Deutsche essen jeden Tag Sauerkraut, trinken viel Bier, sind fleißig, und ihr Präsident heißt, äh, Frederick Mörz.
Sehen Sie: Klischees sind ungerecht, aber es steckt immer ein Körnchen Wahrheit darin. So ist es auch mit US-Cars: Sie haben irrsinnig große V8-Motoren, aber keine Leistung. Sie saufen, und ihre Fahrwerke taugen nix. Ein richtiges US-Car muss dekoriert sein, mit Sidepipes, Südstaatenflagge oder Airbrush (am besten Indianer, Wolf und Adler).
Was die Fahrer von US-Cars angeht, ist "der Deutsche" schon zu größerer Differenzierung bereit: Da gibt es den durchtätowierten Hotrodder, die Fraktion mit Schmalztolle und Kette an der umgekrempelten Jeans, den Muscle-Car-Fahrer mit Armen aus Stahl und den bildungsfernen Schmerbauchträger mit Baseballmütze oder Cowboyhut.
Buick Riviera
Die Front mag Effekte haschen, der Rest – von der dünnen Stoßstange über den Hüftschwung bis zu den Heckflossen – drängt sich nicht auf. Das ist Coolness!
Bild: Alexandra Lier

Manche US-Car-Stereotype scheitern am 65er Buick Riviera

Tja, und jetzt steht hier der Buick Riviera, Modelljahr 1965. Wo bleiben wir nun mit all unseren schönen Klischees?
Vielleicht klappt es ja. Durstiger V8? Hat er. Schon der Basismotor, ein "Nailhead"-V8, so benannt nach den senkrecht stehenden Ventilen, hat 6,6 Liter Hubraum (bei 325 SAE-PS) und lehnt jedes Verbrauchsziel unter 20 Litern als unrealistisch ab.
Dreistufenautomatik, gefühllose Lenkung, feiste Abmessungen, fast zwei Tonnen Leergewicht, Starrachse hinten, Trommelbremsen – na bitte, dem Klischee vom rückständigen Schaukelschiff wird er ja wohl gerecht.
Moooment: Die Dreistufenbox wurde 1964 von zeitgenössischen Testern, auch aus Europa, als vielleicht bestes Automatikgetriebe der Welt gerühmt, und tatsächlich schaltet sie höchst sanft und schnell und frisst trotzdem nicht das ganze Drehmoment von 603 Newtonmetern. Okay, die 603 wurden nach SAE-Standard gemessen, also ohne Nebenaggregate und Luftfilter, aber es ist dennoch verdammt viel. So viel, dass selbst der bockschwere Riviera bei Bedarf den meisten modernen Autos auf- und davonsprintet.
Und, wie gesagt, dies ist ja sogar der "kleine" Motor. Wobei der große mit sieben Litern auch nur fünf Prozent mehr Drehmoment entwickelt, egal ob als "Wildcat 465" mit 340 SAE-PS (die ohne Nebenaggregate gemessen werden, die Werte in DIN-PS sind niedriger) oder als "Super Wildcat" im Riviera Gran Sport mit 360 SAE-PS. (Tage des Donners: Muscle Cars)
Buick Riviera
Elegant, beinahe zurückhaltend, wertvolle Materialien, handwerklich solide verarbeitet – wirklich, solche Autos hat Amerika früher mal gebaut.
Bild: Alexandra Lier
Ja, die Lenkung ist gefühllos, aber überraschend exakt, die Starrachse außer auf üblen Schlaglöchern sehr spurtreu. Seitenneigung tritt dank Stabilisator kaum auf, die riesigen Trommelbremsen verzögern bissig.
Hochmoderne Technik gab's 1965 im Riviera auch: Tempomat, einen einstellbaren Tempo-Warnton, sogar eine Abblendautomatik fürs Fernlicht.
Also: Die Technik des Riviera erfüllt das US-Car-Klischee nur zum Teil, aber so ist das eben mit Klischees – wenn's nur zum Teil stimmt, ist ja was dran.

Was macht die Coolness des 65er Buick Riviera aus?

