Mit dem Ford Taunus 17M P3 auf der Bäderstraße

— 10.07.2008

Pack die Badewanne ein

Für die Strecke zwischen Rügen und Rheinsberg gibt es das perfekte Auto: die "Badewanne". So taufte der Volksmund einst den Taunus 17 M P3. Ein nostalgischer Trip in Fords legendärer Reiselimousine der 60er.



Wind treibt Segelboote über die Ostsee und frierende Urlauber über den Strand. Im Gehen reiben sie sich kaltes Wasser von der Haut, waschen und streifen so Alltagsärger und Sorgen ab. Dann sinken sie entspannt in einen der zahlreichen Strandkörbe. Wenn Deutschland ein Haus ist, dann ist Rügen sein kühles, erfrischendes Badezimmer. Zum Badezimmer führt eine Art Flur, die Bäderstraße. Heute ist sie der nördlichste Teil der Deutschen Alleenstraße zwischen Rügen und der Strelitzer Seenplatte bei Rheinsberg (Brandenburg). Vor allem an ihren Enden macht die Strecke ihrem Namen alle Ehre, denn es gibt vor allem eins: Wasser. Dazwischen liegen gut 250 Kilometer, an denen sich allenfalls kurze Stopps lohnen. Die Tour ist ideal für den Ford Taunus 17 M P3, eine der beliebtesten Reiselimousinen der 60er-Jahre. Bequeme Sitzplätze, vier Türen sowie ein riesiger Kofferraum mit reichlich Platz für Gepäck und Liegestühle. Wind findet am ebenen Blech wenig Angriffsfläche, Heck und Front sind rundlich. Verglichen mit den klobig-wuchtigen Karosserieformen seiner Zeit, wirkte der schlanke Taunus damals wie eine langgezogene Badewanne.

"Badewanne" alias "Liebesschaukel"

Was guckst Du? Badewanne 17 M zu Besuch auf dem Straußenhof Brand in Vipperow.

Was guckst Du? Badewanne 17 M zu Besuch auf dem Straußenhof Brand in Vipperow.

Doch der Volksmund hat auch andere Namen parat. "Liebesschaukel", nennt Willi Kientsch die Familienlimousine. Weshalb? "Na, warum wohl...?!", sagt der Rentner aus Winnenden vielsagend. Früher hatte der Urlauber selbst einen 17 M, jetzt streift er um die Badewanne und schwelgt in rosigen Erinnerungen. Besonders seine Generation verbindet eine Menge mit dem Oldtimer. Auf jedem Parkplatz entlang der Bäderstraße scharen sich ergraute Rentner um den Stolz ihrer frühen Jahre. Heute erkunden dieselben Männer ihre Urlaubswelt in Minivans aus Fernost, in denen man vor allem hoch sitzt. In die Villengegenden der noblen Rügener Seebäder Binz und Sellin passen diese rollenden Hochsitze kaum. Ganz im Gegensatz zu unserem roten 17M – damals wie heute ein Auto mit Stil. Doch Rügen ist nicht nur die Insel strahlender Seebäder. Im Westen erinnert der Koloss von Prora an die Schreckensherrschaft des Nazi-Regimes. Die braunen Machthaber klotzten einen 4,5 Kilometer langen Betonblock an die Küste. 20.000 Menschen sollten sich in dieser Ferienfabrik gleichzeitig erholen, doch der Monsterbau wurde nie fertig. Nach Ende des Krieges bezogen russische Soldaten die halbwegs bewohnbaren Blöcke. Heute schlafen hier Jugendliche in bunten Zelten des Jugenherbergswerks und lauschen nachts in den Fledermauswald hinein.

Mit dem Kapitalismus kam auch ein wenig Kleinkariertheit

Bekanntes Wahrzeichen: die Seebrücke von Sellin, nachts malerisch beleuchtet.

Bekanntes Wahrzeichen: die Seebrücke von Sellin, nachts malerisch beleuchtet.

Ein anderer Gigant ruht im benachbarten Eisenbahn- und Technikmuseum: eine 250 Tonnen schwere, 30 Meter lange russische Dampflok. An der Spitze ihres 53 Jahre alten Wasserkessels prangt noch ein Porträt von Josef Stalin. Nicht nur an Regentagen ist das Museum sehenswert – vor allem wegen seiner bunten Oldtimer-Mischung und einer großen Modelleisenbahn. Gerade ist ein Zug entgleist, Karsten Schlüßler setzt ihn schnell wieder auf die Schienen. Der Lok-Schlosser weiß eine Menge über die Insel, vor allem aus DDR-Zeiten. Manchmal stand ein verlassenes Auto am Urlaubsstrand. Alle wussten dann: Wieder hatten verzweifelte DDR-Bürger ihre Heimat verlassen. Oder es versucht. "Viele von denen sind ertrunken", sagt Schlüßler traurig. Nach dem Kommunismus kamen der Kapitalismus und leider auch ein wenig Kleinkariertheit auf die Insel. Vor allem am Kap Arkona merkt man das. An einem Imbiss hängt ein riesiges Schild: 50 Cent kostet die Benutzung der Toiletten. Das Geld wird beim Kauf von Speisen und Getränken angerechnet. Ausnahme: Jemand kauft Eis. Zudem wird nur ein Wertbon pro Artikel verrechnet, und nachträglich wird schon mal gar nichts erstattet!

