Kennen Sie den? Also, genauer: kennen Sie den wirklich? Klar, weiß doch jeder, dass es den Feldwaldundwiesen-Mercedes W 124 als 500 E gab, als rare Top-Version. Dass dieser Benz aus Suttgart kommt, ist auch banal, woher sonst? Dass er aber in Stuttgart-Zuffenhausen gebaut wurde, wissen nur wenige. Porsche hatte die "konstruktive und versuchstechnische" Serienentwicklung der W 124-Limousine mit M 119-Motor übernommen (das ist der Fünfliter aus dem 500 SL!). Vorderwagen, Auspuff, Bremsanlage, Fahrwerk und den Motor selbst galt es zu überarbeiten.
Mercedes 500 E
Kenner bemerken es: Nebellampen im Spoiler, ausgestellte Kotflügel – ein 500 E. Die Domäne des wuchtigen W 124 ist die schnelle Gerade.
Bild: Christian Bittmann
Das Ergebnis wurde nach eineinhalb Jahren Vorbereitung im Frühjahr 1990 präsentiert. Der 500 E überzeugte, und so durften "die beim Porsche" auch die Produktion übernehmen. Jawohl, durften, denn in dieser Zeit ging Porsche am Stock der Pleite entgegen, sodass man, bei allem Stolz, um jeden anspruchsvollen Auftrag dankbar war. Erst vier, am Ende 20 Stück entstanden pro Tag in Handarbeit, gerade mal 10.479 Exemplare entstanden bis 1994. Mercedes übernahm nur das Lackieren und den Vertrieb. Das Kuriose am Porsche-Daimler: Das Porsche-Gefühl liefert ausgerechnet der Mercedes-Motor, der summende Laufruhe mit überquellender Drehfreude und wuchtigem Drehmoment kombiniert.

Mercedes-Benz 500 E: Die Ruhe vor dem Sturm

Mercedes 500 E
Dass vorn ordentlich was drinsteckt, ist der große Reiz der Ausnahme-E-Klasse.
Bild: Christian Bittmann
Der Fünfliter-V8 wurde an eine Vierstufenautomatik mit Sportprogramm, damals noch von Harry Valérien moderiert, gekoppelt. Die kurze Übersetzung betont das Sprintvermögen: Nach sechs Sekunden liegt Tempo 100 an, bei 250 km/h Spitze dreht der 500 E aus. Benzinverbrauch? Lassen wir das mal. Unter 15 Liter ist es bei artgerechter Bewegung nicht zu schaffen. Aber es gilt wie immer: Was nix kostet, is' auch nix. In dem sorgfältig mit Holz und Leder arrangierten Wohlfühl-Ambiente der Highend-Mittelklasse möchte man in aller Stille mit Tempo 200 dem Horizont entgegen fliegen. Auf der Langstrecke macht der so straff wie komfortabel abgestimmten Sport-Limousine ohnehin keiner was vor. Klar, der 500 E kennt auch einen Grenzbereich, aber ihn anzutasten, fühlt sich falsch und spätpubertär an. Die Faszination des Porsche-Benz ergibt sich aus der spießig-irren Melange aus Ernst und Übermaß. Dass er viel kann, aber nur wenig muss, ist lässig und reizvoll. Wie der Gedanke, einen Porsche mit vier Türen und vier Sitzplätzen zu fahren. Und keiner merkt es.
Mercedes-Benz hat mit dem 500 E alles richtig gemacht. Viel Hubraum, viel Leistung und viel Understatement auf genau der richtigen Menge exquisit ausgestatteten Raums. Motor und Fahrwerk des 500 SL machen ihn zwar noch nicht zu einem Sportwagen, aber in dieser gelungenen und seltenen Kombination begehrenswerter als S-Klasse oder SEC. Vier Leute und Gepäck passen auch rein, das Taxigewerbe lässt schön grüßen.