711Manche nannten sie "die härteste Rallye der Welt", andere "die Mutter aller Low-Budget-Rallyes": Bei der Allgäu-Orient-Rallye – seit 2017 Europa-Orient-Rallye – fuhren die Teilnehmer von Süddeutschland bis in den Orient. Tausende Kilometer in alten Karren, die maximal 1000 oder 1111 Euro kosten durften. Keine Navis, keine Autobahnen, keine Hotels.
Klingt abschreckend? Nicht für die Zielgruppe. Zu den besten Zeiten nahmen laut Veranstalter 700 Fahrzeuge teil, also rund 1400 Leute. "Nachts um 4.44 Uhr schalteten wir die Anmeldeseite frei, um 5 Uhr waren wir ausgebucht", erzählt Wilfried Gehr, Kopf der Rallye seit der ersten Stunde. Immer mit dabei: Hilfsgüter für arme Länder. Und am Ziel wurden Existenzgründer unterstützt.

Warum die Europa-Orient-Rallye 2026 ausfällt

Ist das alles jetzt aus und vorbei? "Wir müssen Euch mitteilen, dass wir die Europa Orient Rallye 2026 ABSAGEN müssen", meldet Wilfried Gehr auf Facebook. "Grund sind die Absagen von gleich mehreren angemeldeten Teams und weitere noch unsichere Teilnehmer."
Facebook-Seite als Screenshot
Per Facebook informiert Rallye-Macher Wilfried Gehr die Zielgruppe über die Absage der Europa-Orient-Rallye.
Bild: Facebook
Die Begründung für die Absagen macht Gehr nachdenklich: nicht nur hohe Benzinpreise, sondern auch "Druck aus dem Freundeskreis, weil Motorsport nicht mehr in den Zeitgeist passt" und "die eigenen Kinder nicht akzeptieren, dass der Papa oder die Mama zum Spaß Benzin verfährt".

Absage der Europa-Orient 2026: Das Wichtigste in Kürze

Absage der Europa-Orient 2026: Das Wichtigste in Kürze
Warum wurde die Europa-Orient-Rallye 2026 abgesagt?
Zu wenige Teilnahmeteams machten die Durchführung wirtschaftlich unmöglich.
Wie viele Fahrzeuge waren zuletzt gemeldet?
Nach Angaben von Veranstalter Wilfried Gehr waren nur noch 16 Autos angemeldet, davon sagten vier jetzt ab.
Wann hätte die Rallye starten sollen?
Geplanter Start war am 11. Oktober 2026 in Spaichingen.
Wohin sollte die Route führen?
Über Frankreich und Spanien nach Marokko.
Bekommen die Teilnehmer ihr Geld zurück?
Laut Veranstalter werden die 222 Euro Startgeld pro Fahrzeug erstattet.
Gibt es 2027 eine neue Rallye?
Das ist laut Wilfried Gehr noch nicht entschieden.

Von 700 Fahrzeugen auf nur noch 16 Anmeldungen

Ein Niedergang ist schon länger sichtbar: Die großen Sponsoren sind zuletzt ausgeblieben, die Teilnehmerzahlen abgestürzt. 2025 nahmen nur noch 22 Teams teil. "Da habe ich schon draufgezahlt", sagt Gehr. "Vielleicht lag es auch am Ziel", spekuliert er: "Nach Marokko kann man immer fahren." Mehr über die Geschichte der Rallye, ihre exotischeren Ziele und die Gründe, nach Marokko auszuweichen, berichten wir weiter unten.
Bunt beklebte Chrysler Voyager und Volvo 850 bei der Allgäu-Orient-Rallye
Je nach Jahr der Rallye durften die Autos der Teams maximal 1111,11 Euro oder sogar nur 999,99 Euro kosten. Mit einem Chrysler Voyager oder Volvo 850 kann es sich dennoch bequem durch die Wüste reisen lassen.
Bild: privat
Jetzt, im Juli 2026, waren für die Europa-Orient-Rallye im Oktober nur noch 16 Autos angemeldet. Dann sagten zwei ausländische Teams ab, zuletzt ein deutsches Team mit zwei Autos. In ihrer Absage-E-Mail schrieben sie wörtlich: "Wir fahren nun doch nicht mit. Unsere beiden Kinder akzeptieren nicht, dass wir bei der Rallye so viele Kilometer mit unserem alten Bus fahren und einfach so zum Spaß und völlig sinnlos Benzin verfahren. Die Kinder akzeptieren unsere Rallyeteilnahme nicht, und vielleicht haben sie ja Recht bei den hohen Benzinpreisen."
"Ich bin traurig bis enttäuscht", bekennt Wilfried Gehr. "Du kannst die Politik im Nahen Osten nicht ändern und die Leute nicht zu einer Rallye zwingen."
Die 222 Euro Teilnahmebeitrag pro Auto bekommen die Teams laut Gehr zurück. Wenn Teams schon Fahrzeuge extra für die Rallye gekauft haben, müssen sie selbst entscheiden, was sie damit anfangen.

