Ford Mustang: Schleuserauto mit Versteck
Mustang als Fluchtwagen für Republikflüchtlinge

Bild: Thomas Becher/AUTO BILD
- Thomas Becher
Ein Flucht-Auto mit einem Geheimversteck zum Menschenschmuggel durch den Eisernen Vorhang – das klingt nach einem Hollywood-Agenten-Thriller. Nur: Das Auto und seine Geschichte sind Realität, der historische Hintergrund ist ernst.
Bisher ist dieser spektakuläre Ford Mustang noch ziemlich unbekannt – nun kann man ihn aber in Berlin besichtigen.
Das Geheimnis des Ford Mustang: ein Versteck
Auf den ersten Blick sieht der Wagen nach einem ganz normalen 1968er Ford Mustang aus. Ein rotes Cabrio mit Sechszylinder. Für Mustang-Kenner nichts Besonderes, für DDR-Bürger (und DDR-Grenzsoldaten) damals ein Auto wie aus einer anderen Welt.

Aus der Froschperspektive ist zu sehen, dass mit diesem Mustang-Heck etwas nicht stimmt.
Bild: Thomas Becher/AUTO BILD
Mustang-Kennern allerdings fällt beim genaueren Hinsehen das ungewöhnlich weit nach unten reichende Heckblech auf. Und wenn sie dann in der Hocke noch mal schauen, bemerken sie, dass der Tank von außen etwas größer erscheint als normal und tiefer unter dem Kofferraum sitzt.

Zum Vergleich: So sieht das Heckblech beim 1968er Mustang ab Werk aus – hier ein Fastback.
Bild: Toni Bader/AUTO BILD
So aufwendig wurde das Mustang-Heck umgebaut
Aber selbst als jemand, der öfter mal zum Schrauben unter seinem fast gleich alten Mustang liegt, muss ich zweimal hinsehen, um mir wirklich klar zu werden, was hier verändert wurde: Wo unterm Kofferraumboden normalerweise der 60-Liter-Kraftstofftank liegt, ist hier ein leerer Blechkasten, abgedeckt mit dem gewellten Blech des Original-Tanks.

"Machen Sie mal den Kofferraum auf!" Gern – er sieht ja so aus wie der normale Kofferraum des Ford Mustang.
Bild: Thomas Becher/AUTO BILD
Ein anderer, 50 Liter großer Tank wurde darunter angebracht. Das weiter nach unten reichende Heckblech verbirgt ihn ziemlich gekonnt.
Der 60 Liter große Blechkasten darüber diente als geheimes Versteck für Menschen, um in den Westen zu fliehen.

Der Clou: der geheime Hohlraum unterm Kofferraumboden. Extrem wenig Platz für einen Menschen, aber es hat gereicht.
Bild: Thomas Becher/AUTO BILD
So gefährlich war die Flucht aus der DDR
"Republikflucht" war der übliche Kampfbegriff dafür, "ungesetzlicher Grenzübertritt" hieß es im DDR-Recht, laut Paragraf 213 des DDR-Strafgesetzbuchs. Bis zu acht Jahre Gefängnis drohten. Dennoch gelang allein von 1962 bis 1989 mehr als 30.000 Menschen unter Lebensgefahr die Flucht.
Der Mustang-Besitzer war selbst in Gefahr
Auch der Mann, der den roten Mustang fuhr, begab sich in höchste Gefahr: Hasso Herschel (heute 90). Ihm gehörte der Ford Mustang.

