Mercedes W 123

Pro & Kontra: neu aufgebaute Oldtimer

Sind Neuaufbauten "historisch"?

Zersägte Autowracks wieder zusammenschweißen oder aus einer Handvoll Rost einen Oldtimer erstehen lassen – zwei Kollegen debattieren, ob man das darf.

"Solche Autos kann man nicht dem Verfall überlassen"

Ja, bitte: Für Gerald Schadendorf geht Historie über Substanz.

Ich freue mich immer wieder an Geschichten über Fahrzeuge, die ein Mythos umgibt – Oldtimer, die lange verschollen waren und die dann irgendwo gefunden, geborgen und restauriert wurden. Kuba-Flügeltürer, der älteste KdF-Wagen oder auch Elvis’ BMW 507: Sie alle waren ja nicht einfach nur Rostlauben, sondern sind auch Zeugen einer illustren Vergangenheit. Solche Autos dem Verfall zu überlassen oder sie als Wrack ins Museum zu stellen, kann meiner Ansicht nach nicht der richtige Weg sein. Wenn jemand jahrzehntelang mit ansehen muss, wie sein Traumwagen vor sich hinbröselt, obwohl er eigentlich von dessen Wiederauferstehung träumt, wird er sich kaum von einer Restaurierung abbringen lassen, wenn sich nach so langer Zeit die Chance dazu bietet. Warum auch? Wenn am Anfang des Projekts als Basis nur noch ein Häufchen Elend zur Verfügung steht, dann ist das zwar bedauerlich. Leichter macht es die Sache auch nicht gerade. Aber umso mehr beeindruckt das Ergebnis. Ich glaube, es würde etwas fehlen, wenn man Autos wie den Kuba-Flügeltürer einfach ihrem Schicksal überließe. Zu Wracks sind sie ja erst geworden, und wo steht, dass sie das auf alle Zeiten bleiben müssen? Ist neben Geld und Mut für einen Neuaufbau auch das handwerkliche Können dafür da, sehe ich keinen Grund, den historischen Wert solcher "Wiederauferstehungen" anzuzweifeln.

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"Grenze zwischen Original und Fälschung ist schnell überschritten"

Nein, danke: Frederik E. Scherer plädiert für alternative Methoden.

Es kann ja jeder sein Geld verbrennen, wie er es für richtig hält. Wenn aber jemand aus einer Menge Nichts ein Auto macht und es "historisch" nennt, werde ich hysterisch. In Frankreich landete vor wenigen Jahren der Antiquitätenhändler Bill Pallot im Knast, weil er Louis-XV-Stühle gefälscht und nach Versailles verkauft hatte, wo sie als historische Stücke ausgestellt waren. Pikant: Pallot galt als großer Experte, dozierte an der Universität und wurde stets herangezogen, wenn es um Echtheitsfragen ging. Wo verläuft die Grenze zwischen historisch und neu, zwischen Original und Fälschung? Manche Autos sind derart kaputt, dass kaum noch Substanz aus der Zeit ihrer Herstellung oder früheren Nutzung zu retten ist. Wenn eine Renovierung ausgeschlossen ist – etwa, weil der Rahmen zerstört, das Blech großflächig dünnkorrodiert und der Motor nicht mehr da ist –, bleibt nicht mehr viel Identitätsstiftendes übrig. Wer dann um eine Fahrgestellnummer herum ein neues Auto baut, kann zwar reuelos damit fahren. Er möge es aber bitte nicht "historisch" nennen oder gar behaupten, den "Auslieferungszustand" wiederhergestellt zu haben. Anfreunden könnte ich mich damit, die Prinzipien der experimentellen Archäologie, bei der Reproduktionen mit historischen Materialien und Werkzeugen hergestellt werden, auf Fahrzeuge zu übertragen. Da wäre das Geld sinnvoll verbrannt. Soweit die Meinung der beiden AUTO BILD KLASSIK-Kollegen. Was meinen Sie? Stimmen Sie oben ab!

Autoren: Gerald Schadendorf, Frederik E. Scherer

Stichworte:

Oldtimer

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