Mohs Ostentatienne Opera Sedan

Mohs Ostentatienne Opera Sedan Mohs Ostentatienne Opera Sedan

Mohs Ostentatienne Opera Sedan

— 30.01.2011

Amerikas schrägstes Auto

Ein Mann, eine Idee, ein Auto. Die Luxuslimousine eines Amerikaners aus Wisconsin war nicht schön, aber selten. Und irgendwann verschollen. AUTO BILD KLASSIK hat den Mohs Ostentatienne Opera wiederentdeckt.

Der Mann hatte seine Be­wunderer. "Stellen Sie sich vor, Sie könnten Thomas Edison tref­fen", umschrieb einer von ihnen die Strahlkraft von Bruce Mohs, Fabrikant und Erfinder aus Wis­consin. Ursprünglich produzierte Mohs nur Wasserflugzeuge. Spä­ter, in den 60ern, versuchte er sich auch als Universalgenie. Er entwarf alles – von Reflektoren über Mini-Motorroller bis hin zu Beiwagen, die schwimmen konn­ten. Offenbar waren Motorrad­beiwagen, die bei Bedarf auch als Boot taugten, genau das, was die Zeit verlangte.  Von hier aus war es dann nur noch ein kleiner Schritt zum Mohs Opera Sedan. Es war das Jahr 1967. Mohs besaß damals vielerlei Patente für Sicherheits­vorrichtungen. Um sie ins rechte Licht zu rücken, beschloss er, sie in einem eigenen Auto, einem Luxusgefährt, zu versammeln. Als Basis wählte er – was sonst? – das Chassis eines Lastwagens, Typ International Harvester.

Die Tops der Flops: Autos, die ins Abseits fuhren

Die Haube musste länger als 1,8 Meter sein. Mohs orientierte sich bei der Optik an Rolls-Royce.

Dann investierte Mohs 13.000 Dollar und gebar binnen neun Monaten einen Wagen, so spektakulär unproportioniert, dass es jedem, der ihn gewahr wurde, wie ein Blitz in die Glieder fuhr. Lang wie eine Cadillac-Limou­sine, aber 25 Zentimeter breiter, auf 20-Zoll-Rädern mit stick­stoffgefüllten Reifen übertraf der Gigant so ziemlich alles. "Ich wusste, dass der Bugatti Royale eine 1,8 Meter lange Haube hat­te, also streckte ich ihn vorn noch etwas. Man muss die Konkurrenz in die Schranken verweisen", er­innert sich Mohs heute. Und ver­gisst auch nicht, auf die 31 Paten­te in seinem Auto zu verweisen – herausspringendes Sicher­heitsglas etwa, extrastarke Rück­leuchten oder beim Aufprall nach hinten schwenkende Sitze.

Überzeugungstäter erzählen: Ich fahre einen Flop

Wie bei einem Flugzeug: Tür hochklappen, Treppe rausfahren und reinklettern.

"Ich war immer verrückt nach Sicherheit", sagt er. Und um dem Träger seines Namens noch etwas französisches Flair mitzugeben, verlieh er ihm den Beina­men Ostentatienne. In Anleh­nung an "ostentatious" (Eng­lisch für pompös). Entgegen aller Weisheit betraten die Insassen den Wagen durch eine einzelne Hecktür über eine Treppe. Innen erwartete sie ein durchsichtiges Dach, Walnussholz mit Goldintar­sien, Samtpolster und Teppiche im Stil der Ming-Dynastie. Erfri­schungen spendierte ein butan­gasbetriebener Kühlschrank. 1967 brachte Mohs den Osten­tatienne Opera Sedan auf den Markt, zu Preisen zwischen 19.600 und 25.600 Dollar, je nach Aus­stattung – zumindest in diesem Punkt hatte der Wagen Rolls-Royce-Niveau. Einleuchtend, dass die Käufer einen Bogen um das Ding machten.