Aber hier geht es ja nicht um fortschrittliche Technik, sondern um Coolness. Und die Coolness des Riviera ist keine, mit der die üblichen US-Car-Zielgruppen sich schmücken – das passt nicht ins Klischee.
Eine neue Schublade muss her. Ganz stereotyp: Ein Mann, der den 1965er Riviera liebt, der trägt auch gern gute Anzüge. Und hat einen Smoking im Schrank hängen, egal ob er ihn Smoking oder Tuxedo nennt. Der mag 60er-Jahre-Fernsehserien, "Mad Men" aus den USA und auch "Mit Schirm, Charme und Melone" aus Großbritannien. Der kennt die Namen von Möbeldesignern, Charles Eames aus Missouri ebenso wie Verner Panton aus Dänemark. Der gießt sich seinen Schlummertrunk aus einer schweren Bleikristallkaraffe ein – sei es Tennessee Whiskey oder Scotch Whisky. (Elvis lebt: Chevrolet Bel Air Nomad)
Buick Riviera
Ein Cockpit, in dem sich alles schwer und massiv anfühlt, von den Metallplatten auf der Türlehne über die festen Sitze bis zum kühlen Wählhebel.
Bild: Alexandra Lier
Kurz: In seiner Welt spielen Amerika und Europa gleichberechtigte Rollen. Genau so hat Buick-Chef Ed Rollert es gewollt, als er 1962 den Riviera vorstellte.

Historie: So kam es zum Buick Riviera

Ende der 1950er-Jahre ist Buick nahezu tot: kein Image, miese Verkaufszahlen. Da springt Ed Rollert als neuer Chef ein. Seine Mission: Buicks Ruf als Qualitätsmarke wiederherzustellen.
Etwa gleichzeitig zeichnet GM-Designer Ned Nickels unterm Projektnamen XP-715 den Entwurf für einen Cadillac LaSalle II; Rollert plädiert leidenschaftlich dafür, den Wagen in Serie zu bauen, als fahraktiver Buick-Konkurrent zum schaukeligen Ford Thunderbird.
Designer Bill Mitchell erzählt, wie er eines Abends in London während der Earls Court Motor Show aus dem Claridge's Hotel geht – da sieht er im kalten Nebel einen Rolls-Royce mit einer Spezialkarosserie. Sein erster Gedanke: Wenn ich so eine Form skizziere, aber das Auto viel flacher baue ... das wäre cool.
Buick Riviera
Der Buick Riviera war als Konkurrent für den viersitzigen Ford Thunderbird gedacht, aber auch für europäische Luxuscoupés.
Bild: Alexandra Lier
Nur wie soll das neue Coupé heißen? Centurion? Drake? Nein: Riviera – wie frühere Buick ohne B-Säule. Der Name weckt ganz andere Stereotype: Riviera, der mondäne Teil der französischen und italienischen Mittelmeerküste. Der Wagen ist als Konkurrent für den viersitzigen Ford Thunderbird gedacht, aber auch für europäische Luxuscoupés.
1962 erscheint die Urfassung (Modelljahr 1963), noch mit sichtbaren Scheinwerfern, Zweistufenautomatik, 6,6 oder 7,0 Liter Hubraum.
Wer kommt darauf, dem Riviera die Scheinwerfer zu nehmen? Vielleicht George Barris, der Gottvater des Filmautos? Er strickt aus einem 1963er Riviera einen Targa ohne Lichter, den "Villa Riviera". Später erscheint das Auto im Film "Strandparty bei Mondschein".
Buick Riviera
Nur das Modelljahr 1965 trägt diese Front mit den Muscheln ("clamshells"), die sich elektrisch öffnen. Lichthupe gibt's nicht.
Bild: Alexandra Lier
Jedenfalls zeichnet bei GM der Designer George Gallion die "Clamshell"-Scheinwerferabdeckungen, die legendär werden. Danach geht Gallion nach Germany und wird einer der wichtigsten Designer bei Opel.
1964 bringt Buick das Facelift des Riviera zum 1965er Modelljahr: verdeckte Leuchten von Gallion, Dreistufenautomatik. Neue Topversion: Gran Sport mit 360 SAE-PS und Sperrdifferenzial, auf Wunsch strafferem Fahrwerk und direkterer Lenkung.
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So fährt sich der Riviera

Der V8 startet wie fernes Donnergrollen. Kalt klackt der Wählhebel neben den eleganten Buchstaben entlang. Die Qualität des Innenraums erreicht fast die eines Bentley S3, die Überlegenheit des Fahrens übertrifft ihn.
Der Anspruch, mit Europas Luxusschlitten zu konkurrieren, war nicht zu hoch gegriffen, er war greifbar: allein die schweren Stahlkugeln, durch die die klimatisierte Luft in den Innenraum strömt! Jede Kurbel, jeder Schalter, jeder Regler: kühles, massives Metall.

