BMW 1500 von 1968 im Test
Eine neue Klasse ist wie ein neues Leben: Unterwegs im BMW 1500
Zu Beginn der 1960er-Jahre sah es für BMW mau aus: keine Autos außer Isetta, 700 und "Barockengel" – und kein Geld mehr. Dann kam die "Neue Klasse".
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Kreizkruzifix, Himmeherrgott, Sakrament! Wo ist der Blinker? An dieser Stelle bitten wir natürlich tausendmal um Entschuldigung für die Worte, aber vor uns lichthupen sie schon, und es kann doch keiner ahnen, dass sie den Betätigungshebel für die Fahrtrichtungsanzeiger rechts am Lenkrad montiert haben und nicht links. Ist halt Neuland, so 'ne Neue Klasse.

Luxus der frühen 60er sah so aus: Cockpit in Wagenfarbe, robuster Teppich, Sessel für komfortable Reisen.
Bild: Bayerische Motoren Werke AG
Unterwegs in einem BMW 1500 von 1963, laut Farbkarte heißt der Lack "Guayana", was eigentlich ein kleiner Staat im Norden Südamerikas ist. Aber da sind wir heute gar nicht, wir fahren mit 80 PS aus dem 1,5-Liter-Vierzylinder in die Alpen, wir sind dynamischer und agiler unterwegs als gedacht. Also ziehen wir den imaginären Hut vor so viel Ingenieurskunst: Die Freude am Fahren begann irgendwann Anfang der 60er-Jahre. Und da wir schon mal hier sind auf unserer Zeitreise, müssen wir konstatieren: Beinahe hätte es die Freude am Fahren nie gegeben!
Neustart mit der Neuen Klasse
Ende der 50er-Jahre war BMW mausetot. Sie hatten (sollen wir "Auto" schreiben?) die 2,29 Meter kurze Isetta mit 12 oder 13 PS und erst seit Kurzem den Kleinwagen BMW 700 mit 30 und 40 PS sowie ganz weit oben den "Barockengel" mit V8, dazu ein paar Motorräder und Industrie-Aggregate. Und sonst? Nix!
Dann kam die Hauptversammlung am 30. November 1959, auf der eigentlich die Übernahme durch Daimler-Benz beschlossen werden sollte. Eigentlich. Die Stimmung kippte, und dann stellte sich der Industrielle Herbert Quandt an die Spitze einer Bewegung, die BMW gern BMW sein lassen wollte. Ein Jahr später, im November 1960, wurde der Rettungsplan unterschrieben, noch ein knappes Jahr später, am 21. September 1961, zeigte BMW auf der Frankfurter IAA die "Neue Klasse". Wie BMW heute stolz sagt, betrug die Wartezeit am Stand eine halbe Stunde. Erst dann konnte man direkten Kontakt mit dem Neuen knüpfen.

Happy End: Dürfen Autos Schmutzfänger tragen? Damals war das modern – so wie riesige Glasflächen.
Bild: Bayerische Motoren Werke AG
Wir müssen heute keine Wartezeit erdulden, können im 1500er von 1963 alles sehen – und von allen gesehen werden. 23.000 Quadratzentimeter Glasfläche, das ergibt eine Rundsicht von 85 Prozent zwischen den schmalen, filigranen Dachstützen. Verantwortlich für das Design der Neuen Klasse war Wilhelm Hofmeister, 1955 bis 1970 Designchef bei BMW, der sich Ideen und Rat holte bei Auto-Stilist Giovanni Michelotti aus Italien. Herausgekommen ist eine Sportlimousine inklusive "Hofmeister-Knick", der Ecke am Übergang der C-Säule zur Gürtellinie, bis heute ein selten gebrochenes BMW-Gesetz.
Gelungene Premiere
Wegweisend, die Neue Klasse. Und begehrt. Als BMW bei der Vorstellung ein 75-PS-Auto für 8500 Mark anpries, waren Journalisten und künftige Kunden aus dem Häuschen. Um die 25.000 Bestellungen sollen eingegangen sein, obwohl der 1500er noch gar nicht beim Händler stand. Bis es so weit sein würde, war Geduld gefragt. Ein Jahr. Teurer wurde er auch.
Im Juni 1962 durften die ersten Autotester fahren, Vertriebsvorstand Paul G. Hahnemann hatte extra ein Redemanuskript vorbereitet, um die fast 1000 Mark Preissteigerung zu verteidigen. Die neue Mittelklasse ging an den Start mit 80 statt 75 PS und kostete statt 8500 bei seiner Markteinführung 9485 Mark. Hahnemann (genannt "Nischen-Paule", weil er die Nische in der Nische fand): "Ich muss sagen, unsere Herren Techniker haben sich mit der Schöpfung dieses Automobils Dank und Anerkennung verdient, sie haben etwas geboren und gefertigt, das sogar den Ansprüchen der Verkäufer genügt." Wirklich?

