Mercedes W 123

Pro&Kontra: Staatslimousinen selber fahren

Darf man Bonzenautos fahren?

Ob Mao oder Könige, Präsidenten und Magnaten ließen sich in Staatslimousinen chauffieren. Soll man Autos mit zweifelhafter Geschichte fahren? Zwei Meinungen!

"Bonzenautos sind auch Zeitzeugen"

Ja, bitte: Henning Hinze will Autos sprechen lassen.

Eins vorweg: Es geht hier nicht um die Verehrung zwielichtiger Figuren. Die brutale Politik des Diktators Mao hat im "Großen Sprung nach vorn" und in der "Kulturrevolution" Millionen Menschen das Leben gekostet. Andere Potentaten waren nur der Zahl der Toten weniger grausam. Sie zu verherrlichen oder durch eine Überbetonung ihrer automobilen Spuren zu verharmlosen wäre inakzeptabel. Gleichwohl haben Autos wie der chinesische Hongqi, der sowjetische ZIS und auch der weltweit von grauenvollen Figuren aus Politik und Wirtschaft ebenso wie von feinsinnigen Künstlern genutzte Mercedes 600 ihre Rolle in der Automobilgeschichte.

Umfrage

Despoten-Schlitten als Oldtimer?

Klassik-Umfrage: Bonzenautos fahren?
Sich mit ihnen zu beschäftigen heißt einerseits, sich ganz unpolitisch mit der Entwicklung der Technik in allen Verästelungen vertraut zu machen. Es heißt aber auch, "echte" Geschichte anschaulich zu machen. Am aus dem Nichts entstandenen, opulenten Hongqi zeigt sich zum Beispiel, mit welcher Hybris beim "Großen Sprung" die Industrialisierung erzwungen werden sollte. Wer das einmal gesehen hat, vergisst das Bild so schnell nicht wieder. Und das "Sehen" muss nicht im Museum passieren. Die Autos dürfen (soweit das überhaupt geht) als mobile Zeitzeugen auch gefahren werden, auch von Privatleuten, auch abseits von Veranstaltungen. Nur eins darf man mit ihnen nie machen: Sie kritiklos bewundern und damit zu Denkmälern für ihre einstigen Besitzer machen.

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"Ein Bonzenschlitten hat eine verheerende Außenwirkung"

Nein, danke: Frank B. Meyer meidet Nähe zu Dealern und Despoten.

Das Böse fährt die besten Autos. Wer seine Bürger, Kunden, Schäfchen oder Mitglieder unterdrückt, betrügt, schändet oder ausbeutet, leistet sich zumeist einen feinen Schlitten. Ich habe nichts gegen feine Schlitten, im Gegenteil: Mich interessieren letztlich alle Autos. Ich möchte sogar alles über die Autos von solchen Lumpen wissen. Aber ich will sie nicht besitzen. Ich spreche nicht nur von Chauffeurslimousinen. Die sind ohnehin problematisch: Wenn ich die als Besitzer selbst fahre, spiele ich Chauffeur (was ich nicht bin), wenn ich mich chauffieren lasse, spiele ich Big Boss (was ich auch nicht bin). Ich spreche vor allem von Autos, die zu bestimmten üblen Bonzen gehören. Denn welche verheerende Außenwirkung kann es haben, in einem Hongqi aus Maos Garage vorzufahren, egal ob man vorn links oder hinten rechts sitzt? Mit einem Mercedes Typ 770 wie die größten Nazis? Andere dürfen das gern lustig finden oder ihr Opfer-Trauma damit behandeln; ich kenne Sammler, die ihre Lust an solchen Autos gut erklären können. Aber ich möchte nichts erklären müssen, will nicht in eine völlig falsche Schublade gesteckt werden. Kein Problem habe ich mit Modellen, wie auch ehrenwerte Chefs sie fahren. Einen Citroën CX Prestige oder einen Bentley Mulsanne lasse ich mir gefallen – einen CX von Honecker oder einen Rolls-Royce Silver Spur von Bhagwan nicht. An meinen Autos möchte ich mich erfreuen. Ruhigen Gewissens. Soweit die Meinung der beiden AUTO BILD KLASSIK-Kollegen. Was meinen Sie? Stimmen Sie oben ab!

Autoren: Henning Hinze, Frank B. Meyer

Stichworte:

Oldtimer

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