Simca 1100 GLS
Spinnen als blinde Passagiere

–
AUTO BILD Archivartikel 23/1987: Schnurriger Motor, rostiger Bauch und ein Magnet für Spinnen – das war der rote 1979er Simca 1100 bis zum Kilometerstand 119.013.
Ein rotes Autos sollte es sein, egal welches. Hauptsache rot. Nur kein Grün. Grün ist fatal, denn Spinnen könnten denken, sie säßen im Holunderbusch. Nein, das ist nicht der Anfang einer Gruselgeschichte. Es ist die Geschichte des roten Simca 1100 GLS Tourisme, der seine letzte Besitzerin, die 33jährige Margitta Witt aus dem holsteinischen Norderstedt, in unregelmäßigen Abständen in Panik versetzte. Spinnen hatten sich immer wieder in dem Wagen breitgemacht. Unterm Dach, hinter den Sonnenblenden, in Türritzen lauerten sie auf ihre Auftritte. "Ich hatte vor diesem roten Simca ein grünes Auto – und laufend Spinnen im Wagen.
Das Original: Der Artikel von 1987 zum kostenlosen Download
Deshalb wollte ich unbedingt ein rotes Auto", sagt Margitta Witt. Damit die Spinnen eben nicht denken, dies sei der Busch. Die Spinnen dachten gar nichts. Sie saßen einfach wieder bei Margitta Witt im Auto. Grün hin, Rot her. Dagegen half nichts. Kammerjägerartige Vergiftungsaktionen, nächtliche Standorte fernab von Wiesen, Büschen und Bäumen – Spinnen waren die blinden Passagiere des Franzosen-Autos. Jetzt hat sich's ausgesponnen. Denn der treue Viertürer mit dem ewig schnarrenden Ventiltrieb kam nun in die Presse des Autoverwerters. Achteinhalb Jahre vom Fließband bis zur Schrottpresse – das war ein unterdurchschnittlich kurzes Leben für ein Auto auf unseren Straßen.
Überblick: Hier geht's zu AUTO BILD Klassik
1979 waren die Franzosen noch nicht so weit mit ihrer Rostvorsorge. So halfen denn auch die Unterbodenschutz- und Hohlraumversiegelungs-Aktionen von Erstbesitzer Walter Schäfer, 43, aus Norderstedt nicht viel. Schäfer hatte den Wagen vorbildlich gepflegt, regelmäßig zur Werkstatt gebracht und die nötige Lack-Kosmetik im Frühjahr und Herbst selbst erledigt. So blieb Schäfer denn auch von größeren Ausgaben für Reparaturen und Ersatzteile verschont. Nach drei Jahren bekam er für das ehemals 10.500 Mark teuere Auto von Zweiterwerber Karsten-Helmut Witt noch 4.500 Mark. Witt kaufte den Wagen von seinem Bekannten Schäfer als Zweitfahrzeug für seine Frau Margitta.
Dicke Spinnen lauerten hinter der Sonnenblende
Nach der Trennung der Eheleute Witt begleitete der Simca nebst Spinnen die blonde 33jährige. Sie erinnert sich lachend an kuriose Geschichten: "Mit meiner Tochter war ich auf dem Weg in die Hamburger Innenstadt. Die Sonne blendete. Ich klappte die Sonnblende herunter und erstarrte – eine riesige braune Spinne saß direkt über der Windschutzscheibe." Margitta Witt machte eine Vollbremsung, steuerte den Wagen mit Schwung auf den Gehweg und sprang heraus. "Ich lief auf den nächsten Radfahrer zu und stellte mich in den Weg, ... da ist eine Spinne in meinem Auto, bitte helfen sie mir." Der hilfsbereite Radfahrer entfernte die Spinne mit seinem Taschentuch.
Mechanik - keine großen Probleme
Seitdem machte Margitta Witt regelmäßig morgens einen Rundgang um ihr Auto und "checkte die Spinnenlage". Trotz der unliebsamen Geister – Margitta fuhr das Auto gern. Der Simca enttäuschte bis zum End-Kilometerstand 119.013 keinen seiner Besitzer. Lediglich Karsten-Helmut Witt hatte eine große Rechnung zu begleichen: 1.700 Mark waren fällig, als das Getriebe streikte. Den Auspuff musste schon Walter Schäfer erneuern, die Lichtmaschine belastete Zweithalter Witt. Äußerlich präsentierte sich der Simca auch auf dem Weg zur Schrottpresse noch im schmucken Kleid. Die Scheiben zwar schon etwas matt und der Lack leicht geblichen, aber ohne gravierende Roststellen am Blech.
Schaurige Unterwelt
Das allerdings war nur der trügerische Schein – die gesamte Bodengruppe war in den achteinhalb Jahren durchgerostet. Die Radaufhängung hing mehr an den Achsen, als umgekehrt. "Ich wäre damit noch weitergefahren", sagt Margitta Witt, "wenn das Auto nicht TÜV-fällig gewesen wäre." 2.500 Mark hätte die Reparatur der tragenden Teile gekostet. Für das halbe Geld hat Margitta Witt sich einen "neuen Alten" gekauft. Einen VW-Golf, "er ist ziemlich verrostet—und rot".
Alles lesen: Der Artikel von 1987 zum kostenlosen Download
Service-Links