Das Mercedes Cabriolet der Baureihe 124, intern als A 124 geführt, hatte es ja immer schon leichter als der Rest. Nie musste es Pferdeanhänger über matschige Wiesen ziehen oder am Ende eines Limousinen-Lebenszyklus, bei rund 448.000 Kilometern und mit brüchigen Wagenheberaufnahmen, die Abschiebung nach Afrika befürchten. Wer würde dort schon einen Zweitürer ohne Sonnenschutz und mit eingeschränktem Platzangebot wollen?
Mercedes E-Klasse 200 E Cabrio
Der E 200 ist das Cabrio für die ganze Familie, großer Aufritt mit kleinem Motor.
Bild: Roman Raetzke / AUTO BILD
Die Karriere des A 124 als Liebhaberstück war von Anfang an vorgezeichnet. Im ersten viersitzigen Mercedes-Cabriolet seit über 20 Jahren entspannten sich Zahnmediziner und Seniorchefinnen und lenkten ihren Zweitwagen genussvoll ins Tessin oder nach Sylt. Der eine hätte wohl eher den E 320 in Blauschwarz 199 gewählt, die Dame vielleicht einen E 220 in Beryll, einem typisch schrillen Minz-Metallicton der frühen 90er. Selbst das auf der IAA 1991 zum Start der Baureihe vorgestellte 300 CE-24 Cabrio fand trotz ungewohnt hochtouriger Motorcharakteristik seine Käufer. Weil Fans der Baureihe ihr Beuteschema nach Farbe, Vollausstattung und Seltenheit ausgerichtet haben, führt ein karg möbliertes E 200 Cabrio in Arcticweiß mit Fünfgangschaltung und blauem Sportkaro zu betretenem Schweigen. Kein Sechszylinder, keine Automatik, kein Leder! Weiße Blinker, Plakettengrill und der aus der Haube wuchernde Stern kennzeichnen das Cabrio als modellgepflegte E-Klasse der Jahrgänge nach Sommer 1993.

Liebling der besseren Gesellschaft: Mercedes 380 SL

Mercedes E-Klasse 200 E Cabrio
Die 124er-Limousine als "Mutter aller Mittelklassen" steuerte beste Voraussetzungen für den offenen Mercedes bei.
Bild: Roman Raetzke / AUTO BILD
Wie vom Munde abgespart sieht es aus, obwohl der Erstbesitzer in Achtloch-Aluräder, Klimaanlage, Leder an Lenkrad und Schaltknauf und ein paar weitere Extras investierte und den dreisten Basispreis von 70.955 Mark anno 1994 auf über 80.000 Mark hochtrieb. Doch der erste Eindruck täuscht: Aus Sparsamkeit erwächst Vertrauen. Eleganz und Sorgfalt des Entwurfs kommen auch mit wenig Motor zum Tragen. Nervenschonend und zugleich drehfreudig geht der 136-PS-dohc-Vierzylinder zu Werke, die Schaltung rastet leicht knochig auf kurzen Wegen, die Machart ist hochwertig, das Fahrgefühl komfortbetont. Das alles klingt viel gestriger, als sich der kleinste A 124 fährt. Ausgerechnet der jüngste Mercedes im Vergleich lebt einige alte Daimler-Tugenden am konsequentesten: Er ist fein, ohne überkandidelt zu sein. Extravagant, aber alltagsgerecht. Und er ist ein Cabrio, das zur Familie passt. 6922 von 33.952 Cabrios wurden als E 200 gebaut. Noch gibt es welche!
Heute wirkt ein mit spitzem Bleistift kalkuliertes Mercedes-Cabrio wie dieser E 200 verhärmt, aber beim Fahren relativiert sich der Eindruck. Nach Armut fühlt sich auch ein A 124 mit Vierzylinder nicht an, elektrische Fensterheber und E-Verdeck waren am Ende Serie. In diesen Hubraum- und Ausstattungsregionen sind noch Schnäppchen möglich.