Die Straßen der Erinnerung sind mit Legenden, Heldentaten und Sehnsüchten gepflastert. Auf ihnen reist der VW T1 Camper am besten. Ansonsten fällt ihm das im Heute etwas schwer, weil es so schnelllebig und hektisch geworden ist. Wenn einer wie er in Zeitlupe durch die Landschaft schlendern will, eckt er an. Doch alles beginnt mit einem kleinen Aufstieg in die kurze Fahrerkabine. Sie bietet Platz für drei Erwachsene, die schüchtern nicht sein sollten. Die Schuhe füßeln auf den stehenden Pedalen, das Kupplungspedal klappt nach unten. Schlüsseldreh, und hinten im kleinen Motorkabäuschen rappelt sich der 1500er auf. Über den spillerigen Schalthebel lässt sich der erste Gang hineinstochern. Ein fester Tapser Gas, das Kupplungspedal federt zurück, und der T1 zuckt voran. Ein paar Meter, dann mit Zwischenkuppeln in den zweiten Gang stochern. Und weiter so, bis in den vierten.
VW T1 Westfalia
Den Charme der Aufbau-Epoche, den Stolz der ersten Touren in fremde Länder und die Legenden der Hippie-Jahre, all das transportiert der T1 heute noch.
Wir müssen ein kleines Stück über die Autobahn. Dort eröffnet der T1 eine neue Dimension der Seitenwindsensibilität. Er tändelt in seiner Spur, die träge, indirekte Lenkung spricht spät und beeindruckend unpräzise an. Mehr als 80 km/h müssen es weder für den kleinen Bus noch für den Fahrer sein. Auch weil die Bremsen mit großer Sanftheit verzögern. Doch der VW federt ordentlich und wippt schon in seiner ersten Generation fröhlich von Unebenheiten angestachelt. Auf der Landstraße dann, so bei Tempo 65, prasselt der Motor gemütlich, die Welt zieht derweil träge an den vielen kleinen Fensterscheiben vorbei. Das könnte jetzt alles so weitergehen, bis in die Ferne, die so noch ein wenig weiter weg erscheint. Doch die Freude des Autowanderns ist keine, die Hinterherfahrende heute verstehen.

Damals schon die Nummer Eins: VW T1 Transporter

VW T1 Westfalia
Die Stehhöhe bleibt auf den kleinen Fleck unterhalb des Ausklappdachs beschränkt.
Rasten wäre jetzt gut, also halten wir an einem See und packen den Hausstand aus, der zu so einem Camper gehört. Wir stellen die Dachluke auf, spannen die Markise auf, kochen ein Tässchen Tee. Die rustikale Möblierung des Innenraums spiegelt das karge Glück der Nachkriegsjahre wider – alles handwerklich bedacht und clever, doch ein Zeugnis der Kunst, schwierige Umstände mit Erfindergeist und Improvisationstalent zu meistern: ein einhängbares Kinderbett in der Frontkajüte, ein Tischlein in der einen, ein Schränkchen in der anderen Flügeltür maximieren den nutzbaren Raum und schaffen auf 7,5 Quadratmeter Grundfläche eine Ferienwohnung für die Familie. Eigentlich war er dafür gedacht, die Woche über zu Hause im Betrieb zu ackern, zum Wochenende wurde die Stube dann gut eingerichtet, und dann ab in die Sommerfrische. Dass er für den Hippie-Trail nicht entwickelt wurde, zeigt sich dagegen schon in einem Detail: dem Aschenbecher. Für das, was die damals so weggeraucht haben, war der sicherlich viel zu klein.

Von

Sebastian Renz