Bertone BMW Spicup

Bertone BMW Spicup Coupé Bertone BMW Spicup Coupé

Bertone-Studie BMW Spicup

— 23.05.2009

Ein exklusives Einzel-Schicksal

Vor 40 Jahren stand die Bertone-Studie BMW Spicup auf dem Genfer Automobilsalon. Lange galt das Unikat als verschollen – bis es 2008 in einer Scheune entdeckt wurde. Die Geschichte eines vergessenen Prototyps.

Mann, war das eine irre Zeit. Ende der 60er, als plötzlich alles ging. Freie Liebe, Afri-Cola-Rausch (und mehr), Revolution für alle, Menschen auf dem Mond. Wer da auffallen will, musste schon schrill sein. Der BMW Spicup ist so ein Typ, Bertones Beitrag für den Genfer Salon 1969. Ein knalliges Grün, ein böser Blick durch halb versteckte Scheinwerfer. Und dazu ein Schiebedach, das beim Öffnen einfach im Überrollbügel verschwindet. Überhaupt, das Verschwinden: typisch für Showstars von damals. So finden nur wenige Experimentalfahrzeuge den Weg in die Sammlung ihres Herstellers. Für sie gilt das, was für Zeitungen gilt: Keine ist älter als die von gestern. Weg damit. Vor 40 Jahren geht es auch dem Spicup so. Der Turiner Design- und Karosseriebauspezialist Nuccio Bertone hat ihn so getauft, weil sein Entwurf das Beste von Spider und Coupé vereinen soll. Ein sportlicher Allrounder also, ein offener BMW, der alles kann.

Der Spicup hat ein wildes Leben hinter sich

Böser Bertone-Blick: Der Designer kniff dem BMW so die Augen zu, als blende ihn die Sonne.

Was BMW im Jahr 1969 mit dem italienischen Entwurf zu tun hat, weiß heute niemand mehr genau. Die Münchner sagen, sie wüssten von nichts. Ganz anders sieht das der Niederländer Paul Koot: "Ich glaube nicht", sagt der Chef der Carrozzeria Granturismo in Mailand, "dass Bertone den Spicup ohne Auftrag gebaut hat." Die Geschichte, die Paul Koot erzählt, ist abenteuerlich. 2008 hört er von einem älteren, seltsamen Auto mit BMW-Emblemen, das in seiner Heimat aufgetaucht sei. Er hakt nach. Schnell kommt heraus, dass der rätselhafte BMW nichts anderes ist als die Bertone-Studie aus dem Jahr 1969. Seit damals gilt sie als verschollen. Ein wildes Leben hat das Einzelstück hinter sich. Paul Koot recherchiert es nach und nach. Alles beginnt im Unklaren: Denn kaum haben sich in Genf die Tore des Salon d’Automobiles geschlossen, verliert sich die Spur des Bertone-Stars.

Eine Studie mit 100.000 Kilometern auf dem Buckel

Mit Mut in die 70er: Der Spicup glittert rundherum in giftigem Grün. Die Technik stammt vom BMW 2800.

Vermutlich bleibt er in Genf, ein Privatier soll ihn gekauft haben. 1974 taucht der Bertone-BMW beim Exotenhändler Auto Becker in Düsseldorf auf. Dort verliebt sich ein Sammler so heftig in das Unikat, dass er es sofort haben muss. Er zahlt mit seinem Iso Rivolta. Später gelingt zwei niederländischen Brüdern das Kunststück, den Spicup für den Straßenverkehr zuzulassen. Sie schrauben Kennzeichen dran und fahren ihn, zehn Jahre lang, im Alltag und auf Reisen, unglaubliche 100.000 Kilometer weit. Wenn das kein Weltrekord ist: Gibt es in der Automobilgeschichte eine Studie, die weiter gefahren wäre? Doch irgendwann landet der Wagen in einer Scheune. Dort gammelt er fast 30 Jahre vor sich hin – bis Paul Koot von ihm hört und ihn kauft, trotz des schlechten Zustandes. Außen ist der Spicup jetzt orange, und die futuristischen, einst grün-silbrigen Ledersitze haben die Vorbesitzer in schnödem Schwarz überlackiert.

2000 Stunden Restauration

Volle sechs Monate arbeiten Paul Koots Profi-Restaurateure der Carrozzeria Granturismo an der Auferstehung des Spicup. Sie entdecken, dass er nur noch Reste seines Bodenblechs besitzt. Kaum besser die mürben Türen: Sie zerfallen bis in ihre Tragstruktur. Die Experten fertigen neue an. Gleiches gilt für die bröselnde hintere Stoßstange. Bertone hat sie einst aus Holz geschnitzt und mit Kunstleder überzogen. Für ein Messe-Stück genügt das. Es gibt also viel Arbeit. Von 2000 Stunden spricht Paul Koot. Seine Männer schrubben auch die Ledersitze so lange mit Verdünnung ab, bis die beiden Grüntöne des Originals auftauchen. Witzig: Für das grelle Froschgrün findet sich problemlos Ersatz. Das noble, dunkle Grün dagegen erfordert eine Nachfertigung.

Selbst der Aschenbecher sieht wieder aus wie von 1969

Vom Origial-Coupé war nicht viel mehr als die Substanz übrig. In die Restauration flossen mehr als 2000 Stunden Arbeit.

Nun also, im Mai 2009, feiert der Spicup beim Concorso d'Eleganza im Garten des Nobelhotels Villa d’Este seine Rückkehr. Knapp war's, sagt Koot: Seine Mannschaft schraubt so lange am Spicup, bis der schon zum Transport auf dem Lastwagen verzurrt ist. Doch als der Schönheits-Wettbewerb beginnt, sehen selbst Details wie der Aschenbecher wieder aus wie 1969. Damals hat BMW übrigens nicht das CS-Coupé als Basis geliefert, sondern eine 2800-Limousine. Bertone hat sie kräftig gekürzt, der Spicup fällt knapper aus als ein BMW der 02er-Reihe. Aber er hat 170 PS, eine leckere Mischung. Das findet auch Paul Koot. Er ahnt, was sich BMW von Bertone wünschte: "Die wollten ein modernes Auto – aber das Feeling des 507."

Autor: Thomas Wirth

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