Der gescheiterte Plan für die Europa-Orient 2026

Die Europa-Orient-Rallye 2026 wäre am 11. Oktober in Spaichingen nordwestlich vom Bodensee gestartet – "der Bürgermeister hat selbst Oldtimer und Benzin im Blut". Die Route sollte über Paris und die französischen Alpen zuerst an Frankreichs Mittelmeerküste führen, von da nach Biarritz an Frankreichs Atlantikküste, durch Spanien bis Gibraltar und schließlich in einer großen Schleife durch Marokko über Atlasgebirge und Sahara nach Marrakesch. Mehr als 4500 Kilometer wären zusammengekommen.
BMW 7er (E32), Audi 100 (C3) und 200er und 700er Volvo bei der Allgäu-Orient-Rallye
Oft traten Teams an, die aus mehreren Autos bestanden – selten aber alle in der gleichen Farbkombination wie hier BMW 7er (E32), Audi 100 (C3) und 200er und 700er Volvo.
Bild: Allgäu-Orient-Rallye

Die Diskussion ums CO₂

CO₂-neutral ist diese Rallye sicherlich nicht. Sind solche Fahrten grundsätzlich nicht mehr zeitgemäß? "Diese Frage stelle ich mir ja: Habe ich nicht mitgekriegt, dass der Zug abgefahren ist?", sagt Wilfried Gehr im Gespräch mit AUTO BILD. "Machen wir wirklich die Welt kaputt? Ist unsere Klimabilanz wirklich schlechter, als wenn die Kinder mit dem Opa nach Amerika fliegen?"
Die CO₂-Bilanz durch Spenden zu kompensieren, das hat die Rallyeleitung nie getan. "Wir haben in der Türkei einen Wald gepflanzt, der steht heute noch. Nicht wegen Ökobilanz, sondern weil da Bäume gefehlt haben. Wir haben so ein gutes Gewissen, dass wir uns das nicht durch Geldzahlungen erkaufen müssen."

Hörgeräte und andere Hilfsprojekte

Stolz ist Gehr auf einige Hilfsaktionen. In Jordanien zum Beispiel entstanden aus dem Rallye-Netzwerk Hilfsprojekte für hörgeschädigte Kinder. Nach Angaben der Organisatoren wurden mehr als 1100 hörgeschädigte Kinder mit Hörgeräten versorgt und mindestens 30 Cochlea-Implantate finanziert oder ermöglicht. "Wir haben mehr erreicht in Sachen Frieden und Völkerverständigung als viele Politiker", findet Wilfried Gehr.
Mann packt Tüte in einen fast vollbeladenen Mercedes S 124 (Mercedes W124 Kombi T-Modell), Allgäu-Orient-Rallye 2014
Bei Start in Deutschland nahmen Teams nicht nur Ausrüstung für sich selbst mit, sondern auch Hilfsgüter.
Bild: Steve Bauerschmidt
Für 2026 war geplant, die Teilnehmer über sinnvolle Projekte in Marokko zu informieren, die die Teams dann direkt unterstützen könnten.

Die Geschichte der Allgäu-Orient- und Europa-Orient-Rallye

Bekannt wurde die Rallye unter dem Namen Allgäu-Orient-Rallye. Damals ging es vom Allgäu über den Balkan unter anderem durch Syrien bis nach Amman in Jordanien. Das versprach mehr Abenteuer. Über 6000 Kilometer in zwei Wochen und Länder, die die meisten Deutschen nie besuchen.

