"Werner – Oder was?" – "Werner – Alles klar?" – "Werner – Wer sonst?" Kein anständiges Jungen-Zimmer der 80er-Jahre war komplett ohne die Comicbücher aus dem Semmel Verlach. Werner Brösel, langnasiger Bölkstofftrinker aus Schleswig-Holstein, gab der heranwachsenden Jugend wertvolle Tipps an die Hand für den Umgang mit Motorrädern, TÜV-Prüfern, Polizisten und Vorgesetzten. Von 1990 an erfüllte sein Schöpfer Rötger Feldmann seinen Bildungsauftrag auch in Kino und Fernsehen, mit Filmen wie "Werner – Beinhart!", "Werner – Das muß kesseln!!!", "Werner – Volles Rooäää!!!" und dergleichen mehr.
Rötger Feldmann mit "Werner"-Comicbüchern
Na also: Rötger Feldmann hat einen ganzen Tisch voll Comic-Bände herausgebracht.
Bild: Alex Heimken/picture alliance/dpa
Die Vierradfreunde unter den Werneristen entsinnen sich vor allem an das Rennen im Buch "Eiskalt": Werner forderte Holgi heraus, Holgis 1967er Porsche 911 T trat gegen Werners Red Porsche Killer an, ein Moped mit vier Horex-Motoren. Wie war das genau, was passierte in der Wirklichkeit vorm ersten Strich aus Feldmanns Feder?
Um das herauszufinden, sind wir vor geraumer Zeit nach Kiel gefahren, um Holgi zu treffen – Holger Henze (81), bis 2024 Betreiber von Brösels Stammkneipe "galerie club no. 68" und Fahrer eines roten Porsche 911 T, gebaut 1967, mit erst mal nur 110 PS.
Holgi und sein Porsche vor der Kneipe.
Holger "Holgi" Henze vorm Club 68 in Kiel, wo alles begann.
Bild: Sven Krieger / AUTO BILD
"RÖHARR, RÖHARR" – so rollt Holgis Porsche vorm Club vor. Wir gehen rein in die Kneipe. "Als wir uns kennenlernten, war er noch Rötger Feldmann", erzählt Holgi. Feldmann wohnte in der Nachbarschaft, schraubte hinten im Hof an seiner alten Horex oder saß mit Bruder Andi vorn in Holgis Kneipe beim Flens. "Dann sagte einer: Du, der Rötger malt super Comics."
Holgi weiter: "Es war jeden Montag das gleiche Theater: Er hat gezeichnet, ich habe die Texte gemacht. Werner als Figur kam erst später dazu."
Eines Tages schließen Rötger und Holger einen "Vertrach": über ein Rennen von Holgis Porsche gegen Rötgers viermotoriges Motorrad, den Red Porsche Killer (oder "Killä", wie man es hier ausspricht). 1985 erscheint der Band "Werner – Eiskalt!". Mit der Vertrach-Szene und dem damals noch fiktiven Rennen.
Holgi am Steuer des Porsche zeigt den Stinkefinger.
Holgis traditioneller Gruß an Brösel beim Start eines Rennens.
Bild: Sven Krieger / AUTO BILD
"Erst kam 'Eiskalt!' raus, dann hat die Sache zunehmend eine Eigendynamik bekommen. Immer mehr Leute wollten wissen, wann das Rennen endlich stattfinden würde – und einige dachten sogar, sie hätten es schon verpasst", sagt Holgi. Klar wird: Aus der Schnapsidee soll nicht nur ein Comic werden, sondern ein reales Rennen. Als das entschieden ist, "haben wir uns aber mächtig ins Zeug gelegt".
Feldmann und sein Konstrukteurskumpel Ölfuß entwickeln und bauen die Rennmaschine mit vier Horex-Motoren, Holgi tunt den Porsche. "Wir haben einen heißgemachten, 215 PS starken 2,4-Liter-S-Motor eingebaut." Die Einspritzung fliegt raus, offene Vergaser ziehen ein, aus dem Heck piksen sechs Endrohre.
Porsche 911 mit sechs Aufpuffrohren.
Holgis Porsche bei der dritten Auflage des Rennens mit sechs Endrohren – "hat was gebracht und sah astrein aus", kommentiert er.
Bild: Carsten Rehder/picture alliance/dpa
1988 findet das reale Rennen auf dem Flugplatz Hartenholm statt: ein Großereignis, mehr als 200.000 Besucher (doppelt so viel wie erwartet), 450.000 Liter Bier, etwa 1500 Verletzte – das größte Besäufnis in der Geschichte Schleswig-Holsteins zwischen der Besiedlung Haithabus und den Wacken-Konzerten. Bei 1500 Kubikmeter Müll eine Veranstaltung der Verunstaltung.
Veranstaltungsplakat mit Comicfigur Werner Brösel
Veranstaltungsplakat 2018: "Der größte Knaller sein Ben Hur" ("gröhl, dröhn, hump, kessel").
Bild: Rötger Feldmann
Ach so, das Rennen: Rötger Feldmann verschaltet sich ("schigger, farz, öttel"), verliert gegen Holgi und wird vertrachsgemäß mit Katzenkot beworfen. Ein schöner Anlass, Revanche zu fordern.
Die findet 2004 auf dem Lausitzring statt, wieder verliert ein Feldmann: Rötgers Bruder Andi Feldmann fährt die Dolmette, ein Moped mit 24 Dolmar-Kettensägenmotoren, gegen Rennfahrerin Christina Surer in einem Abt-Audi AS400 mit 450 PS.
Extrem langes Motorrad mit je zwölf Motorsägenmotoren pro Seite
Die Dolmette von 2004: 24 Motorsägenmotoren sollten einen Audi versägen.
Bild: Holger Hollemann/picture-alliance/dpa/dpaweb
Also noch eine Revanche: 2018, 30 Jahre nach dem ersten Rennen und wieder im Hartenholm. Endlich (vor nur noch 50.000 Zuschauern) zieht Rötger Feldmann seinem alten Rennrivalen davon, obwohl der Porsche dieses Mal angeblich 600 PS hat. Und wer in den zehn Sekunden, die das Rennen nur dauert, gerade wegguckt oder die Bölkstoff-Flasche vor den Augen hat, kann das Erlebnis bei der bisher letzten Auflage 2019 nachholen.
Am 17. März 2025 wird Rötger Feldmann 75 Jahre alt (und sein alter ego Werner Brösel 44). Da werden sicherlich die Schnappverschlüsse der Bölkstoff-Flaschen knallen ("Fump!"). 75 Jahre Rötger Feldmann, 44 Jahre Bildungsarbeit: Das hat gekesselt.