Hasso Herschel half etwa 1000 Menschen, der DDR zu entkommen. Ihm gehörte auch der rote Mustang.
Bild: dpa/Picture-Alliance
Heute ist er einer der bekanntesten Fluchthelfer der Bundesrepublik. Hasso Herschel, geboren 1935 in Dresden und 1961 geflüchtet, baute zum Beispiel Tunnel von West- nach Ost-Berlin und half mit teilweise spektakulären Aktionen rund 1000 Menschen bei der Flucht. Auch ein umgebautes großes Schweißgerät wurde zur Flucht eingesetzt und verhalf 29 Menschen, dem DDR-Regime zu entkommen.
Vier Menschen schafften es dank Mustang
1971 und 1972 setzte er den präparierten Mustang ein und ermöglichte damit insgesamt vier Personen die Flucht in den Westen.
Die Route: ČSSR oder Ungarn
Die innerdeutsche Grenze und die Berliner Mauer waren in den 70er-Jahren die bestimmt bestgesicherten Grenzen der Welt. Verglichen damit, waren die Grenzkontrollen an den Übergängen zwischen der Tschechoslowakei und der Bundesrepublik und denen zwischen Ungarn und Österreich nicht ganz so detailliert und aufwendig, sagen Zeitzeugen.
Also setzte Hasso Herschel den Mustang dort ein. Westautos waren da nicht ungewöhnlich: Urlauber aus dem Westen – und ihr Geld – waren in den sozialistischen Staaten ČSSR und Ungarn immer gern gesehen.
Nur – warum nahm Herschel nicht einen VW Käfer, einen Opel Kadett oder etwas ähnlich Unauffälliges? Sondern ein knallrotes US-Cabrio? Vielleicht war genau das die Idee: mit offenem Verdeck und vielleicht mit einem Countrysong im Blaupunkt-Radio durch den Grenzübergang zu rollen – weil das am wenigsten verdächtig war. Wir wissen es nicht mit Sicherheit.

Bild: Thomas Becher/AUTO BILD
Angst und Adrenalin im Mustang
Ganz sicher ist jedoch, dass sowohl bei der Person auf dem Fahrersitz als auch bei der im Fake-Tank versteckten Person im Moment der Grenzkontrolle ziemlich viel Adrenalin im Einsatz war. Eine Geflüchtete erzählte, dass sie – als der Grenzer den Kofferraumboden abtastete – im Kopf Mathe-Aufgaben löste, um die Angst im Zaum zu halten.

Bild: Thomas Becher/AUTO BILD
Wenn ich so hinter dem gut erhaltenen Ford Mustang stehe und in den leeren, kleinen Blechkasten schaue, gleich unterm Kofferraum, der ja auch nicht gerade für seine Größe berühmt war – dann kann ich mir schwer vorstellen, eng zusammengerollt in diesem Kasten zu liegen. Groß oder dick durften die Republikflüchtige nicht sein, und selbst die kleinen mussten sehr biegsam sein.
Doppeltes Risiko
Das eine Risiko war, entdeckt zu werden; verhaftet, verhört, verurteilt zu werden, lange im Gefängnis zu sitzen. An das andere, körperliche Risiko, einen Unfall oder ein Feuer, wage ich gar nicht zu denken.

Bild: Thomas Becher/AUTO BILD
Erfolgsrezept: gute Vorbereitung und Glück
Zum Glück gab es kaum Mustang-Experten bei Stasi und KGB, bei der ČSSR-Staatssicherheit StB und in Abteilung III des ungarischen Innenministeriums, der Geheimpolizei. Und so ermöglichte der präparierte Mustang in den 70er-Jahren vier Menschen erfolgreich die Flucht in die Freiheit. Insgesamt schien die Stasi Hasso Herschel lange Zeit nicht auf dem Schirm gehabt zu haben, seine Aktionen waren sehr gut durchdacht und professionell vorbereitet. Offensichtlich wurden sie auch nicht verraten – was damals durchaus nicht selbstverständlich war.
2012 bekam Herschel das Bundesverdienstkreuz.
Der Mustang wird Geheimtipp am Checkpoint Charlie

Bild: Mauermuseum – Haus am Checkpoint Charlie
Und was passt besser, als ein so ikonisches US-Car, das spektakulär zur Flucht durch den Eisernen Vorhang in den Westen eingesetzt wurde, im Mauermuseum in Berlin am berühmten Checkpoint Charlie auszustellen! Genau hier ist der Mustang, den Herschel dem Museum schon 2002 vermacht hat, nach langer Standzeit in einem abgelegenen Lager im Frühsommer 2025 eingetroffen.
In einem speziellen Raum soll dieser "Survivor" jetzt den Museumsbesuchern zugänglich gemacht werden und von seiner spannenden Geschichte erzählen. Im Juli 2025 sagt uns Museumsleiterin Alexandra Hildebrandt: "Momentan ist er noch nicht zugänglich, aber wenn unsere Besucher danach fragen würden, würden wir das Auto individuell zeigen."
Ein deutsch-deutsch-amerikanischer Geschichtsthriller mit Happy End.
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