Lancia Delta S4 im Test
Schweißtreibende Fahrt in einer Gruppe-B-Legende!

Er ist eine der Legenden im Rallyesport: der Lancia Delta S4. Kompakt, extrem leistungsstark und kompromisslos auf Sieg getrimmt. Mit Allrad, Turbo- und Kompressoraufladung kombiniert der Lancia brachiale Power mit beeindruckender Fahrdynamik und markiert die letzte Ausbaustufe der Gruppe B. Bitte anschnallen!
Bild: Fabian Hoberg
- Fabian Hoberg
Es ist dieses Pfeifen, das du noch Stunden später nicht loswirst. Ein Pfeifen, wenn der Turbolader abbläst, kurz nachdem sich der Kompressor ausgekoppelt hat. Dieses Pfeifen dringt dir ganz tief ins Gehirn – und bleibt für Stunden. Kein Wunder, denn das Pfeifen stammt vom Lancia Delta S4, der letzten Ausbaustufe der Rallye-Gruppe B.
Kein anderes Modell war damals technischer, komplizierter und brutaler als der Lancia. Ein Meisterwerk der Ingenieurskunst der 1980er-Jahre, das Rallye-Geschichte geschrieben hat.
Noch heute wirkt der Lancia Delta S4 wie ein Fahrzeug aus einer anderen Dimension, geboren in einer Zeit, die radikale Technik, kompromisslose Leistung und rohen Charakter ohne Wenn und Aber feiert. Klein, kantig, brutal. Er ist mehr als nur ein Rallyeauto: Er ist ein Statement, ein Symbol einer Ära, in der Motorsport, Mut und Risiko miteinander verschmelzen.
Vor 40 Jahren endet die Zeit der starken Boliden der Gruppe B. Doch die Faszination des Delta S4, als letzte und extremste Ausbaustufe dieser Ära, bleibt ungebrochen.

Der S4 zählt noch heute zu den extremsten, schnellsten und brutalsten Rallyefahrzeugen der Welt.
Bild: Fabian Hoberg
Schon der Einstieg ist ein Erlebnis. Du öffnest die Tür, und das leichte Rohrrahmenchassis in Kombination mit einer Karosserie aus Kevlar schlägt mit einem hellen "Klong" zu – so leicht, dass du direkt fühlst, dass du in einem kompromisslosen Rennwagen sitzt. Das Cockpit ist eng, reduziert, funktional. Schalensitze umschlingen dich, Gurte legen sich wie eiserne Arme über Schultern und Brust.
Der Überrollkäfig wirkt gleichzeitig beschützend und bedrohlich. Jeder Schalter, jede Instrumentenleuchte, jeder Knopf signalisiert: Hier geht es um Leistung, Kontrolle und Risiko. Nichts für schwache Nerven. Unser gefahrenes Werks-S4-Modell mit der Fahrgestellnummer 215 setzte Lancia 1986 bei der Rallye Monte Carlo ein. Legendärer geht es nicht.
Brüllender Lancia Delta S4 mit geballten 490 PS
Ein Griff ans Lenkrad, ein Druck auf den Zündschalter, und der Motor erwacht nicht einfach, er brüllt. Direkt hinter deinem Rücken sitzt der 1,8-Liter-Twincharged-Vierzylinder, aufgeladen sowohl mit Turbo als auch mit Kompressor, um das damals so gefürchtete Turboloch zu eliminieren und in jeder Situation maximalen Druck zu liefern. 490 PS geballte Gewalt, verteilt auf ein Fahrzeuggewicht von weniger als 890 Kilogramm – das ist nicht nur ein technisches Kunststück, das ist reine Energie in greifbarer Form.
Der erste Rollstart wird zur Lehrstunde in Sachen Präzision und Instinkt. Schon der kleinste Druck aufs Gaspedal lässt den Wagen reagieren: Das Heck kann blitzschnell ausbrechen, die Front setzt nach, die Balance verschiebt sich. Vom ersten Gasstoß an spürst du Schwingungen im Sitz, ein tiefes Grollen, das sich durch jede Körperzelle frisst.

