Early 911S: Wo alte Elfer zu neuem Leben erwachen
"Der 911 ist der perfekte Klassiker"

Early 911S restauriert luftgekühlte Porsche. In den letzten 19 Jahren hat das Unternehmen einen riesigen Bestand an Fahrzeugen und Ersatzteilen aufgebaut. Besuch am Firmensitz in Wuppertal.
Bild: Marcus Gloger / AUTO BILD
Wuppertal – gibt es da noch mehr außer der weltberühmten Schwebebahn? Und ob! Porsche-Fans denken jetzt spontan an Early 911S. Wie der Name vermuten lässt, hat sich das Wuppertaler Unternehmen auf die Restaurierung alter Porsche spezialisiert.
Inhaber Manfred Hering sieht in einem luftgekühlten Porsche 911 die perfekte Kombination aus Design, Understatement und Sportlichkeit. Vor allem aber schätzt der gelernte Wirtschaftsingenieur den Zuffenhäuser Sportwagen als entscheidenden Erfolgsfaktor für sein Unternehmen.
Man ahnt schon, dass Manfred Hering kein totaler Autofreak oder begnadeter Schrauber ist. Eher der kühl kalkulierende Geschäftsmann. Mit klassischen Porsche 911 kennt er sich trotzdem aus wie kaum ein anderer. Das liegt an den vielen Exemplaren, die er im Laufe der Jahre gekauft hat. Darunter viele unberührte Originalfahrzeuge.
Über 2300 Porsche-Projekte
"Wir haben ein paar Autos im Auslieferungszustand. Da ist noch niemals eine Schraube ab gewesen. Wenn man so ein Auto hat, lernt man natürlich am besten." Jedes Fahrzeug hat eine laufende Projektnummer bekommen – inzwischen sind es über 2300.

Masse mit Klasse: Hunderte Motorblöcke, Rohkarossen und teilzerlegte 911er warten auf ein zweites Leben.
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Die meisten hat Early 911S restauriert und wieder verkauft. Einige werden direkt weiterveräußert, weil eine aufwendige Überarbeitung nicht lohnt. Gut 700 alte Porsche warten noch auf die Fertigstellung – nur das Werk in Zuffenhausen hat mehr.
Herings Einstieg in die Porsche-Welt
Angefangen hat alles mit einem Porsche 911, den Manfred Hering – damals noch Chef einer Werbeagentur – für eine Werbekampagne und Promotionaktion gekauft hat. Kurz darauf übernimmt er den Porsche und lässt ihn restaurieren. "Das war ein Desaster", erinnert er sich. "Da dachte ich mir: Das kann doch nicht so schwer sein."
Aber schon das Organisieren der Teile gestaltet sich vor gut 20 Jahren relativ schwierig. Als ihm dann der Werkstattleiter des Wuppertaler Porsche Zentrums offenbart, dass er keine Lust mehr auf moderne Autos habe, erkennt Manfred Hering seine Chance. "Ohne den hätte ich das nicht gemacht", gesteht er. 2006 baut er gemeinsam mit dem Porsche-Profi ein Netzwerk aus Spezialisten auf: "Der beste Motorenbauer, der beste Karosseriebauer, der beste Lackierer, der beste Interieurmensch." Zwei bis drei Porsche will er so im Jahr restaurieren. "Die Autos waren eigentlich für mich, aber weil ich einen relativ guten Geschmack habe, war mir klar, dass man die auch ziemlich gut verkaufen kann."

Kabelbaum: Hier ist besondere Sorgfalt gefragt. Neben der Länge muss vor allem die Farbe der bis zu 80 einzelnen Kabel stimmen.
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Das Netzwerken stellt sich schnell als nachteilig heraus, weil Manfred Hering die Autos als Letzter bekommt und dann zu viel nacharbeiten muss. Die Philosophie, alte Porsche 911S perfekt zu restaurieren, behält er aber bei. Schon nach fünf Jahren zieht das Unternehmen um in eine ehemalige Polsterfabrik in Wuppertal. 16 Angestellte hat Manfred Hering damals. Heute sind es knapp 100 inklusive Auszubildende in den Abteilungen Karosseriebau, Motor und Getriebe, Elektrik und Interieur. Sie erledigen fast alle Arbeiten unter einem Dach – nur die Lackiererei ist ausgelagert – und versetzen die Autos zurück in den Auslieferungszustand. Dabei erhalten sie so viel originale Substanz wie möglich.
Luftgekühlt ist Gesetz
"Meine Intention war ursprünglich, nur die frühen Autos zu machen, also Baujahr 1964 bis 1973. Wenn ich das gemacht hätte, wäre ich nicht da, wo ich heute bin", erklärt Hering. "Wir machen mittlerweile alles, was luftgekühlt ist." Also auch Porsche 356 und Porsche Jagdwagen sowie G-Modell und die Baureihen 964 und 993.

