Auto Union 1000 SE Fissore in Buenos Aires
Asphalt-Tango: Der deutsche Auto Union aus Argentinien

Der Auto Union 1000 SE Fissore ist ein Argentinier mit DKW-Hintergrund – und skurriler Vorgeschichte. Wir haben ihn in Buenos Aires gefahren.
Bild: Stefan Warter / Audi
So weit weg von daheim und dann dieses Elend. Zehntausende waren es, die vor 100 oder mehr Jahren am fernen Rio de la Plata strandeten, geflohen vor Hunger und Not. Sie hatten nichts außer Erinnerungen. Und Hoffnungen, den festen Glauben an einen Schimmer Glück.
Das ist Tango: italienische Canzoni, polnische Polka, Latino-Milonga, getrommelte Candombe-Rhythmen, im Herzen mitgenommen. Hier fügt sich all das zusammen. So klingt Buenos Aires, stets ein wenig bitter, weil das Leben so leicht nicht ist.
Überall Tango. Gar nicht entgehen kann man ihm in La Boca, dem grellbunten Stadtteil im Osten, wo der Wind oft vom Meer her bläst – dem Meer über einst die italienischen Gründer des Viertels kamen, viele aus Genua.
Italienisches Design trifft deutsche DKW-Technik

Hübsch ist er, der Auto Union 1000 SE Fissore. Ein Coupé für die Stadt, für die breiten Avenidas, auf denen sich Buenos Aires wie Paris anfühlt. Deutsche Technik, italienische Linien, argentinische Fertigung – in dem kleinen Coupé kam einiges zusammen.
Bild: Stefan Warter / Audi
Von dort ist es nicht mehr weit nach Turin, genauer nach Savigliano. Hier entstanden die Linien des Coupés, das in La Boca alle Augen auf sich zieht. Doch niemand erkennt es. "Ist der neu?", fragt einer.
No! Ein halbes Jahrhundert ist er alt, der Auto Union 1000 SE, ein Entwurf der Carrozzeria Fissore. 1959 hatte der Boss im Piemont, Mario Fissore, ein schickes Duo aus Coupé und Roadster entworfen. Unter dem hübschen Blech mit den kecken, kleinen Flossen à la mode verbarg sich unkapriziöse DKW-Zweitakttechnik.
Wie DKW nach Argentinien kam

Den Straßen, selbst den großen, hektischen, gibt das Fissore-Coupé für einen Augenblick die weltläufige Eleganz der 1960er-Jahre zurück.
Bild: Stefan Warter / Audi
In La Boca staunen sie lange. Diesen Zweitaktklang, dieses helle, näselnde Rengdeng-deng, keiner hat es je gehört. Ein Wunder ist das nicht: Nur von 1960 bis 1968 montierte die Industria Automotriz Santa Fé, S.A. (IASFSA) in Lizenz deutsche DKW-Modelle. Die IASFSA war in den Konkurs geschlittert, 1700 Menschen waren nach argentinischen Quellen ohne Arbeit.
Nicht, dass die Kunden nicht gekauft hätten. Es war das Management der IASFSA, das sich auf fragwürdige Weise Liquidität verschafft hatte: Zahlende Kunden erhielten Autos mit einer Hypothek, man kassierte einfach doppelt. So lange es eben ging.
Die Vorgeschichte des Auto Union 1000 SE Fissore

Wie für die Nacht geschaffen: Mit seinen kleinen Heckflossen steht der Auto Union Fissore vor einem Club, der sich selbst als skandalös bezeichnet.
Bild: Stefan Warter / Audi
Als der 1000 SE Fissore in Argentinien 1963 startete, war das Modell in Italien bereits seit vier Jahren im Angebot des Auto-Union-Importeurs Motauto. Die gesamte Technik, auch die Rahmen, kam als Bausatz aus Deutschland. Offiziell hieß dieses Modell Auto Union 1000 SE, bekannt ist es auch als Auto Union 1000 SE Fissore, DKW 1000 SE oder 1000 SE Fissore und als Auto Union 1000 SE Coupé. In Italien wird das Modell teils als Auto Union 1000 MilleSpecial geführt.
Für die Karosserie ließ Motauto Werkzeuge anfertigen, doch der Verkauf kam nicht auf Touren. Ob es daran lag, dass Mario Fissore die hübschen Linien des deutschen Auto Union 1000 Sp zu genau kopiert hatte? Auf diesem deutschen Coupé basiert der Argentinier nicht, deshalb ist auch der oft geschriebene Name „Auto Union 1000 Sp Fissore“ falsch.
Warum das Fissore-Coupé MilleSpecial in Italien floppte

Gebaut wurde der Auto Union 1000 SE weitgehend im Land; nach zeitgenössischen Angaben stammten mehr als 90 Prozent der Teile aus Argentinien. Das Lenkrad scheint zu lächeln.
Bild: Stefan Warter / Audi
Fünf Jahre schleppte sich das Kleinstserien-Coupé mit der populären Technik in Italien durchs Leben, dann zog Motauto den Stecker. Über die Zahlen gibt es nur Spekulationen: Rund 100 Stück sollen entstanden sein, heißt es, andere Quellen nennen die doppelte Zahl. Das letzte Italien-Exemplar verließ 1964 das moderne Fissore-Werk in Savigliano.
Argentinien gibt dem Fissore eine zweite Chance

Viergang-Lenkradschaltung; für den Rückwärtsgang drückt man den elbenbeinfarbenen Knauf zunächst Richtung Lenksäule.
Bild: Stefan Warter / Audi
Gut, dass die Argentinier da schon angebissen hatten. Denn andere zauderten: Der Plan, in Spanien und Brasilien eine Fertigung des Auto Union 1000 SE Fissore mit Partnern aufzunehmen, war bereits gescheitert. Trotz toller Form und stabiler Technik schien ein finanzieller Erfolg keineswegs ausgemacht.