Vorteile und Nachteile des 1965 Buick Riviera

Vorteile: Stil. Komfort. Kraft. Stil. Sound. Habe ich Stil schon erwähnt?
Exklusiv war der Riviera bereits als Neuwagen, weil er vergleichsweise teuer war. Heute ist er es wieder, weil er recht selten ist. Das gilt ja oft als Nachteil, zumal, wenn es um Teile geht, aber die Lage ist hier überwiegend entspannt (siehe unten).
Minuspunkte? Klar, so ein großer Nailhead-V8 ist ein echter "gas guzzler" – unter 20 Litern geht nicht viel, 30 sind durchaus möglich. Der Riviera fordert also einen Fahrer, der sich seinen Spaß nicht vom Gedanken an den Spritverbrauch vermiesen lässt.
Kritik im Detail: Das (häufige) Tanken ist unbequem, weil dazu das hintere Nummernschild weggeklappt werden muss und nicht einrastet. Die Sicht nach hinten ist schlecht. Und die Scheinwerfer, die schon schön verpackt sind, strahlen dann doch nur so funzelig, dass mancher Riviera-Fahrer schon nachgeschaut haben soll, ob die Blenden wirklich aufgegangen sind.
Ach, und noch ein Vorteil: Der 1965er Riviera hat Stil.
Buick Riviera Kofferraum
Verschwendung als Prinzip: langer und breiter, aber verbauter Kofferraum.
Bild: Alexandra Lier

Ersatzteilsituation beim 1965er Buick Riviera

Ein paar Teile sind schwer zu bekommen. Der Antrieb für die Muscheln ("clamshells") vor den Scheinwerfern zum Beispiel, der hin und wieder kaputtgeht, oder das Luftfiltergehäuse für den Gran Sport. Solche Raritäten gehen auch ins Geld. Die meisten Technikteile stammen aus dem GM-Regal und werden zu fairen Preisen angeboten – bei www.oldbuickparts.com (Cars, Inc.), opgi.com, taperformance.com und classicbuicks.com. Wer Teile braucht, lernt schnell die englischen Bezeichnungen dafür.

Marktlage

Der Buick Riviera 1965 zählt heute zu den begehrtesten Oldtimern unter US-Car-Enthusiasten ... die sich auskennen. Die Amerikaner haben längst entdeckt, wie cool die Riviera der ersten drei Modelljahre sind – klar, dass es auch bei uns keinen Riv geschenkt gibt. Manch ein Händler ruft Zustand-2-Preise für Zustand-3-Autos auf, und weil frühe Riviera bei uns knapp sind, zahlt manch ein Kunde sie auch.
Wirklich gute Exemplare werden in Mitteleuropa nicht oft angeboten. Manche sehen schneidig aus, aber wenn wir dann lesen, dass sie in den USA restauriert wurden, dann – sorry – müssen wir an die Klischees über die Qualität von US-Restaurierungen denken.

Kurz-Kaufberatung zum Buick Riviera

Untersuchen Sie A-Säulen, Fensterunterkanten und Böden (auch unter den Rücksitzen) auf Rost. Nicht alle Gran Sport sind echt, nur die mit "LX" in der Motorblocknummer. Werden Sie sich klar, ob Sie ein Original wollen. Viele Rivs kauern auf Zubehör-Rädern oder tragen falsche Grills; das lässt sich leichter zurückrüsten als Airride-Fahrwerke und gechoppte Dächer.
Plakette "Fisher" auf der Einstiegsleiste
Der Karosseriebetrieb Fisher Body, treuer Partner von GM, hat den Riviera eingekleidet.
Bild: Alexandra Lier

Technische Daten: Buick Riviera 401 Modelljahr 1965

Tacho des Buick Riviera
140 Meilen pro Stunde sind 225 km/h – gar nicht mal so sehr übertrieben.
Bild: Alexandra Lier
  • Motor V8 "Wildcat 445", vorn längs, zentrale Nockenwelle, zwei Ventile pro Zylinder, über hydraulische Stößel betätigt, Carter-Vierfachvergaser, Bohrung x Hub 106,4 x 92,5 mm
  • Hubraum 6571 cm³, Verdichtung 10,25 : 1
  • Leistung 325 SAE-PS bei 4400/min
  • max. Drehmoment 603 Nm bei 2800/min
  • Antrieb Dreistufenautomatik, Hinterradantrieb
  • Fahrwerk vorn Einzelradaufhängung, Querlenker, Stabilisator, Schraubenfedern, hinten Starrachse, Längslenker, Schraubenfedern
  • Reifen 7.10 x 15
  • Trommelbremsen vorn und hinten
  • Maße Radstand 2972 mm
  • L/B/H 5283/1895/1351 mm
  • Leergewicht ca. 1900 kg
  • Tankinhalt 76 l
  • Fahrleistungen Beschleunigung 0–60 mph (97 km/h) in 8,1 s (Testwert von "Motor Trend"), Höchstgeschwindigkeit ca. 200 km/h
  • Verbrauch 20–25 Liter Super pro 100 km
  • Neupreis 4318 US-Dollar (1964/65).
Ist der Riviera ein US-Car, weil er aus Flint (Michigan) kommt? Egal. Er ist ein Wagen von Weltniveau für den internationalen Jetset. Ein Klischee? Ja. Und was für ein schönes.