Kreizkruzifix, Himmeherrgott, Sakrament! Wo ist der Blinker? An dieser Stelle bitten wir natürlich tausendmal um Entschuldigung für die Worte, aber vor uns licht­hupen sie schon, und es kann doch keiner ahnen, dass sie den Betäti­gungshebel für die Fahrtrichtungs­anzeiger rechts am Lenkrad mon­tiert haben und nicht links. Ist halt Neuland, so 'ne Neue Klasse.
BMW 1500
Luxus der frühen 60er sah so aus: Cockpit in Wagenfarbe, robuster Teppich, Sessel für komfortable Reisen.
Bild: Bayerische Motoren Werke AG
Unterwegs in einem BMW 1500 von 1963, laut Farbkarte heißt der Lack "Guayana", was eigentlich ein kleiner Staat im Norden Süd­amerikas ist. Aber da sind wir heu­te gar nicht, wir fahren mit 80 PS aus dem 1,5-Liter-Vierzylinder in die Alpen, wir sind dyna­mischer und agiler unter­wegs als gedacht. Also ziehen wir den imagi­nären Hut vor so viel Ingenieurskunst: Die Freude am Fahren begann irgendwann An­fang der 60er-Jahre. Und da wir schon mal hier sind auf unserer Zeitreise, müssen wir konstatieren: Beinahe hätte es die Freude am Fahren nie gegeben!

Neustart mit der Neuen Klasse

Ende der 50er-Jahre war BMW mausetot. Sie hatten (sollen wir "Auto" schreiben?) die 2,29 Meter kurze Isetta mit 12 oder 13 PS und erst seit Kurzem den Kleinwagen BMW 700 mit 30 und 40 PS sowie ganz weit oben den "Barockengel" mit V8, dazu ein paar Motorräder und Industrie-Aggregate. Und sonst? Nix!
Dann kam die Hauptversamm­lung am 30. November 1959, auf der eigentlich die Übernahme durch Daimler-Benz beschlossen werden sollte. Eigentlich. Die Stim­mung kippte, und dann stellte sich der Industrielle Herbert Quandt an die Spitze einer Bewegung, die BMW gern BMW sein lassen woll­te. Ein Jahr später, im November 1960, wurde der Rettungsplan un­terschrieben, noch ein knappes Jahr später, am 21. Septem­ber 1961, zeigte BMW auf der Frankfurter IAA die "Neue Klasse". Wie BMW heute stolz sagt, betrug die Wartezeit am Stand eine halbe Stunde. Erst dann konnte man direkten Kontakt mit dem Neuen knüpfen.
BMW 1500
Happy End: Dürfen Autos Schmutzfänger tragen? Damals war das modern – so wie riesige Glasflächen.
Bild: Bayerische Motoren Werke AG
Wir müssen heute keine Warte­zeit erdulden, können im 1500er von 1963 alles sehen – und von allen gesehen werden. 23.000 Qua­dratzentimeter Glasfläche, das er­gibt eine Rundsicht von 85 Prozent zwischen den schmalen, filigranen Dachstützen. Verantwortlich für das Design der Neuen Klasse war Wilhelm Hofmeister, 1955 bis 1970 Designchef bei BMW, der sich Ideen und Rat holte bei Auto-Stilist Giovanni Michelotti aus Italien. Herausgekommen ist eine Sport­limousine inklusive "Hofmeister-Knick", der Ecke am Übergang der C-Säule zur Gürtellinie, bis heute ein selten gebrochenes BMW-Gesetz.