Eng, spartanisch, laut und äußerst funktionell zeigt sich das Cockpit des Lancia – eben ein harter Arbeitsplatz von 1986.
Bild: Fabian Hoberg
Das Auto scheint darauf zu drängen, loszustürmen, als hätte es nur auf deinen Befehl gewartet. Kurz kuppeln, Zwischengas geben und schnell das mechanische Getriebe durchschalten. Die Gänge rasten präzise ein, klack, klack, dann sofort wieder das Pedal voll durchtreten und das Lenkrad festhalten. Am besten ganz fest.
Denn der kurze Radstand und die wahnsinnige Leistung versuchen ständig, den Delta S4 zu eigenen Entscheidungen zu überreden. Tänzeln ist gar kein Ausdruck, so bewegen sich Heck und Front selbst bei Geradeausfahrt, auch wenn das fein abgestimmte Fahrwerk zwischen Kontrolle und Chaos arbeitet. Staub wirbelt auf, der Schotter rutscht unter den Reifen weg, und du wirst Teil einer intensiven Symbiose aus Kraft, Präzision und Instinkt, bei der jede Bewegung am Lenkrad unmittelbare Konsequenzen hat. Beten wäre jetzt auch nicht schlecht.
Technische Daten: Lancia Delta S4
Technische Daten | Lancia Delta S4 |
|---|---|
Motor | Vierzylinder-Twincharged (Turbo + Kompressor) |
Hubraum | 1759 cm³ |
Leistung | ca. 490 PS |
Drehmoment | ca. 500 Nm |
Getriebe | 5-Gang-Schaltgetriebe |
Antrieb | Allradantrieb |
Gewicht | ca. 890 kg |
0–100 km/h | ca. 2,3 Sekunden |
Höchstgeschwindigkeit | 205 km/h (je nach Übersetzung) |
Stückzahl | 36 Fahrzeuge |
Werksteam | 20 Exemplare für Martini Racing |
Jede Kurve, jede Gerade fordert maximale Kontrolle, während der Allradantrieb die enorme Kraft auf die Straße bringt. Geschwindigkeit, Adrenalin und pure Ingenieurskunst verschmelzen zu einem Erlebnis, das jede Fahrt an die Grenze treibt. Der Vierzylinder hinter dir katapultiert dich in rund 2,3 Sekunden von 0 auf 100 km/h – und das auf losem Untergrund! Die Höchstgeschwindigkeit von rund 205 km/h wirkt im Kontext der gnadenlosen Beschleunigung fast sekundär. Unfassbar.
Doch vor 40 Jahren ist das normal. Denn die Gruppe B ist legendär für ihre gnadenlose Leistung, und der Delta S4 ist ihr greifbarster Ausdruck. Rallye-Piloten wie Henri Toivonen, Markku Alén oder Mikael Ericsson greifen im S4 ins Lenkrad, kämpfen sich durch Akropolis, Monte Carlo, Schweden und Finnland. Lancia selbst will mit dem Delta S4 Mitte der 1980er-Jahre mehr als nur ein wettbewerbsfähiges Auto bauen.

Der 1,8-Liter-Vierzylinder leistet dank Kompressor und Turbolader knapp 490 PS und 500 Newtonmeter Drehmoment – und das bei nur rund 890 Kilogramm Gewicht!
Bild: Fabian Hoberg
Nach dem Erfolg des Lancia 037 und dem WM-Titel 1983 zielt das Team um Cesare Fiorio, Sergio Limone und Giorgio Pianta darauf ab, die Grenzen des technisch Machbaren zu sprengen. Allradantrieb, Kompressor und Turbo in einem Aggregat, Leichtbau mit Kevlar, kompromisslos ausgelegte Aerodynamik: Das Projekt SE038 ist bis heute ein Lehrbuchbeispiel für Innovation im Rennsport und dehnt das Reglement bis aufs Äußerste.

