Ob Alltagsnutzung, Geländefahrt oder Vollgas: Einige Oldie-Besitzer muten das den Autos zu, andere empfinden es als Qual. Was ist artgerechtes Fahren in einem Oldie? Zwei Redakteure diskutieren.
Den Lotus Cortina um die Rundstrecke prügeln? Den Alfasud täglich ins Stadtgetümmel stürzen? Den Granada mit Getränkekisten vollpacken? Im 89er Range Rover durch Abraumhalden kraxeln? Ja klar, das hat man gemacht, als die Autos noch jung waren. Die einen fanden’s selbstverständlich, weil die meisten Autos ja auf bestimmte Einsatzzwecke hin konstruiert wurden, die anderen kommentierten abfliegende Sport- oder umfallende Geländewagen so: "Artgerechte Haltung, höhö." Jahrzehnte später sind die Autos für ihre Zwecke nicht weniger geeignet. Aber wir betrachten inzwischen Erstlack als erhaltenswert, sprechen von historischer Substanz, und viele Modelle sind selten geworden. Aber was bedeutet das für Oldtimerfahrer? Zwei AUTO BILD KLASSIK-Autoren streiten übers Benutzen und Erhalten.
"Geschichte wird in freier Wildbahn geschrieben"
Ja, bitte: Helge Thomsen nimmt auch Oldtimer hart ran.
Bild: Werk
Schmerz-und Lustzentrum liegen im Gehirn nahe beieinander, das wissen nicht nur Hirnforscher. Jeder vergnügungsbewusste Mensch hat da so seine Erfahrungen gemacht. Vor allem beim Auto. Für jeden Geschmack gibt’s ein passendes Spielzeug, und das soll nur einem Zweck dienen: der persönlichen Erfahrung. Das haben die Ingenieure schon damals ausgenutzt und für jeden Fetisch ein passendes Vehikel entwickelt. Wie ernst diese Typen ihre Arbeit genommen haben, können wir jetzt feststellen. Warum haben die heutigen Oldtimer die Torturen überlebt? Weil sie dafür gebaut wurden. Das ist die Faszination, wenn wir über Historie und Patina philosophieren. Darf man sie deshalb im Alter nicht mehr hart rannehmen? Natürlich, Geschichte wird in freier Wildbahn geschrieben, nicht in klimatisierten Aufbewahrungsbehältern. Eine gesetzliche Reglementierung zum artgerechten Umgang mit Klassikern wäre gerade im regelwütigen Anti-Spaß-Deutschland nicht wünschenswert, denn wozu kaufe ich mir einen klassischen Range Rover, wenn ich seine Qualitäten nicht mehr testen darf? Einen gesunden Respekt vor dem Alter hat jeder Besitzer eines Klassikers, auch ohne Vorschriften. Artgerechter Umgang ist toll, auch wenn er sadistische Züge hat.
"Kulturgut-Pflege bedeutet Respekt vor dem Objekt"
Nein, danke: Frederik E. Scherer mag keine Verschleißfreaks.
Bild: Sven Krieger
Auch wenn hier "Nein danke!" steht: Man muss differenzieren. Oldtimer ist nämlich nicht gleich Oldtimer. Komplett neu aufgebaute Klassiker haben als historische Quelle keine Relevanz: Auch wenn sie ein H-Kennzeichen tragen und so nach § 2 Nr. 22 FZV "zur Pflege kraftfahrzeugtechnischen Kulturgutes" dienen, darf man sie meinetwegen "artgerecht quälen". Zeigt der Wagen jedoch noch Originalsubstanz, müssen die Vorlieben des Besitzers eine untergeordnete Rolle spielen. Artgerechte Haltung bedeutet dann zunächst einmal Respekt vor der Historizität des Objekts. Dabei kommt es auf eine fachgerechte Konservierung an, die reversibel sein muss, um keine Substanz zu zerstören. Das hindert zwar nicht am Fahren, schränkt aber die Nutzung ein: Matschgewühl mit dem schorfigen Landy und Regenfahrten im Originallack-Opel fallen dann aus. Schwieriger ist es bei Rennwagen, deren Substanz gar nicht geschont werden könnte, wenn etwa das Reglement Sicherheitsumbauten vorschreibt. Für viele Boliden bleibt da nur die Rettung durch ein Museum. Mancher Oldtimer mit H-Kennzeichen wäre dort ebenfalls gut aufgehoben – wenn sein Besitzer meint, dass es auf Respekt nicht ankommt.