Gelungene Premiere

Wegweisend, die Neue Klasse. Und begehrt. Als BMW bei der Vor­stellung ein 75-PS-Auto für 8500 Mark anpries, waren Journalisten und künftige Kunden aus dem Häuschen. Um die 25.000 Bestel­lungen sollen eingegangen sein, obwohl der 1500er noch gar nicht beim Händler stand. Bis es so weit sein würde, war Geduld gefragt. Ein Jahr. Teurer wurde er auch.
Im Juni 1962 durften die ersten Autotester fahren, Vertriebsvor­stand Paul G. Hahnemann hatte extra ein Redemanuskript vorbe­reitet, um die fast 1000 Mark Preissteigerung zu verteidigen. Die neue Mittelklasse ging an den Start mit 80 statt 75 PS und kostete statt 8500 bei seiner Markteinführung 9485 Mark. Hahnemann (genannt "Nischen-Paule", weil er die Ni­sche in der Nische fand): "Ich muss sagen, unsere Herren Techniker haben sich mit der Schöpfung die­ses Automobils Dank und Aner­kennung verdient, sie haben etwas geboren und gefertigt, das sogar den Ansprüchen der Verkäufer genügt." Wirklich?
BMW 1500
Achten Sie bitte auf den Übergang zur C-Säule: aus Stabilitätsgründen mit Knick ausgeführt. Der Hofmeister-Knick ist benannt nach dem Designchef, zurück geht er aber auf Giugiaro, der ihn beim 3200 CS einführte.
Bild: Bayerische Motoren Werke AG
Wirklich! Da ist erstens der Ein­stieg. Durch vier große Türen geht es bequem auf bequeme Sitze. Da ist zweitens der Platz. Aus­reichend Raum für vier Große und einen Kleinen, in den Kofferraum passen beachtliche 600 Liter. Da ist drittens die Verarbeitung. Du spürst die Liebe zum Detail, du streichst über Schlingen des Bouclé-Teppichs. Da ist viertens das Fahrerlebnis: komfortabel mit einem Hauch sportlichen Federns.

Dauerbrenner im Motorraum

Und da ist 1,5tens die Maschine. Der BMW 1500 wird befeuert vom M10-Motor, dessen Hubraum sie zwischen 1,5 und 2,0 Litern aus­geführt und den sie in seiner Grundkonstruktion bis 1988 ge­baut haben. 26 Jahre lang! Dieser Motor hat durchgehalten von der Neuen Klasse bis zum 3er namens E30 in den 80ern und war Aus­gangsmaterial für Formel-1-Ren­ner. Im Fall unseres blauen 1500ers müssen wir festhalten: Das ist ei­ner für die ganz Faulen unter den Schaltfaulen. Du fährst so mit 30 oder 40 Sachen, legst exakt und ohne Hakelei den vierten Gang ein, und dann gibst du einfach weiter Gas, ohne die Box zu sortieren, im­mer weiterfahren bis 150 km/h.
BMW 1500
Der Maschinenraum mit dem 1,5er-Vierzylinder-Vergaser, wassergekühlt. Den M10-Motor haben sie von 1961 bis 1988 gebaut, mit 1,5 bis zu 2,0 Litern.
Bild: Bayerische Motoren Werke AG
Okay, das ist jetzt nicht so sport­lich, wie die Hülle aussieht. Aus diesem Grund haben sie den 1,5er nach 23.807 Exemplaren Ende 1964 aussortiert, neuer Einstieg war der 1,6er mit 83 PS und mehr Drehmoment, Quell der Freude der 1800 mit bis zu 130 PS und technischer Höhepunkt ab 1969 der 2000 tii mit Einspritzung. Ins­gesamt hat BMW von den viertü­rigen Limousinen der Neuen Klas­se in zehn Jahren Produktionszeit 330.173 Exemplare verkauft. 1972 kam der Nachfolger, der erste 5er vom Typ E12.
Eine neue Klasse ist wie ein neues Leben. Für BMW war dieses 4,44-Meter-Auto 1962 die Über­lebens-Versicherung. Für uns ist es der Beweis, dass du Blinkerhe­bel rechts nach 30 Kilometern ka­piert hast und nicht mehr dauernd links das Fernlicht anknipst.

Fazit

BMW und Retter Herbert Quandt haben mit der „Neuen Klasse“ dreierlei gezeigt: Es braucht Mut, unternehmeri­sches Risiko und neue Ideen, um in eine gute Zukunft zu fah­ren. Ohne „Neue Klasse“ gäbe es BMW kaum noch, und ohne 1500er könnten wir uns weniger gut vorstellen, welche Auf­bruchstimmung die frühen 60er parat hatten: mehr Leistung, mehr Luxus, mehr Freude. Mehr von allem!