Pro & Kontra: Elektronikprobleme kommender Klassiker
Sind die Hersteller verantwortlich?
Elektronikprobleme bedrohen die nächste Klassiker-Generation. Müssen die Hersteller handeln? Zwei Redakteure diskutieren.
Christian Steiger
Henning Hinze
Die Zeiten, in denen Klassiker-Freunde in ihrer Garage nur Relaisschalter reinigten, Tachowellen tauschten und Vergaser überholten, sind vorbei. Die Restaurierung künftiger Klassiker erfolgt am Schreibtisch – oder müsste dort erfolgen, wenn sie denn überhaupt möglich sein sollte
Bei Autos, die in den kommenden Jahren ins Klassiker-Alter kommen, werden Beleuchtung, Instrumente, Motor und auch sonst fast alles von Mikroelektronik gesteuert, bei der Fehlersuche und Korrektur per Computer erfolgen. Ist das Bauteil physisch kaputt, ist die Reparatur oft schwierig. Schlimmer noch: Nicht einmal Vorratshaltung hilft, denn eingelagerte Bauteile altern durch bloßes Liegen. Ein einzelnes kaputtes, nicht mehr beschaffbares Elektronikteil könnte bei künftigen Klassiker-Baureihen zum Verschrottungsgrund werden. Müssten die Autohersteller gezwungen werden, Abhilfe zu schaffen? Hier zwei Meinungen aus der Redaktion.
"Keine Firma kann sich unfahrbare Klassiker leisten"
Ja, bitte: Christian Steiger appelliert an die Markenwerte.
Bild: Alexandra Lier / AUTO BILD
Vielleicht werde ich ja allmählich alt – obwohl: Ich habe schon vor 20 Jahren nicht verstanden, warum die Traditionsabteilungen der Autohersteller schnöde Profitcenter sein sollten wie jedes andere auch. Der Umgang mit der Geschichte einer Marke ist kein Geschäft wie jedes andere; es ist zu groß und zu wichtig, um nur nach Umsatzrendite beurteilt zu werden. Wer kann genau sagen, wie viele Neuwagen die deutschen Luxusmarken schon verkauft haben, weil emotionalen Kunden der Umgang mit dem großen Gestern mindestens so sehr imponiert wie Handling oder Design? Und warum weckt ein chinesischer Riesenkonzern gerade die Traditionsmarke Borgward auf? Bingo: weil eine Geschichte eben doch mehr ist als totrestaurierte Oldtimer im Museum und Jahreszahlen auf vergilbtem Papier. Und deshalb kann kein Hersteller ein Interesse daran haben, dass seine Autos von der Straße verschwinden, weil es keine Steuergeräte mehr gibt oder der Datenbus nicht mehr kommuniziert. Der Ruf nach Zwangslösungen oder Gesetzen ist natürlich albern. Aber noch viel alberner ist ein scheckheftgepflegtes Oberklasse-Auto aus Opa-Hand, das der Hersteller nicht reparieren kann oder will. Einen Neuen dürfte mir so ein Laden nicht mehr verkaufen.
"Keine Firma muss auf ewig ihre Vergangenheit pflegen"
Nein, danke: Henning Hinze warnt vor Geschichtsfixierung.
Bild: Kersten Weichbrodt
Man kann viele Argumente dafür anführen, dass Autohersteller für die Versorgung ihrer Modelle mit existenziellen Elektronikteilen zuständig bleiben, auch wenn die längst im Klassiker-Alter sind: dass es schließlich eine Herstellerentscheidung war, all die Elektronik einzubauen, und dass die die Suppe nun auch auslöffeln müssen, weil das sonst einer Enteignung der Fahrzeugbesitzer gleichkäme. Dass die Hersteller von der Markenpflege durch die Klassikerszene profitieren. Solche Sachen. Man verkennt dann nur die Existenzgrundlage eines Autoherstellers, die darin besteht, attraktive Neuwagen zu bauen. Das wird angesichts der bevorstehenden Umwälzungen in der Autonutzung in den nächsten zwei Jahrzehnten schwierig genug. Der Klassiker-Bereich ist, machen wir uns nichts vor, nur ein netter Nebenschauplatz, und das auch nur für Hersteller, für deren Image Langlebigkeit und historische Identität wichtig sind, Standardbeispiel: Mercedes. Für Menschen, die (wie ich) auf Marken stehen, die das nicht leisten wollen oder können, ist das blöd. Aber nach 30, 40 Jahren sind wir paar verbliebenen Besitzer bei Massenherstellern von Alltagsautos an der falschen Adresse und finden (hoffentlich!) woanders eine richtige.