Wer Leucht- und Schinkel-Turm sehen will, muss kilometerweit laufen oder eine kitschige Bimmelbahn nehmen und zur Strafe über einen Ramschmarkt laufen. Zu Zeiten der Ford-Badewanne war das sicher anders. Auf der Bäderstraße aber ist der Weg das Ziel: Durch die geöffneten Fenster strömt frische Luft, die nach Raps und Sommer riecht. Reiseeindrücke, die heute jede Klimaanlage kaputtfiltert. Appetit auf Fisch? Den gibt es im Norden und Süden der Bäderstraße reichlich. Rund um Rheinsberg empfehlenswert: Plötze. Der grätenreiche, aber leckere Fisch war zu DDR-Zeiten kaum zu bekommen, erlebte aber nach der Wende eine Renaissance. Grund: Den nötigen Grätenschneider gab es nur im Westen.

Der Ford 17 M "Badewanne"

Der Ford Taunus 17M P3 lief von 1960 bis 1964. Seine Technik stammte vom Vorgänger 17 M P2, die Form dagegen war revolutionär. Die ovalen Scheinwerfer waren eine Weltneuheit, die weit hochgezogene Windschutzscheibe galt damals als Fortschritt. Ford wollte mit der Badewanne beweisen, dass seine Designer nicht nur die barocke Formensprache des US-Mutterhauses beherrschten. Die progressive "Linie der Vernunft" sorgte für viel Platz in Innen- und Kofferraum und wenig Luftwiderstand. Technische Daten: Vierzylinder-Reihenmotor • Fallstromvergaser (Solex) • Hubraum 1498 cm3 • Leistung 40 kW (55 PS) bei 4250/Umin • Heckantrieb • Drei- oder Viergang-Lenkradschaltung • Länge/Breite/ Höhe 4452/1670/1450 mm • Radstand 2630 mm • Reifen 5,90–13 • Radgröße 4 J x 13” • Leergewicht 960 kg • Höchstgeschwindigkeit 136 km/h • Verbrauch 9,5 Liter/ 100 km (Werksangabe) • Preis: 7235 Mark (1964).

Das ist die Bäderstraße

Guten Abend, gute Nacht: Die teils sehr romantische Bäderstraße führt über insgesamt 250 Kilometer.

Guten Abend, gute Nacht: Die teils sehr romantische Bäderstraße führt über insgesamt 250 Kilometer.

In Deutschland gibt es mehrere Routen, die sich Bäderstraße nennen. Die von AUTO BILD bereiste Route wird auch Alte oder Deutsche Bäderstraße genannt. Sie führt über 250 Kilometer von Kap Arkona auf Rügen ins brandenburgische Rheinsberg. Mittlerweile ist die Strecke zum nördlichsten Teil der Deutschen Alleenstraße geworden, die Ostsee und Bodensee miteinander verbindet. Wirklich lohnend sind in erster Linie die Endpunkte: Rügen, wo sich die Route in Abzweigungen nach Kap Arkona und nach Sellin gabelt. Außerdem die Gegend um Rheinsberg, wo die Müritz-Fischer ihre Netze auswerfen. Wasser- und Badefreunde finden dort Ruhe, Erholung, Sport und Spaß.

Infos und Adressen

Besichtigen Eisenbahn- und Technikmuseum Rügen: Mehr als 30 Oldtimer, außerdem eine Modelleisenbahn, gelegen am Bahnhof Prora. Telefon 038393-2366. Rasender Roland: Bäderbahn auf Rügen zwischen den Orten Lauterbach, Putbus, Binz, Sellin, Baabe und Göhren. Dampflokbetrieb. Prora: 4,5 Kilometer langer, zusammenhängender Ferienkomplex aus der Nazizeit. Nur wenige Teile der nie vollendeten Anlage sind noch halbwegs intakt. Übernachten Hotel Vier Jahreszeiten Binz: Einzelzimmer ab 100 Euro, Doppelzimmer ab 130 Euro (jeweils Hauptsaison). Last-Minute-Angebote erhältlich. Romantik-Hotel Borchards Rookhus, Wesenberg: Einzelzimmer ab 95 Euro, Doppelzimmer ab 120 Euro (Hauptsaison). Abendessen auf dem Romantik-Floß.

Deutsche Strecken entdecken: mit dem Mercedes 450 SEL 6.9 über die Burgenstraße.



Autoren: Claudius Maintz, Markus Heimbach

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