Heckdeckel: In den Regalen lagern Dutzende in den verschiedensten Farben für alle Modelle.
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Originalität ist Manfred Hering extrem wichtig. Zugeständnisse macht er nur beim Komfort. "Wir haben einen speziellen Federkern entwickelt, der ein bisschen wie ein Sportsitz ist und etwas mehr Halt gibt", erklärt er. Auch eine elektrische Klimaanlage, ein Navigationsgerät oder eine elektronische Zündung bauen seine Mechaniker auf Kundenwunsch ein. Ein paar Extra-PS gibt es dagegen nicht für Geld und gute Worte. "Wenn sie einen alten 2.4S haben mit 190 PS – das reicht doch. Tuning machen wir nicht."
Teilelager statt Teilehandel
Wichtiges Element für perfekte Restaurierungen sind originale Ersatzteile. Davon hat Early 911S so viele, dass sie auf drei der vier Standorte in Wuppertal verteilt sind. Schon die Halle am Stammsitz der Firma platzt aus allen Nähten. Hunderte Motorblöcke, dutzendweise Karosserien, Türen, Felgen, Spiegel – einfach alles ist hier bis hoch unters Dach eingelagert. Allerdings nur für den Eigenbedarf. Ein Teileverkauf würde zu viel zusätzliches Personal erfordern. Außerdem hat Early 911S genug eigene Projekte, die auf ein Makeover warten. 100 bis 140 Autos sind immer gleichzeitig in Arbeit.

Polizei-Porsche wie dieser 356 gehören zum bevorzugten Beuteschema von Manfred Hering.
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Fremdfahrzeuge restaurieren die Profis nur, wenn sie etwas Besonderes sind. Dazu zählt Manfred Hering seltene Fahrzeuge wie die frühen 911 Turbo, aber auch ehemalige Pressefahrzeuge, Polizeiwagen und Autos mit Sonderfarben. Ansonsten wäre die Restaurierung zu teuer: "Der Aufwand, den wir betreiben, lohnt sich dann nicht. Ich sage in solchen Fällen: lieber das Projekt verkaufen oder es woanders restaurieren lassen. Wenn Sie einen 912er haben oder einen 911T oder einen 964er Tiptronic, dann lohnt sich keinerlei Investment. Teilweise kaufen wir solche Autos in Paketen, schlachten sie aus und verkaufen das weiter, was wir nicht mehr brauchen."
Restaurierung mit Garantie und Geduld
Auf dem Weg zum Zustand Note 1 zerlegen die Profis von Early 911S jeden Wagen komplett. Motoren und Getriebe werden überholt, der Kabelbaum erneuert, das Interieur aufgefrischt oder neu angefertigt, die Karosserie bei Bedarf entrostet und neu lackiert. "Wenn der Lack komplett original ist oder das Interieur, lassen wir das so", erklärt Manfred Hering. Dann wird vielleicht höchstens ein Sitz mit Material aus einem anderen alten Sitz restauriert.
Zu den hohen Ansprüchen von Early 911S gehört auch, dass jeder restaurierte Wagen 1000 Kilometer lang eingefahren und mit zwei Jahren Garantie ausgeliefert wird. Dann stecken in der Regel zwischen 1500 und 3000 Arbeitsstunden in dem Projekt. Entsprechend sind die Preise für einen perfekt restaurierten Porsche 911 deutlich sechsstellig.

Jeder Motor wird komplett zerlegt. Die mit blauem Tape markierte Zwischenwelle hat Untermaß an den Lagerstellen und wird deshalb getauscht.
Bild: Marcus Gloger / AUTO BILD
Obwohl noch mehrere Hundert Projekte auf ihre Restaurierung warten, sucht Manfred Hering ständig nach neuen Autos. "Generell kaufe ich nur in Europa Autos, meistens in Deutschland." Darunter sind viele Elfer, die woanders schlecht restauriert wurden, häufig auch teilzerlegte Fahrzeuge, bei denen sich die Besitzer verkalkuliert haben.
Privaten Käufern rät Manfred Hering, zum Besichtigungstermin unbedingt einen Gutachter mitzunehmen, der die Technik beurteilen kann. Außerdem empfiehlt er ein Budget mit ausreichend Puffer: "Der Kaufpreis ist ja das eine. Je nach Fahrzeugtyp kommt da aber immer schnell noch einiges on top."
"Es ist immer was los, sieben Tage die Woche"
Die Kunden von Early 911S kommen zu etwa 70 Prozent aus dem Ausland. Trotz der hohen Preise gibt es ein reges Interesse. Zum Glück verteilen sich die telefonischen Anfragen wegen der Zeitverschiebung über den ganzen Tag: "Wir haben morgens Asien, tagsüber Europa und nachmittags USA und Kanada. Es ist immer was los, und das sieben Tage die Woche."
Eines aber haben alle Käufer der bei Early 911S restaurierten Autos gemeinsam: Sie müssen viel Geld haben und Manfred Hering einen Besuch abstatten. In Wuppertal.
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