Es ist dieser blecherne Zinken, der ihn zum Charaktertypen macht. Und auf ewig mit "Bunkie" Knudsen (1912–1998) verbindet, dem Ford-Manager, der von GM kam und sich gern ins Design einmischte: So wuchs dem Ford Taunus seine Nase. Sie lässt vergessen, dass sein wahrer Stil von einer anderen Erfolgslinie abstammt. Lange Motorhaube, kurzes Heck, das hatte schon beim Mustang funktioniert und macht den Mittelklasse-Ford ab September 1970 zum Bestseller. Seine stattliche Größe sichert dem Nasen-Modell ein üppiges Raumangebot. Menschen im Fond reisen nicht als Zweite-Klasse-Passagiere. Großzügige Sessel unterstreichen den Eindruck eines Wohnzimmers auf Rädern.
Ford Taunus 1600 GXL
Ein Hauch von L.A. in Lüdenscheid und Laasphe: Viel Chrom und schwellende Formen machten den Taunus zum Gesicht in der Menge.
Speziell in der gehobenen GXL-Ausstattung bietet der Taunus gewissen Luxus. Imitiertes Wurzelholz und Zusatzinstrumente auf der Mittelkonsole schaffen den entsprechenden Rahmen. Alles folgt dem American Way: Was billig ist, darf auch so aussehen. Funktionalität ist nicht so wichtig. Verstreute Schalter und zu tief angeordnete Hauptinstrumente zählen zu den Mängeln, die schon Tester in den 70ern ausgiebig kritisieren. Für Ford bedeutet der Taunus einen radikalen Technikwandel. Nach dem über die Vorderräder angetriebenen 12M kehrt die deutsche Tochter zur konventionellen Bauweise zurück. Immerhin hängt die starre Hinterachse nicht wie beim größeren 17M an Blattfedern, sondern weist Schraubenfedern und Längslenker auf. Im Interesse des Fahrkomforts sind Federn und Stoßdämpfer weich ausgelegt, was zu einem zwiespältigen Ergebnis führt. Schlechte Straßen wischen den ersten Eindruck eines geschmeidigen Reisewagens weg: Der Taunus schwankt wie ein Schiff auf hoher See. Ganz unamerikanisch der Motor, ebenfalls neu entwickelt: ein Reihenvierzylinder mit oben liegender Nockenwelle. Er ist leistungs- und drehfreudig, nervt aber mit Brummfrequenzen – ein gutes Argument für den Sechszylinder, den Ford als Einziger in dieser Preisklasse anbietet.

Test: Kleinwagen der 70er


Von

Götz Leyrer