permanenter Allradantrieb, oder ein durch den Fahrer zuschaltbarer, war den Schwaben natürlich nicht gut genug, sie wollten die totale Perfektion. Unabhängig vom Fahrer entscheidet nun die Messelektronik, wann und in welchem Maße Vierradantrieb erforderlich ist. Und das blitzschnell: In Sekundenbruchteilen wird die Situation analysiert und über ein Hydrauliksystem der Allradantrieb zugeschaltet. Ich merke von diesem geisterhaften Geschalte nie etwas. Der Allrad-Mercedes benimmt sich gerade so, als wolle er seine wahren Qualitäten verbergen. Unmerklich schalten sich bei Bedarf die beiden Vorderräder zu und bringen mich sicher auch einen steilen, seifigen Anstieg hinauf. Wenn nicht ein orangefarbenes Lämpchen im Tachometer flackern würde, hätte ich überhaupt keine Ahnung, ob und wann mein guter Stern mit vier angetriebenen Rädern unterwegs ist – und wann ihm simpler Hinterradantrieb reicht.
Warum 4MATIC?
Nun, insgesamt vier Antriebsmöglichkeiten kann das Daimler-Benz-System automatisch schalten: Erstens: normalen Heckantrieb. Zweitens: ausgeglichenen Vierradantrieb (Kraftverteilung vorn/hinten 35 Prozent/65 Prozent). Viertens: Vierradantrieb mit eingeschalteter Sperre zwischen Vorder- und Hinterachse (längsgesperrt). Viertens: längsgesperrter Vierradantrieb mit gesperrtem Hinterachsdifferential. Für die einzelnen Schaltzustände gilt immer der gleiche Ablauf. Reicht die momentane Kraftverteilung nicht aus und dreht ein Rad durch, so wird sofort in den nächsten Bereich gewechselt – wiederum automatisch, stufenlos und nur so lange, wie es unbedingt notwendig ist. Im Extremfall ist also pro Sekunde ein zigfacher Wechsel vom totalen Allradantrieb bis zum einfachen Heckantrieb möglich. Im Fahrbetrieb merkt der Fahrer von all dem Hexenwerk zunächst einmal gar nichts.
Ich ertappe mich dabei, wie ich selbst auf der total vereisten Piste in Nordschweden durch Gasstöße versuche, die 4MATIC zu provozieren. Doch das gelingt nicht. Behutsam und ohne erkennbare Reaktionen durcheilt der Allrad-Mercedes tückische Glatteis-Passagen. Das Warnsignal im Tachometer signalisiert nur, dass die 4MATIC aktiv wird. So bin ich stets informiert, ob für meine augenblickliche Fahrweise der Heckantrieb ausreicht, oder ob bereits aus Sicherheitsgründen auf Allradantrieb gewechselt wurde – dann leuchtet das gelbe Lämpchen. Und das bedeutet: Vorsicht, du fährst im Grenzbereich. So ist das Mercedes Allrad-System ein echter Sicherheitsgewinn. Der Fahrer weiß in jedem Augenblick, ob er noch Sicherheitsreserven hat.
Anti-Blockier-Blockierer sind passé - ABS trotz Allradantrieb
Und auch aus einem anderen Grund gebührt der 4MATIC besonderes Lob. Das serienmäßig angebotene Antiblockiersystem (ABS) bleibt in seiner Wirkung vollkommen erhalten. Das ist keineswegs selbstverständlich. Denn bei herkömmlichen Allrad-Systemen behindern Differentialsperren, die für optimales Vorwärtskommen unverzichtbar sind, die Wirkung des ABS. Aber was dem Beschleunigen nützt, verkehrt sich beim abrupten Bremsen leider ins Gegenteil: Der Kraftausgleich funktioniert nicht mehr, wodurch das Heck zum Ausbrechen neigt. Im Prinzip müsste das auch für die 4MATIC gelten. Denn auch dort werden Differentialsperren eingesetzt. Nur wählten die Mercedes-Techniker hydraulisch betätigte Lamellensperren, die sich beim Bremsen automatisch lösen. So kann sich der Fahrer getrost auf sein ABS verlassen und bedenkenlos auf die Bremse treten.
Ich habe das ausprobiert. Eben noch am steilen Schotter-Hang gekraxelt, bleibt der Kombi bei der anschließenden Vollbremsung auf sandiger Bergab-Kurve voll lenkbar und bricht mit dem Heck nicht aus. Das verleiht eine ungewohnte Sicherheit, die jedoch auch bei diesem Super-Allradler trügerisch wirken kann. Zwar kann die Elektronik allzeit die optimale Kraftübertragung zur Verfügung stellen, die Physik kann sie nicht überlisten. Und das bedeutet, dass eine Kurve nicht mit beliebigem Tempo durchfahren werden kann. Wer zu schnell ist, der fliegt natürlich trotz Super-Allrad und ABS raus. Auf Asphalt später, auf Eis ganz schnell. Einziger Vorteil: mehr Zeit zum Reagieren. Denn die Tacho-Warnlampe signalisiert rechtzeitig die Gefahr.
Fazit
Die Testfahrten in Schweden und Deutschland haben ein eindrucksvolles Ergebnis geliefert: Die 4MATIC von Mercedes-Benz ist das mit Abstand intelligenteste Allrad-System, das zur Zeit auf dem Markt ist. Angeboten wird die 4MATIC voraussichtlich ab Herbst zunächst nur für die Sechszylinder-Modelle der Mittelklasse W124. Am sinnvollsten ist es dabei wohl, den Kombi als Allrad zu nehmen. Die T-Modelle haben am meisten Platz und werden auch gern als Zugfahrzeug für große Anhänger benutzt. Die neue Allrad-Technik macht sie vollends zu Allround-Autos, die Alltags-Anforderungen ganz lässig bewältigen. Rund 13.000 Mark Aufpreis sind für die 4MATIC zu investieren. Viel Geld, doch dafür gibt's ein Super-Allrad, bei dem das Antiblockiersystem schon mit drin ist. Und das beruhigt den Fahrer auf allen Straßen – und nicht nur im Steinbruch.
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