Klassik-Test: Mercedes 500 E

— 16.11.2012

Stille Kraft

Was für ein Typ: Der Mercedes 500 E schöpft seine scheinbar unbegrenzte Kraft aus einem 326 PS starken Achtzylinder. Dessen enspannten Summen entlarvt die unauffällige Limousine als reißenden Wolf.



Kennen Sie den? Also, genauer: kennen Sie den wirklich? Klar, weiß doch jeder, dass es den Feldwaldundwiesen-Mercedes W 124 als 500 E gab, als rare Top-Version. Dass dieser Benz aus Suttgart kommt, ist auch banal, woher sonst? Dass er aber in Stuttgart-Zuffenhausen gebaut wurde, wissen nur wenige. Porsche hatte die "konstruktive und versuchstechnische" Serienentwicklung der W 124-Limousine mit M 119-Motor übernommen (das ist der Fünfliter aus dem 500 SL!). Vorderwagen, Auspuff, Bremsanlage, Fahrwerk und den Motor selbst galt es zu überarbeiten.

Youngtimer mit Porsche-Technik
Audi RS2 Porsche 928 Porsche B32 Vergleichstest

Kenner bemerken es: Nebellampen im Spoiler, ausgestellte Kotflügel – ein 500 E. Die Domäne des wuchtigen W 124 ist die schnelle Gerade.

© C. Bittmann

Das Ergebnis wurde nach eineinhalb Jahren Vorbereitung im Frühjahr 1990 präsentiert. Der 500 E überzeugte, und so durften "die beim Porsche" auch die Produktion übernehmen. Jawohl, durften, denn in dieser Zeit ging Porsche am Stock der Pleite entgegen, sodass man, bei allem Stolz, um jeden anspruchsvollen Auftrag dankbar war. Erst vier, am Ende 20 Stück entstanden pro Tag in Handarbeit, gerade mal 10.479 Exemplare entstanden bis 1994. Mercedes übernahm nur das Lackieren und den Vertrieb. Das Kuriose am Porsche-Daimler: Das Porsche-Gefühl liefert ausgerechnet der Mercedes-Motor, der summende Laufruhe mit überquellender Drehfreude und wuchtigem Drehmoment kombiniert.

Mercedes-Benz 500 E: Die Ruhe vor dem Sturm

Dass vorn ordentlich was drinsteckt, ist der große Reiz der Ausnahme-E-Klasse.

© C. Bittmann

Der Fünfliter-V8 wurde an eine Vierstufenautomatik mit Sportprogramm, damals noch von Harry Valérien moderiert, gekoppelt. Die kurze Übersetzung betont das Sprintvermögen: Nach sechs Sekunden liegt Tempo 100 an, bei 250 km/h Spitze dreht der 500 E aus. Benzinverbrauch? Lassen wir das mal. Unter 15 Liter ist es bei artgerechter Bewegung nicht zu schaffen. Aber es gilt wie immer: Was nix kostet, is' auch nix. In dem sorgfältig mit Holz und Leder arrangierten Wohlfühl-Ambiente der Highend-Mittelklasse möchte man in aller Stille mit Tempo 200 dem Horizont entgegen fliegen. Auf der Langstrecke macht der so straff wie komfortabel abgestimmten Sport-Limousine ohnehin keiner was vor. Klar, der 500 E kennt auch einen Grenzbereich, aber ihn anzutasten, fühlt sich falsch und spätpubertär an. Die Faszination des Porsche-Benz ergibt sich aus der spießig-irren Melange aus Ernst und Übermaß. Dass er viel kann, aber nur wenig muss, ist lässig und reizvoll. Wie der Gedanke, einen Porsche mit vier Türen und vier Sitzplätzen zu fahren. Und keiner merkt es.
Fahrzeugdaten Mercedes 500 E
Motor V8, vorn längs
Ventile/Nockenwellen 32/4
Nockenwellenantrieb Kette
Hubraum 4973 ccm
Bohrung x Hub 96,5 x 85,0 mm
kW (PS) bei U/min 240 (326)/5700
Nm bei U/min 480/3900
Höchstgeschwindigkeit 250 km/h
Getriebe Vierstufenautomatik
Antrieb Hinterrad
Bremsen vorn/hinten Scheiben/Scheiben
Testwagenbereifung 225/50 R 16 W
Verbrauch (Werksangabe) 13,5 l
Tankinhalt/Kraftstoffsorte 90 l/Super plus
zulässiges Gesamtgewicht 2150 kg
Vorbeifahrgeräusch 73 dB (A)
Abgas CO2 (nach Werksverbrauch) 320 g/km
Messwerte
Beschleunigung 0–50/0–80 km/h 2,8/4,9 s
0–100/0–130 km/h 6,7/10,7 s
Zwischenspurt 60–100/80-120 km/h 3,3/4,2
Bremsweg aus 100 km/h 39,8 m
Leergewicht/Zuladung 1747/403 kg
Gewichtsverteilung vorn/hinten 55/45 %
Wendekreis (links/rechts) 11,7/11,9 m
Innengeräusch bei 50/100 km/h 60/65 dB (A)
Testverbrauch - Co2 16,4 l - 389 g/km
Reichweite 550 km
Kosten
Steuern pro Jahr 757 Euro
Versicherung (HPF/100 Prozent) 972 Euro
Werkstattintervalle 10.000 km
Zeitwert (Zustand 2, Stand 2012) 25.000 Euro
Autor:

Jan-Henrik Muche

Fazit

Mercedes-Benz hat mit dem 500 E alles richtig gemacht. Viel Hubraum, viel Leistung und viel Understatement auf genau der richtigen Menge exquisit ausgestatteten Raums. Motor und Fahrwerk des 500 SL machen ihn zwar noch nicht zu einem Sportwagen, aber in dieser gelungenen und seltenen Kombination begehrenswerter als S-Klasse oder SEC. Vier Leute und Gepäck passen auch rein, das Taxigewerbe lässt schön grüßen.

Fotos: C. Bittmann

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