Nur ein Prototyp entstand

Es blieb beim Prototyp, und der bewährte sich fortan als Bruce Mohs’ Alltagsauto. Und als Showstopper – so als Mohs 1968 die Wahlkampfrede von Nelson Rockefeller unterbrach. Nur weil er in der Nähe vorbeifuhr. Oder als ihn ein TV-Team in Texas mit einem Rockstar verwechselte. Das Auto avancierte zur Limo promi­nenter Gäste, wenn sie die Mohs Seaplane Corporation besuchten. Angeblich ließen sich unter ande­rem Johnny Carson und Tom Jones darin kutschieren. Gern erzählt Mohs auch von seiner Freundin Grace Kelly: zwei Num­merntafeln am Ostentatienne – eine von Wisconsin, eine von Mo­naco – erhärten die Story. Aufbewahrt wurde er in Mohs' Automuseum, das an Mohs' "German Restaurant" angrenzte. Wer im Lokal etwas bestellte, durfte um­sonst ins Museum. In den späten 80ern freilich ging die Sonne über dem Mohs-Imperium unter. Der Ostentatienne verwitterte hinter ver­schlossenen Türen. Legenden begannen sich um das skurrile Gefährt zu ranken.

2008 wird der Mohs wiederbelebt

Bruce Mohs in der Einstiegsluke seines wiederbelebten Ostentatienne Opera Sedan von 1969.

Es dauer­te bis 2008, bevor jemand bei Bru­ce Mohs anklopfte. Es war Fred Beyer. Und der Besucher war, wie sich schnell herausstellte, aus demselben Holz geschnitzt. Beyer bildete Automechaniker aus, er­fand Sachen, baute Hotrods, fuhr Schnellboote und spielte Rag­timeklavier in Nachtklubs. Mohs, inzwischen 76, vertraute ihm. Er glaubte Beyer, als dieser ver­sprach, das Auto mithilfe seiner Studenten wieder im alten Glanz erstrahlen zu lassen. So sehr, dass er es seinem neuen Freund schließlich vermachte. Beyer zerrte das 2,6-Tonnen-Monstrum aus seinem Grab, dem früheren Museum. Seine Fenster hatten Risse, der Lack blätterte, überall blühte der Rost. Und in­nen sah es auch nicht besser aus. "Wie in Omas Keller", kommen­tiert Beyer.

Luxuriöser Urahn des SUV

Große Glasflächen erlauben eine gute Aussicht, die Windschutzscheibe besteht aus herausspringendem Sicherheitsglas.

Der Opera Sedan war in den 70ern von Gold auf Blau umlackiert worden. Deshalb hielt sich das Gerücht, es hätte mehr als nur ein Exemplar davon gege­ben. Zu Hause aber, in der Werk­statt der Freedom High School, erwachte er dann schneller zum Leben als erwartet. Der Vergaser wurde überholt, die Originalrei­fen mit Stickstoff befüllt. Und der alte Fünfliter-V8 von Internatio­nal Harvester schnorchelt so gesund und zufrieden wie vor 40 Jahren, während der Eintürer auf seinen 20-Zoll-Rädern sanft über den Asphalt schaukelt. "Wenn Cadillac in den 60er-Jahren ei­n SUV gebaut hätte, dann wür­de er sich so anfühlen", be­schreibt Beyer das Fahrgefühl.

Das dicke Ende ließ indessen nicht auf sich warten. Bei der kosmetischen Aufarbeitung stie­ßen Beyers Studenten auf Schich­ten metallarmierter Glasfasern, die sich über den Stahlkorpus stülpten. Mohs verkaufte das in seinen Prospekten einst als Si­cherheitsmerkmal, die Wahrheit entpuppte sich nun als schwer restaurierbare Tünche. Doch Mitte 2009 blinkte der Ostenta­tienne Opera Sedan wieder in güldener Pracht. Und Bruce Mohs? "Es war seine Reise in die Vergangenheit", berichtet Beyer, "er hatte Tränen in den Augen."

Autor: Wolfgang König

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