Rückblick: Interview mit Jean Panhard

Jean Panhard: Ein Rückblick

— 24.07.2014

Jean Panhard mit 101 Jahren gestorben

Jean Panhard ist tot. Er verstarb Mitte Juli 2014 im Alter von 101 Jahren. Zur Erinnerung an den französischen Ingenieur ein Porträt aus AUTO BILD KLASSIK.

Der ehemalige technische Direktor von Panhard & Levassor, Jean Panhard, verstarb am 16. Juli 2014 im Alter von 101 Jahren. Er überlebte die Pkw-Sparte des Unternehmens um 47 Jahre. AUTO BILD KLASSIK besuchte ihn im Sommer 2012. Wir blicken zurück.

Jean Panhard war 2012 der Franzose mit der längsten Fahrpraxis

Das Design des Panhard 24 (im Bild: 24B) stand auch für den Citroën DS Pate. Die etwas kürzere Variante 24CT war Jean Panhards Lieblingsauto.

"Ich habe mit dem Autofahren angefangen, als ich zwölf war. Wahrscheinlich bin ich der Franzose mit der längsten Fahrpraxis", sagt Monsieur Panhard und verzieht keine Miene. Der Mann pflegt den sanften Humor, den Witz mit verzögerter Zündung. Er ist sehr Old School, und das liegt nicht nur an seinen 99 Jahren. Jean Panhard zählt zu einer fast ausgestorbenen Manager-Generation, der aller Protz fernlag. Deshalb ist ihm nie zu Kopf gestiegen, dass die Autos in seiner Garage den Namen seiner Familie tragen, dass einige der brillanten technischen Lösungen seine Ideen sind, oder dass sein Name für den Anfang der Autoindustrie steht: Unter seinem Großonkel René Panhard begann 1891 der Serienbau von Automobilen.

Ein großer Name mit großen Gegnern

Jean Panhard hat seinen Großonkel nie getroffen, denn der starb 1908. Jeans Vater Paul, Neffe des Gründers, hatte 1915 das Geschäft übernommen, damals einer der großen Namen der Autoindustrie. Er leitete es über ein halbes Jahrhundert lang. Da wartete ein großes Paar Schuhe, als Jean Panhard 1937 als Technischer Direktor ins Unternehmen eintrat. Er hatte sich vorbereitet mit einem Diplom der École Polytechnique, der Pariser Elite-Uni. Doch welche Schule kann einen auf die Wirklichkeit vorbereiten? Jean Panhard suchte sich eine unruhige Zeit aus, und die wollte einfach nicht enden. Er musste 30 Jahre lang um sein Unternehmen kämpfen, nur die Gegner wechselten öfter.

Der zweite Weltkrieg: "Eine harte Zeit."

Panhard & Levassor hieß die Firma, in der die automobile Serienfertigung 1891 begann, ab 1945 nicht mehr. Das Logo erinnerte aber noch daran.

Am Anfang, 1937, stand da eine kämpferische Belegschaft und ein schwieriges Auto, der luxuriöse Dynamic mit samtweichem Schiebermotor. Leider kaum zu verkaufen, hauptsächlich wegen des ungewöhnlichen Triebwerks. Die Aufsässigkeit der Arbeiter und die Suche nach einem anderen
Motor erledigten sich über Nacht, als im Juni 1940 die deutsche Wehrmacht in Paris stand. Eine harte Zeit, sagt Jean Panhard. Mehr nicht. Drei kurze Worte, in denen viel Gefühl steckt: Sorge um die Mitarbeiter (die meisten hat er vor der Deportation schützen können), Ärger über die  Fremdherrschaft, Angst, dass die geheimen Pläne für ein Nachkriegs-Auto auffliegen könnten. Als im September 1944 die Befreiung kam, war all das vorbei – gleich abgelöst von neuen Schwierigkeiten. "Während der Besatzung hatten wir Zeit, über die Zukunft nachzudenken, und beschlossen, einen Kleinwagen zu bauen." So entstand ein cleverer Frontantriebs-Viertürer mit dezent altertümlicher Optik, aber ultramodernem Alu-Monocoque-Chassis, der Dyna X. Mit Stolz präsentierte Familie Panhard das Auto auf dem Pariser Salon 1946. Doch schon einen Monat später kam der nächste Schock: der sogenannte Pons-Plan. Um die Kräfte der Autoindustrie zu bündeln und wertvollen Stahl zu sparen, erließ die Regierung ein Programm, das allen französischen Herstellern eine klare Rolle zuwies. Nur: Für Panhard war kein Platz vorgesehen. "Eine Katastrophe! Aber zum Glück hatten wir das Alu-Chassis, das verschaffte uns doch noch ein Kontingent im Pons-Plan."

Citroën kauft Panhard

Das Herzstück aller Nachkriegs-Panhards: Der Zweizylinder-Boxermotor M8 mit rund 850 ccm Hubraum. Im Panhard 24B leistete er 50 PS.

Panhard präsentierte 1953 den Dyna Z mit selbsttragender Alu-Karosserie – das verblüffte die Öffentlichkeit und weckte die Missgunst der Konkurrenz. Doch schon 1954 zog der Alupreis abrupt an. "Plötzlich wurde unser Auto zu teuer in der Herstellung. Ich musste die Entscheidung fällen, auf Stahl umzusteigen – und bereue es bis heute." Als Audi 40 Jahre später wieder eine selbsttragende  Aluminiumkarosserie in der Großserie brachte, sah Jean Panhard sich bittersüß bestätigt. Da war Panhard & Levassor längst Geschichte – sehr fein, aber zu klein, zu klamm. 1955 musste Jean Panhard einen Konkurrenten zum Freund machen: "Wir begannen eine Kooperation mit Citroën. Unser Dyna Z passte gut in die Lücke zwischen 2 CV und DS. Leider war Citroën vor allem an unseren Produktionsstätten interessiert. Sie fingen an, uns auszubluten. 1961 kam der Ami 6, der zog uns endgültig den Boden unter den Füßen weg. Das war schrecklich."

Ein Panhard braucht keine Vorbilder

Drei Jahre später stellte Panhard noch den Typ 24 vor, der zu Jean Panhards persönlichem Favoriten wurde: "Ein sehr, sehr gutes Auto." Dem aber die Uhr schon abgelaufen war, denn 1967 löste Citroën die Marke Panhard auf. Jean Panhard trug es mit Fassung, er war bereits bei Panhards Militärfahrzeug- Abteilung und blieb deren Präsident bis zum Ruhestand 1978. In einem Militär-Panhard, dem Typ EBR von 1939, steckt übrigens eine Erfindung, die man zumeist Citroën zuschreibt: das hydropneumatische Fahrwerk. "Wir haben keine Vorbilder gebraucht. Wir haben uns selbst inspiriert."

Autor: Till Schauen

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