Report: Charta von Turin

— 05.02.2013

Wird jetzt alles anders?

Die FIVA, der Weltverband der Oldtimer-Clubs, folgt ab sofort einer neuen Leitlinie – der "Charta von Turin", die wir hier veröffentlichen. Was sagt diese Charta aus und was ist davon zu halten?



Erst mal der Reihe nach: Charta – was war das noch mal? Das Wort aus dem Staatsrecht klingt nach Großem und Wichtigem. In der Tat hat eine Charta (sprich: Karta) Gewicht: Sie steht für eine freiwillige Selbstverpflichtung, eine Grundordnung. Solche Chartas gibt es schon lange. Berühmt wurden die Charta von Athen, die 1933 Positionen zur Stadtplanung formulierte, und die Charta von Venedig (1964). Sie gilt als international anerkannte Richtlinie für den Schutz von Kulturgütern. Näher an unser Thema Klassiker kamen die Charta von Riga (2000) für Schienenfahrzeuge und die Charta von Barcelona (2003) für historische Schiffe. Und wem die FIVA nicht geläufig ist: Den Weltdachverband der Oldtimer-Clubs gibt es schon seit 1966 und sieht sich als Interessenvertreter aller Oldtimer-Besitzer weltweit. Soweit, so gut.

Die Charta soll klare Verhältnisse schaffen

Dieser 1955er Käfer wurde vor wenigen Jahren komplett restauriert.

Was will die Charta von Turin?
Die FIVA fasst ihre grundlegenden Ideen in dieser Charta so zusammen, dass sie als Empfehlungen zu lesen sind: So wünscht sich die FIVA künftig weltweit den verantwortungsvollen Umgang mit historischen Fahrzeugen. Dazu hat sie auf ihrer Generalversammlung am 27. Oktober 2012 in München die Charta von Turin verabschiedet. Die Delegierten aus über 60 Ländern nahmen den Text mit großer Mehrheit an: Es gab nur zwei Enthaltungen. Mit der Veröffentlichung ist die Charta in Kraft getreten. Zunächst gilt sie als Leitlinie für die FIVA und ihre Mitgliedsverbände. Darüber hinaus spricht die Charta jeden an, der sich ihr und ihren Ideen verpflichtet fühlt. Man wird künftig Position beziehen können: für oder gegen die Charta.

Die Charta – ein Streitthema: Zwei Meinungen

Auch dieser Käfer stammt aus dem Jahr 1955, ist dagegen noch im Originalzustand.

Was steht drin?
Die Charta unterstreicht die wichtige Rolle, die das Automobil bei der gesellschaftlichen Entwicklung spielte und damit die kulturhistorische Bedeutung des klassischen Autobmobils. Damit schließt sie klar die Massenmotorisierung mit ein, es geht ihr also nicht nur um Maybach und Horch, sondern ebenso um Ente und Käfer. Und darum, dass dieses Erbe Achtung und Schutz verdient hat. Der Text der Charta ist festgeschrieben, was allerdings nicht heißt, dass mit ihr alles und alles eindeutig gesagt ist: Es wird verschiedene Interpretationen und Auslegungen geben, die das Papier mit Leben füllen.

Was umfasst die Charta? Vor allem Oldtimer, klar. Doch darüber hinaus deckt sie alles ab, was auf Land ohne Schienen fährt, also auch Lastwagen, Traktoren, Motorräder, Fahrräder und Anhänger. Zudem kann sie auf Gebäude und andere Infrastrukturen angewandt werden, die einst im Zusammenhang mit Fahrzeugen standen – zum Beispiel Tankstellen, Rennstrecken oder auch Archive. Die Charta wurde innerhalb der FIVA von einem Team internationaler Experten verfasst. Im Vorfeld wurde der Inhalt heftig und kontrovers diskutiert, besonders in Deutschland. Im nun beschlossenen Charta-Text sind Ideen und Hinweise aus aller Welt eingeflossen. Die Charta von Turin in der offiziellen deutschen Version können Sie hier kostenlos herunterladen:

Zum Herunterladen: Die Charta von Turin als PDF!

Einen besonderen Wert hat auch ein originaler Werkzeugsatz. Dieser liegt seit 1955 im Käfer.

Was ändert sich für Restaurierer?
Prinzipiell nichts. Keiner versündigt sich, weil er restauriert. Doch die Charta schlägt ein Nachdenken vor jedem Eingriff vor. Sie ermuntert auch, möglichst sanft mit der Substanz umzugehen, statt im Zuge einer Restaurierung unbedacht alles auf links zu drehen, nur weil das Auto am Ende schicker aussieht als zuvor. Frühere Änderungen schätzt sie als Zeitzeugen, äußert sich jedoch zurückhaltend gegenüber heutigen Modifikationen, die nicht notwendig oder vorgeschrieben sind. Zudem schlägt die Charta vor, Arbeiten zu dokumentieren. Wichtige Teile, die ausgetauscht wurden, sollten möglichst beim Auto bleiben.

Kommen jetzt neue Gesetze? Kaum, vor allem entscheidet das ja nicht die FIVA. Kurzfristig werden nationale Gesetzgeber kaum reagieren. Doch die Charta bietet durchaus Referenzpositionen für Politiker. Vor allem kommen diese künftig nicht mehr daran vorbei, Oldtimer auch als Kulturgut zu verstehen. Die Charta verbietet auch nicht das Fahren, ganz im Gegenteil. Die Charta erklärt ausdrücklich, dass Oldtimer nur dann die Geschichte der Mobilität erzählen können, wenn sie auf öffentlichen Straßen unterwegs sind. Zu helfen, dieses Recht international abzusichern, ist eine der wesentlichen Aufgaben der Charta von Turin.

Komplett restauriert – oder mitten aus dem Leben? Die Bildergalerie zeigt am Beispiel zweier VW Käfer, wie die Charta von Turin in der Anwendung aussehen könnte.

Autor: Thomas Wirth



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