Ford Taunus XL Coupé
Der Kult um Knudsen

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Kaum einem Typ wurde 70er-Jahre-Zeitgeist tiefer ins Blech gepresst als dem Knudsen-Taunus. Die Story eines unglaublichen Image-Wandels, trotz der "Sibernen Zitrone" vom ADAC.
Eine Giulia begeistert mit ihrem Doppelnockenwellen-Motor, der Citroën DS mit revolutionärer Form und genialer Hydropneumatik. Und womit begeistert dieser Ford Taunus? Na ja, das war auch nicht seine Aufgabe. Damals jedenfalls nicht, von 1970 bis 1975. Selbst die ansatzweise exotischen V-Vierzylinder früherer Ford-Jahrgänge hatten seine Erbauer durch profane Reihenmotoren aus dem britischen Konzernregal ersetzt. Immerhin, die haben eine oben liegende Nockenwelle und eine fünffach gelagerte Kurbelwelle – damals progressiv. Ihr Leistungsspektrum reicht vom 1300-Kubik-Asthmatiker mit 55 PS bis zum 1600er, der in der GT-Ausführung 88 PS mobilisiert. Richtig luxuriös sind nur die bewährten V6-Aggregate mit 2,0 Liter (90 PS) und 2,3 Liter Hubraum (108 PS).
Vergleich der Biedermänner: Ascona, Taunus und Jetta

Bild: Stephan Lindloff
Die Nase des Chefs
Die meisten kauften den Ford Taunus, weil sie ihn tatsächlich als besonders hübsch empfanden. Viele kamen direkt vom Käfer und wollten es jetzt etwas weniger karg. Bitte, kein Problem: Voller Stolz stemmt die klassische Mittelklasse ihren barocken Bug in den Wind. cW-Wert: Was ist das? Die Supernasen-Front war den Kölnern übrigens in letzter Minute vom amerikanischen Ford-Präsidenten Semon E. Knudsen in den Entwurf höchst selbst skizziert worden. Ford-Deutschland war darüber not amused, Design-Kritiker regelrecht entsetzt. Auf jeden Fall kam der Taunus so zu seinem "Spitz"-Namen. Die "Linie der Vernunft", von Ford einst erfunden und mit der 17 M "Badewanne" durchgesetzt – sie musste dem Zuckerbäcker-Stil weichen.
Vinyl statt Cabrio
Den Verkaufszahlen hat das nicht geschadet. Rund eine Million "Knudsen"-Exemplare liefen als Limousine, Coupé oder Kombi ("Turnier") vom Band. Für jeden Geschmack gab es das passende Modell: mal als Basisausführung "N" und "L" mit wenig Chrom und anfangs nur mit Rundscheinwerfern (später wurden sie eckig), die gehobenen GT und GXL-Versionen zeigten mitunter zeitgeistiges Vinyl auf dem Dach. Und solch eine Mütze passend zur Supernase ist für viele der heutigen Oldtimer-Fans noch cooler als der schärfste Doppelnockenwellen-Motor unter der Haube des Alfa Romeo.
Technische Daten
Ford Taunus XL Coupé 1300
Vierzylindermotor, Reihe, vorn längs • eine oben liegende Nockenwelle • Hubraum 1285 ccm • 40 kW (55 PS) bei 5500/min • maximales Drehmoment 92 Nm bei 3000/min • Viergang-Schaltgetriebe • Hinterradantrieb • Länge/Breite/Höhe 4267/1708/1341 mm • Fahrwerk: Doppelquerlenker vorn, Schraubenfedern, Starrachse mit Schraubenfedern hinten • Leergewicht 1010 kg • Reifen 165 SR 13 • Spitze 135 km/h • 0-100 km/h in 23 s • 11,5 l Super/100 km • Neupreis (1971) 8815 Mark
Vierzylindermotor, Reihe, vorn längs • eine oben liegende Nockenwelle • Hubraum 1285 ccm • 40 kW (55 PS) bei 5500/min • maximales Drehmoment 92 Nm bei 3000/min • Viergang-Schaltgetriebe • Hinterradantrieb • Länge/Breite/Höhe 4267/1708/1341 mm • Fahrwerk: Doppelquerlenker vorn, Schraubenfedern, Starrachse mit Schraubenfedern hinten • Leergewicht 1010 kg • Reifen 165 SR 13 • Spitze 135 km/h • 0-100 km/h in 23 s • 11,5 l Super/100 km • Neupreis (1971) 8815 Mark
Historie
September 1970: neue Taunus-Modellfamilie als Nachfolger der frontgetriebenen Modelle 12M/15M P6. Internes Kürzel GBTK. Das britische Parallel-Modell ist der Ford Cortina Mk III. Anfangs viele Qualitätsmängel. September 1973: große Modellpflege, veränderter Kühlergrill, sparsamerer Umgang mit Chrom. November 1975: neuer Taunus, geglättete Karosserie.
Plus/Minus
Der Knudsen-Taunus ist ein idealer Klassiker für Anfänger. Die Technik ist überschaubar, die Motoren sind grundsätzlich robust. Das Fahrverhalten war schon bei Neufahrzeugen nicht allzu präzise, PU-Buchsen und Sportstoßdämpfer schaffen Abhilfe. Wäre da nicht das Rostproblem, wie es bei vielen schlecht konservierten Mittelklassewagen dieser Zeit auftritt, der Taunus wäre ein rundum problemloser Alltags-Begleiter. Eine Blechrestaurierung lohnt sich unter wirtschaftlichen Aspekten nicht, gut erhaltene Fahrzeuge sind (noch) günstig zu bekommen. Die Suche erfordert allerdings etwas Geduld. Vor allem gut erhaltene Coupés mit den stärkeren Motoren sind nicht mehr ganz billig.
Ersatzteile

Bild: Stephan Lindloff
Marktlage
Gefragt sind naturgemäß die Coupés, was sich im Preisspiegel niederschlägt. Top-Exemplare kosten bis 10.000 Euro, während lauffähige Schlachtfahrzeuge noch für wenige hundert Euro den Besitzer wechseln. Aber auch gut erhaltene Limousinen sind im Zuge des 70er-Jahre-Booms im Kommen. Für Originalautos in akzeptablem Pflegezustand gilt: Wer sucht, der findet einen bis 5000 Euro. Mit Glück ohne optisches Tuning ("Customizing"). Zu den Raritäten zählen die Kombi-Versionen Turnier.
Empfehlung
Gepflegte und rostfreie Originalfahrzeuge mit überschaubarer Geschichte (wie unser Fotomodell) sind immer eine sichere Bank. Dafür sollte man gegebenenfalls auch eine schwache 1300er-Maschine oder ein Automatikgetriebe in Kauf nehmen. Deutlich mehr Fahrspaß und Luxus-Appeal vermitteln natürlich die Sechszylinder-Ausführungen. Allgemein kann der Inspektion der Blechsubstanz nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt werden. Es sind viele Blender am Markt.
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