Achten Sie bitte auf den Übergang zur C-Säule: aus Stabilitätsgründen mit Knick ausgeführt. Der Hofmeister-Knick ist benannt nach dem Designchef, zurück geht er aber auf Giugiaro, der ihn beim 3200 CS einführte.
Bild: Bayerische Motoren Werke AG
Wirklich! Da ist erstens der Einstieg. Durch vier große Türen geht es bequem auf bequeme Sitze. Da ist zweitens der Platz. Ausreichend Raum für vier Große und einen Kleinen, in den Kofferraum passen beachtliche 600 Liter. Da ist drittens die Verarbeitung. Du spürst die Liebe zum Detail, du streichst über Schlingen des Bouclé-Teppichs. Da ist viertens das Fahrerlebnis: komfortabel mit einem Hauch sportlichen Federns.
Dauerbrenner im Motorraum
Und da ist 1,5tens die Maschine. Der BMW 1500 wird befeuert vom M10-Motor, dessen Hubraum sie zwischen 1,5 und 2,0 Litern ausgeführt und den sie in seiner Grundkonstruktion bis 1988 gebaut haben. 26 Jahre lang! Dieser Motor hat durchgehalten von der Neuen Klasse bis zum 3er namens E30 in den 80ern und war Ausgangsmaterial für Formel-1-Renner. Im Fall unseres blauen 1500ers müssen wir festhalten: Das ist einer für die ganz Faulen unter den Schaltfaulen. Du fährst so mit 30 oder 40 Sachen, legst exakt und ohne Hakelei den vierten Gang ein, und dann gibst du einfach weiter Gas, ohne die Box zu sortieren, immer weiterfahren bis 150 km/h.

Der Maschinenraum mit dem 1,5er-Vierzylinder-Vergaser, wassergekühlt. Den M10-Motor haben sie von 1961 bis 1988 gebaut, mit 1,5 bis zu 2,0 Litern.
Bild: Bayerische Motoren Werke AG
Okay, das ist jetzt nicht so sportlich, wie die Hülle aussieht. Aus diesem Grund haben sie den 1,5er nach 23.807 Exemplaren Ende 1964 aussortiert, neuer Einstieg war der 1,6er mit 83 PS und mehr Drehmoment, Quell der Freude der 1800 mit bis zu 130 PS und technischer Höhepunkt ab 1969 der 2000 tii mit Einspritzung. Insgesamt hat BMW von den viertürigen Limousinen der Neuen Klasse in zehn Jahren Produktionszeit 330.173 Exemplare verkauft. 1972 kam der Nachfolger, der erste 5er vom Typ E12.
Eine neue Klasse ist wie ein neues Leben. Für BMW war dieses 4,44-Meter-Auto 1962 die Überlebens-Versicherung. Für uns ist es der Beweis, dass du Blinkerhebel rechts nach 30 Kilometern kapiert hast und nicht mehr dauernd links das Fernlicht anknipst.
Fazit
BMW und Retter Herbert Quandt haben mit der „Neuen Klasse“ dreierlei gezeigt: Es braucht Mut, unternehmerisches Risiko und neue Ideen, um in eine gute Zukunft zu fahren. Ohne „Neue Klasse“ gäbe es BMW kaum noch, und ohne 1500er könnten wir uns weniger gut vorstellen, welche Aufbruchstimmung die frühen 60er parat hatten: mehr Leistung, mehr Luxus, mehr Freude. Mehr von allem!
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