Bild: Stefan Warter / Audi
Warum ausgerechnet Argentinien den Mut hatte, die Produktion der Italo-Variante des Auto Union 1000 Sp zu starten, ist in den Archiven nicht zu ermitteln. Sicher ist, dass die Carrozzeria Fissore auf neue Märkte setzte. Die argentinischen Karosserien fertigte FACE-Fissore, ein Tochterunternehmen der Italiener.

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Warum sich der DKW Fissore schlecht verkaufte
Dass der lockende Gewinn letztlich ausblieb, lag weniger am hohen Preis der Sondermodelle. Vielmehr sparte sich Hersteller Automotriz jede Form von Marketing: So erschien nach unseren Quellen für die Coupé- und Roadster-Varianten des Auto Union 1000 SE Fissore nie eine Anzeige, nicht einmal Betriebsanleitungen wurden demnach gedruckt. Man legte einfach die eines Auto Union 1000 S ins Handschuhfach – und das, obwohl Roadster und Coupé dank anderer Kolben fünf PS mehr Leistung boten als die Limousinen.
Nur 701 Auto Union Fissore entstanden in Argentinien
So blieb es bei 701 Auto Union 1000 SE, die unter Anleitung italienischer Fissore-Experten in Handarbeit geschweißt wurden; 226 davon in einer zweiten Serie, die keine Flossen mehr trug. Auch die seitlichen Ziergitter hatte Fissore nun aus dem Blech retuschiert.

Bild: Stefan Warter / Audi
Der Fissore war echte Handarbeit
Es fiel nicht leicht, ein Mindestmaß an Qualität zu garantieren. Jede Karosserie forderte während der Fertigung aufwendige Korrekturen. Türen und Hauben waren einzupassen, Zierteile wollten sich stets erst nach individueller Nacharbeit ans Blech schmiegen.
Mehr als 90 Prozent der Teile kamen aus Argentinien

Bild: Stefan Warter / Audi
Erstaunlich war dabei, dass sie es in Argentinien tatsächlich schafften, über 90 Prozent der Teile im eigenen Land zu produzieren. Nur komplexe Komponenten bestellte die IASFSA weiter im fernen Ingolstadt: Aus deutscher Fertigung kamen zum Beispiel die Kurbelwellen.
DKW baute in Argentinien auch Nutzfahrzeuge
Durch das Buenos Aires der 1960er-Jahre rollten auch Schnelllaster. "Utilitario" hieß die Argentinien-Variante, die aussah wie die deutschen Ur-Modelle. Mit einer Ausnahme: Die Südamerikaner hatten sich, warum auch immer, noch eine Doppelkabine mit Kurzpritsche ausgedacht.
Wie viele Auto Union 1000 SE gibt es noch?
Das ist lange her. Um die zweitaktenden Auto Union 1000 SE Fissore kümmert sich heute nur ein kleiner Kreis aus Fans und Schraubern. Der Geruch des Öls, der Klang, der grazile Stil des Blechs fasziniert sie. "Eine exakte Zahl kennen wir nicht", sagt Daniel Mazaffre, der für einen Oldtimersammler in Buenos Aires arbeitet: "Es soll nur noch rund zehn fahrbereite Exemplare geben."

Bild: Audi
Hintergrund
DKW in Argentinien | |
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Die Rolle von Zöllen | Südamerika hatte die Auto Union schon vor dem Zweiten Weltkrieg im Blick, unter anderem Argentinien. Dort konnten die robusten Zweitakter derart überzeugen, dass ein einheimisches Unternehmen in Córdoba die Technik in den 1950ern sogar kurzerhand kopierte. Mit massiven Einfuhrzöllen machte Argentinien - wie übrigens das Nachbarland Brasilien - zudem einen Import uninteressant. Ausländische Hersteller wie die Auto Union zwang das zu Lizenzverhandlungen. |
Die IASFSA | Als Partner vor Ort trat die Industria Automotriz Santa Fe S.A. (IASFSA) an. Ab 1959 investierte die Auto Union kräftig in Argentinien - Geld, Maschinen, Anlagen, Know-how. In einer provisorischen Halle startete 1960 die Produktion. Neben zwei- und viertürigen Limousinen baute Automotriz in Folge auch den Kombi, Schnelllaster-Varianten sowie die Fissore-Coupés und -Roadster, deren Karosserien die Firma FACE-Fissore zulieferte. Das einheimische Management steuerte jedoch in den 60er-Jahren das eigene Unternehmen ins Aus: Die Fertigung endete 1969. Nach dem Konkurs übernahm Fiat Concord das Werk von Automotriz und rüstete es später für die Fertigung von Traktoren, Lastwagen und Busfahrgestellen um. |

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115.000 Kilometer im argentinischen Alltag
Mazaffre kennt die Geschichte seines Wagens. Er trägt die laufende Nummer 132 und ist, bei drei Vorbesitzern, 115.000 Kilometer im Alltag gelaufen. Dann stand er einige Jahre lang. "Wir haben ihn nicht restauriert, sondern behutsam repariert", sagt er. Bremsen, das Fahrwerk, ein paar Kleinigkeiten.
Der vergessene Fissore von Buenos Aires

Bild: Stefan Warter / Audi
Auf den Straßen von Buenos Aires schaut man nicht zurück. Youngtimer sind rar, Oldtimer gar nicht zu sehen: Deshalb staunen sie in La Boca über den Auto Union 1000 SE Fissore.
Vielleicht auch, weil sie spüren, dass er eine Reliquie aus der alten Heimat ist. Und einer der Träume, die am Ende nicht in Erfüllung gingen.
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