Marokko statt Jordanien: Wie sich die Route veränderte

Schon 2011 wurde die Route über Syrien wegen des Bürgerkriegs zu gefährlich. Nach einer 80-stündigen Fährfahrt über das Mittelmeer brach Wilfried Gehr die Rallye ab. 2012 führte die Rallye deshalb nach Aserbaidschan, 2013 nach Israel. 2016 sollte Teheran das Ziel sein, aber der Iran ließ den Rallyetross überraschend nicht ins Land.
zwei VW Passat 35i in der Wüste, Menschen stehen auf den Dächern der Autos
Youngtimer-Kombis wie diese VW Passat 35i Variant (inzwischen Oldtimer) waren bei den Teams besonders beliebt.
Bild: Allgäu-Orient-Rallye
Für die Ausgabe 2018 nannten die Veranstalter die Allgäu-Orient in Europa-Orient-Rallye um. Begründung: Das Allgäu sei international kaum bekannt – schlecht für die Vermarktung.
Wegen der Corona-Pandemie fiel die Europa-Orient-Rallye 2020 und 2021 aus. Seit 2023 ist das Ziel Marrakesch in Marokko – der längste Teil der Reise führt also durch weniger exotische Länder.
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* Weitere Informationen zum offiziellen Kraftstoffverbrauch und zu den offiziellen spezifischen CO2-Emissionen und gegebenenfalls zum Stromverbrauch neuer Pkw können dem "Leitfaden über den offiziellen Kraftstoffverbrauch" entnommen werden, der an allen Verkaufsstellen und bei der "Deutschen Automobil Treuhand GmbH" unentgeltlich erhältlich ist www.dat.de.
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Gehr zieht schon ein Fazit über die Teams der vergangenen Jahre: "Bei der Orientrallye bleiben die Idioten zu Hause. Wir hatten nie Ärger mit den Teams. Die haben durch die Grundspielregeln nicht solche Ansprüche wie Pauschaltouristen. Auch deshalb haben wir es so lange gemacht. Wir hatten positiv Verrückte in jeder Altersklasse. Die älteste war 92, die jüngste 17 Jahre, die fuhr mit Papa und Probe-Führerschein. Wir hatten Rollstuhlfahrer. Ohne dass wir es wollten, hatten wir immer die besten Leute dabei."

Ist die Orient-Rallye jetzt endgültig tot?

Ob es 2027 eine Europa-Orient-Rallye geben wird, ist offen. Gehr bestätigt: "Das ist noch nicht beschlossen. Vielleicht sage ich auch: Eines Tages ist es zu Ende."
Aber: "Ich habe einen Traum, irgendwann die originale Allgäu-Orient-Rallye nach Jordanien noch mal zu machen. Wenn richtiger Frieden im Nahen Osten ist: einfach losfahren und die Autos in Jordanien lassen."

Kommentar

Tausende Kilometer mit dem Auto durch die Gegend zu fahren, nur zum Spaß – ist das zeitgemäß? Natürlich nicht. Schon weil es CO₂ freisetzt.
Das ist genauso wenig zeitgemäß wie fast fashion zum Spaß (billige Modeartikel werden um die Welt gekarrt), Hauskatzen zum Spaß (werden mit Fleisch gefüttert) oder Streaming-Fernsehen zum Spaß (hoher Stromverbrauch).
Zeitgemäß wäre aus meiner Sicht eine vernünftige Abwägung, eine Kosten-Nutzen-Rechnung: Wie viel CO₂-Emission investiere ich zu welchem Zweck?
Das Beispiel der Hörgeräte zeigt: Manche Tonne CO₂, die bei der Orientrallye emittiert wurde, war bestens investiert.
Vielleicht ist es an der Zeit, die Orientrallye wieder stärker auf ihren Kern zurückzuführen. Also: mehr Projekte fördern oder anstoßen, deren Nutzen noch Jahre später nachweisbar ist. Diese Projekte mit einer Rallye zu einem exotischen Ziel ermöglichen. Dabei die CO₂-Bilanz gering halten.
Wenn dann die Teilnahme auch noch Spaß macht (wie bisher immer): desto besser. Denn Spaß ist in diesen verkniffenen Zeiten mittlerweile selbst ein guter Zweck.