Mercedes W 123

Pro & Kontra: Elektronikprobleme kommender Klassiker

— 01.07.2016

Sind die Hersteller verantwortlich?

Elektronikprobleme bedrohen die nächste Klassiker-Generation. Müssen die Hersteller handeln? Zwei Redakteure diskutieren.

Die Zeiten, in denen Klassiker-Freunde in ihrer Garage nur Relaisschalter reinigten, Tachowellen tauschten und Ver­gaser überholten, sind vorbei. Die Restaurierung künftiger Klassiker erfolgt am Schreibtisch – oder müsste dort erfolgen, wenn sie denn überhaupt möglich sein sollte

Umfrage

'Müssen Hersteller die Elektronikprobleme kommender Klassiker lösen?'

Bei Autos, die in den kommenden Jahren ins Klassiker-Alter kommen, werden Beleuchtung, Instrumente, Motor und auch sonst fast alles von Mikroelektronik gesteuert, bei der Fehlersuche und Korrektur per Computer erfolgen. Ist das Bauteil physisch kaputt, ist die Reparatur oft schwierig. Schlimmer noch: Nicht einmal Vorratshaltung hilft, denn eingelagerte Bauteile altern durch bloßes Liegen. Ein einzelnes kaputtes, nicht mehr be­schaffbares Elektronikteil könnte bei künftigen Klassiker-Baureihen zum Verschrottungsgrund werden. Müssten die Autohersteller gezwungen werden, Abhilfe zu schaffen? Hier zwei Meinungen aus der Redaktion.

"Keine Firma kann sich unfahrbare Klassiker leisten"

Ja, bitte: Christian Steiger appelliert an die Markenwerte.

Vielleicht werde ich ja allmählich alt – obwohl: Ich habe schon vor 20 Jahren nicht verstanden, warum die Traditionsabteilungen der Auto­hersteller schnöde Profitcenter sein sollten wie jedes andere auch. Der Umgang mit der Ge­schichte einer Marke ist kein Geschäft wie jedes andere; es ist zu groß und zu wichtig, um nur nach Umsatzrendite be­urteilt zu werden. Wer kann genau sagen, wie viele Neuwagen die deutschen Luxusmar­ken schon verkauft haben, weil emotio­nalen Kunden der Umgang mit dem gro­ßen Gestern mindestens so sehr impo­niert wie Handling oder Design? Und warum weckt ein chinesischer Riesen­konzern gerade die Traditionsmarke Borgward auf? Bingo: weil eine Geschichte eben doch mehr ist als totrestaurierte Oldtimer im Museum und Jahreszahlen auf vergilbtem Papier. Und deshalb kann kein Hersteller ein Interesse daran haben, dass seine Autos von der Stra­ße verschwinden, weil es keine Steuergeräte mehr gibt oder der Da­tenbus nicht mehr kom­muniziert. Der Ruf nach Zwangslösungen oder Gesetzen ist natürlich albern. Aber noch viel alberner ist ein scheckheftgepfleg­tes Oberklasse-Auto aus Opa-Hand, das der Hersteller nicht reparieren kann oder will. Einen Neuen dürfte mir so ein Laden nicht mehr verkaufen.

"Keine Firma muss auf ewig ihre Vergangenheit pflegen"

Nein, danke: Henning Hinze warnt vor Geschichtsfixierung.

Man kann viele Argumente dafür anführen, dass Autohersteller für die Versorgung ihrer Model­le mit existenziellen Elektronikteilen zu­ständig bleiben, auch wenn die längst im Klassiker-Alter sind: dass es schließlich eine Herstel­lerentscheidung war, all die Elektronik einzubau­en, und dass die die Sup­pe nun auch auslöffeln müssen, weil das sonst einer Enteignung der Fahr­zeugbesitzer gleichkäme. Dass die Hersteller von der Marken­pflege durch die Klassikerszene profi­tieren. Solche Sachen. Man verkennt dann nur die Existenz­grundlage eines Autoherstellers, die darin besteht, attraktive Neuwagen zu bau­en. Das wird angesichts der bevorste­henden Umwälzungen in der Autonut­zung in den nächsten zwei Jahrzehnten schwierig genug. Der Klassiker-Bereich ist, machen wir uns nichts vor, nur ein netter Nebenschauplatz, und das auch nur für Her­steller, für deren Image Langlebigkeit und his­torische Identität wich­tig sind, Standardbei­spiel: Mercedes. Für Menschen, die (wie ich) auf Marken stehen, die das nicht leisten wollen oder kön­nen, ist das blöd. Aber nach 30, 40 Jah­ren sind wir paar verbliebenen Besitzer bei Massenherstellern von Alltagsautos an der falschen Adresse und finden (hof­fentlich!) woanders eine richtige.

Autoren: Christian Steiger, Henning Hinze

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