Voiture de Maître: Automobil des Meisters. Im Französischen steht "Maître" nicht nur für "Meister", sondern auch für eine hochrangige juristische Amtsperson. An jene dürfte der französische Karosseriebauer Henri Chapron gedacht haben, als er die Idee hatte, die technisch konventionellere ID als Chauffeurs-Limousine mit luxuriös-luftigem Fond anzubieten.
Ab Oktober 1958 offerierte Henri Chapron zunächst eine große Göttin, eine DS 19 Prestige, mit luxuriösem Interieur im Fond. Mit Trennwand zwischen Chauffeur und Fondpassagieren, optional auch mit Telefon und Radio hinten. Die DS stand ohnehin für Luxus – deren kleine Schwester ID mit simplerer Technik für den Einstieg in die Welt der großen Citroën. Chapron hatte wohl nicht nur große Staatsmänner als potenzielle Kunden im Sinn, auch Polizei, Taxiunternehmer oder hochrangige Beamte. Warum also nicht auch die einfachere ID als Chauffeurs-Limousine anbieten?
Citroën ID 19 Voiture de Maître
Die fest stehende Sitzbank vorn und der lange Radstand von 3,12 Metern schaffen im Fond üppige Platzverhältnisse. Mit der Kurbel lässt sich die Trennscheibe heben und senken.
Bild: Martin Meiners
Mit nur 75 PS, herkömmlichem Kupplungs- und Bremspedal, ohne Servolenkung. Mit hydropneumatischem Fahrwerk kam auch die ID ab Werk, der sagenhafte Federkomfort für alle Insassen war gesichert. Der Chauffeur des "Voiture de Maître" hauste allerdings einfach und agierte mechanisch, die Fondpassagiere sollten sich hingegen in separierter Opulenz behütet wissen.

Citroën ID 19 Voiture de Maître mit Trennwand im Innenraum

Die Merkmale des ID-"Meisterwagens": Nur eine Farbe war erhältlich, nämlich Schwarz, auch das Dach kam ausschließlich in schwarzem Lack. Die vordere, mit schwarzem Kunstleder bespannte Sitzbank war starr, der Raum vorn sehr beengt. Diese pflegeleichte "Verwaltungsausstattung" entspreche den Bedürfnissen seiner behördlichen Kunden, so die Idee von Chapron.
Obligatorisch in der meisterlichen ID: eine Trennwand im Innenraum mit einem Kurbelfenster, das ausschließlich vom Fond aus bedienbar war. Optional lieferte Chapron weitere Extras. Das Wichtigste: ein Telefon, mittig montiert auf der Trennwand. Ohne Wählscheibe. Den gewünschten Fernsprechteilnehmer vermittelte in den 1960er-Jahren noch das Telefonamt.
Citroën ID 19 Voiture de Maître
Personen ab 1,70 Meter Körpergröße sitzen vorn beengt – die vordere Sitzbank ist nicht verstellbar. Auch die Lehne nicht.
Bild: Martin Meiners
So trist wie die meisterliche ID am Arbeitsplatz vorn daherkam, so knallig waren mögliche Farben der Jersey-Nylon-Stoffe im Fond. Je nach Kundenwunsch, wie bei unserem Fotoauto, einem 1960er Exemplar, angeboten für 49.900 Euro von www.kultmobile.de. Samtweiche rote Bezüge an Türen und auf der feudalen Sitzbank stehen im Kontrast zum farblich tristen, engen Raum vorn. Das schräge Konzept aus "Kaserne vorn, Salon hinten", dann noch im einfachen Basismodell, hatte wenig Erfolg.

Lediglich 46 Exemplare wurden produziert

Nur 46 Exemplare fertigte Henri Chapron zwischen Juni 1959 und Juni 1961. Danach war die Option Trennwand für die ID Confort noch bis 1970 erhältlich, die Verkaufszahlen blieben spärlich, nur drei Exemplare sollen zwischen 1961 und 1970 noch entstanden sein. Es ist auch schwer nachzuvollziehen, warum Käufer eine einfachere ID 19 mit Trennwand einer ohnehin luxuriöseren DS Prestige vorziehen sollten. Offiziell angeboten wurde das Voiture de Maître nur in Frankreich.
In jener Zeit kamen die Verkäufe von Citroën in Deutschland jedoch in Schwung. 1959 waren die Franzosen mit dem Doppelwinkel erstmalig auf der IAA in Frankfurt präsent, die Kölner Zentrale stellte einen nennenswerten Werbeetat bereit. Seither warb Citroën in Deutschland gezielt für die Modelle ID und DS – mit Erfolg: 1962 verkauften sie in Deutschland 5288 ID/DS, sie machten über 50 Prozent aller verkauften Citroën-Modelle aus.
Citroën ID 19 Voiture de Maître
Manche sagen: Es fehlt ein Sechszylinder zur Vollendung des göttlichen Fahrens. Andere: Der Vierzylinder reicht.
Bild: Martin Meiners
Von Henri Chapron manufakturhaft umgebaute Citroën blieben Einzelstücke. Die bis heute populärsten Stücke sind in dessen Werkstatt in Levallois gefertigte Cabriolets auf DS-Basis. 1960 wurden die DS Cabrios vorgestellt. Der Preis dieser Göttinnen-Variante war exorbitant hoch. Zwar waren die Cabriolets offiziell auch in Deutschland zu ordern, doch in den regulären Prospekten und Listen tauchten sie nur bildlich am Rande auf. Ihre Preise nannte Citroën nur auf Anfrage.
Futuristisch, bizarr, visionär: Das trifft bereits auf die Basis-ID zu. Aber auch, dass zentimeterdicke Karosserie-Spaltmaße und brummig-bummelige Vierzylinder-Motoren nicht so recht zum Avantgarde-Anspruch passen wollen. Erst recht nicht in einem Automobil, das sich meisterlich nennt.
Nach einem Tag im "Maître" bleibt heute der Eindruck zwiespältig: In der ersten Reihe sitzt man nur hinten, im plüschigen Fond. In der kasernenhaften Enge vorn lässt sich das Göttliche nicht spüren.

Fazit

Nur 46 Exemplare des Voiture de Maître wurden gebaut. Nachvollziehbar, diese ID ist bizarr: einfache Basis mit 75 PS, abgesehen vom hydropneumatischen Fahrwerk keine göttlichen Technik-Details, unbequeme Sitzbank vorn, feudaler Spaß nur im Fond.