Dank der unfassbaren Power und des geringen Gewichts geht der Lancia heute noch schnell in den Drift.
Bild: Fabian Hoberg
Nie mehr davor und danach werden die Motorsportregeln so dermaßen frei interpretiert wie bei der Gruppe B und speziell bei dem Delta S4. Nur 36 Exemplare dieses extremen Rallyemonsters entstehen, davon 20 für das Werksteam Martini Racing.
In der Saison 1985/86 schreibt der Delta S4 dann auch Motorsportgeschichte. Direkt bei der Lombard RAC Rally in Großbritannien erzielt Lancia einen Doppelsieg, und bei der legendären Rallye Monte Carlo gewinnt Toivonen/Wilson mit über vier Minuten Vorsprung – ein Triumph, der sofort in die Annalen eingeht. Vier Minuten sind bei einer Rallye Welten. Welten! Doch nur Wochen später zerschlägt sich die Legende: Nach einem tragischen Unfall bei der Rallye Korsika wird deutlich, welche Risiken die ungezügelte Leistung dieser Fahrzeuge birgt.
Tödlicher Unfall bei der Rallye Korsika
Henri Toivonen und sein Beifahrer Sergio Cresto verunglücken am 2. Mai 1986 bei der Rallye Korsika (Tour de Corse) tödlich, als ihr Delta S4 in der 18. Sonderprüfung von der Strecke abkommt. Sie stürzen in eine Schlucht, und der Lancia explodiert. Jede Hilfe kommt zu spät. Die FIA stellt daraufhin Ende 1986 die Gruppe B ein.
Doch die Legende des Delta S4 lebt weiter – nicht nur wegen seiner Erfolge, sondern vor allem wegen seines einzigartigen Sounds. Das Pfeifen des Turbos, das Dröhnen des Motors, das knackige Getriebe: Dieser Klang ist ein elementarer Teil seiner Identität. Er pulsiert, vibriert, ist körperlich spürbar und hinterlässt einen bleibenden Eindruck. Jeder Gasstoß erzeugt eine Resonanz, die tief in der Brust widerhallt und dich noch lange nach dem Abstellen des Motors begleitet.

Trotz seiner 40 Jahre begeistert der Lancia durch seine brachiale Beschleunigung und das martialische Auftreten.
Bild: Fabian Hoberg
Mut, Können, Respekt vor der Maschine: All das liegt in der Luft, als wärst du Teil jener Ära gewesen, als diese Fahrzeuge noch echte Grenzen verschoben. Das Zusammenspiel von Turbo, Kompressor, Allradantrieb und Rennfahrwerksabstimmung ist perfekt ausgewogen, um maximale Performance auch auf den härtesten Untergründen zu liefern.
Herzklopfen, zittrige Hände, Schweiß auf der Stirn
Wenn du nach der letzten Kurve zum Stehen kommst, bist du nicht einfach nur gefahren – du bist erschöpft, atemlos und elektrisiert zugleich. Herzklopfen, zittrige Hände, Schweiß auf der Stirn: Der Delta S4 hinterlässt Spuren, die man nie wieder vergisst. Er ist nicht nur ein Rallyewagen, er ist eine Legende – ein Symbol für Mut, Technik und die pure Faszination einer Ära, in der Motorsport kompromisslos und wild ist. Immer bereit zu explodieren.
Lust bekommen, genau dieses Auto live und in Farbe zu sehen? Kein Problem: Der Lancia Delta S4 steht als eines von 35 historischen Rallyefahrzeugen derzeit in der Sonderausstellung "Rallye Legenden – Zeitreise auf Asphalt, Schotter und Schnee" des Nationalen Automuseums – The Loh Collection in Dietzhölztal-Ewersbach, und wenn man nah genug drankommt, hört man vielleicht noch das Pfeifen des Turboladers. Ganz bestimmt.
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