Lancia Thema 8.32: Ferrari-V8 trifft Limousine
Vergessene Helden: der Lancia Thema 8.32 mit Ferrari-V8

Der Lancia Thema 8.32 war 1989 mein erster Messe-Prospektschatz. Eine luxuriöse Italo-Limousine, betörend ausgestattet und stark wie ein Ferrari. Und dennoch bis heute ein Traumauto aus der zweiten Reihe für Insider und schmerzfreie Italien-Fans.
Bild: Tom Salt
Der Grat zwischen Genie und Wahnsinn ist bekanntlich oft schmal. Für kaum eine Limousine der Achtziger gilt das so sehr wie für den Lancia Thema 8.32.
Was radikal begann – eine italienische Oberklasse-Limousine mit Ferrari-V8 –, wurde zu einem exklusiven Außenseiter für italophile Understatement-Liebhaber. Und dennoch: Kaum ein Fahrzeug charakterisiert die Marke Lancia in dieser Epoche besser – das Ringen zwischen technischer Brillanz, gestalterischer Eleganz und ökonomischem Selbstmord ist eindrucksvoll nacherlebbar.
Mein Erstkontakt mit dem Ausnahme-Thema war auf dem Genfer Auto-Salon: Als acht Jahre junger Autoliebhaber betrat ich den Lancia-Stand – und verließ ihn mit einem schwarzen Hochglanzprospekt zum Topmodell. Der Thema 8.32 revolutionierte mein mit elterlicher VW- und Audi-Mittelklasseware aufgebautes Auto-Weltbild: Die schlichte 4,59-Meter-Limousine mit unerwartetem Sportwagenherz sollte ich nie wieder vergessen. Sie war für mich mehr ein Kunstwerk denn ein Fahrzeug. Zeichnungen des Ferrari-V8, Cockpitansichten in edelstem Poltrona-Frau-Leder und technische Skizzen prägten meinen automobilen Idealtypus nachhaltig.

Ein ausfahrbarer Heckspoiler für mehr Fahrstabilität bei Highspeed ist ein exklusives Detail des 8.32.
Bild: Tom Salt
Fahrzeugdaten | Lancia Thema 8.32 |
|---|---|
Motor | V8, vorn quer, vier oben liegende Nockenwellen, vier Ventile pro Zylinder |
Hubraum | 2927 cm3 |
Leistung | 158 kW (215 PS) bei 6750/min |
max. Drehmoment | 285 Nm bei 4500/min |
0–100 km/h | 6,8 s |
Höchstgeschwindigkeit | 240 km/h |
Antrieb | Fünfgang, manuell, Frontantrieb |
L/B/H | 4590/1758/1420 mm |
Verbrauch | 15,7 l S/100 km |
Gewicht | 1400 kg |
Neupreis (1987) | ab 72.600 Mark |
Die Kleinserienfertigung (ca. 3520 Einheiten in zwei Serien von 1987 bis 1992) eines quer eingebauten Ferrari-V8 mit einer Großserienplattform erfolgte im Werk Borgo San Paolo, während der bürgerliche Thema im Werk Chivasso produziert wurde. Die Fahrzeugbasis – die Tipo-Quattro-Architektur – war pragmatischer Natur. Doch was Lancia ab 1987 zauberte, genießt noch heute meinen großen Respekt: 215 PS auf nur 1,4 Tonnen Leergewicht, aktive Aerodynamik in Form eines ausfahrbaren Heckspoilers, einstellbares Fahrwerk und der wohl aufwendigste Innenraum seiner Klasse waren ein selbstbewusstes Statement der Außenseiter-Marke.

Quer verbaut, quetscht sich der in Maranello gegossene und bei Ducati montierte V8-Motor in den Motorraum. Die Zugänglichkeit für Servicearbeiten ist bescheiden.
Bild: Tom Salt
Aber eben auch ein Spiel mit dem Risiko. Die Hitzeentwicklung im Motorraum war grenzwertig, die Kühlung oft am Limit. Der quer verbaute V8 forderte seinen Tribut bei Wartung und Alltagstauglichkeit – und überforderte durchschnittliche Werkstattbetriebe. Der alle 20 000 Kilometer vorgeschriebene Zahnriemenwechsel ist legendär, aufwendig und teuer. Selbst eingefleischte Lancia-Schrauber rufen ohne Motorausbau und mit Wartungsbohrung im Radkasten gut 3000 Euro auf. Also ignorieren?
Vom Traum zum Albtraum: Gebrauchtwagen-Schicksale
Das taten einige der nicht immer so finanzkräftigen Gebrauchtwagenkäufer, die den Thema 8.32 im Tal der Tränen als Budget-Ferrari für unter 10.000 Euro begriffen und kaum angemessen warteten. Bei Pfusch oder Riemenversäumnissen droht kapitaler Motorschaden. Und auch der Rost kann sich trotz passabler Blechqualität nach über 30 Jahren vernichtend ausgebreitet haben. Originalersatzteile sind nicht nur teils sündhaft teuer, sondern rar.

Edelholz und Leder bis in den letzten Innenraumwinkel zeugen von hoher Detailversessenheit. Geschaltet wird stets per Hand, der Thema 8.32 wurde für Selbstfahrer entwickelt.
Bild: Tom Salt
Steuergeräte, Innenraumteile, Felgen – vieles ist, wenn überhaupt, nur noch über Spezialisten oder europaweit vernetzte Clubs erhältlich. Die Lancia-Vertriebsaktivitäten wurden in Deutschland 2017 (vorerst) offiziell eingestellt. Ein 8.32 verlangt daher nicht nur nach einem robusten Oberklasse-Budget, sondern nach einer gewissen Leidensfähigkeit und einer ausgefeilten Wartungsstrategie.#
Wenn der Lancia läuft, dann begeistert er
Wenn der mechanisch grundsätzlich haltbar konstruierte Antrieb des 8.32 funktioniert, dann belohnt er mit Kraft und Klang. Ab Schlüsseldreh grummelt der V8 überraschend weich und sonor. Gegenüber der Ferrari-Serie wurde er dezent domestiziert: Die Kurbelwellenzapfen sind um 90 Grad für einen besseren Massenausgleich versetzt, außerdem wurde die Zündfolge in 1-8-4-2-7-3-6-5 geändert.
Die Kupplung ist verbindlich, jedoch nicht sportlich hart. Ab mittleren Drehzahlen klingt eine Verbrenner-Symphonie an, die für den nicht unerheblichen Unterhaltungsaufwand entschuldigt. Die Kraftentfaltung ist gleichmäßig, der Erstserien-8.32 läuft, noch ohne Kat, notfalls echte 240.
Dem Fahrwerk, ab 1989 optional adaptiv geregelt, gelingt die Balance zwischen Komfort und Kontrolle subtil. Auf Autobahnetappen liegt der frontgetriebene 8.32 stabil – den nachfolgenden Verkehr erinnert ein Sticker an zahlreiche Rallye-Weltmeistertitel der Marke.
Der Lancia Thema 8.32 ist ein Gentleman und hat zugleich eine ungefilterte Note. Er sollte ein Marken-Manifest sein für Leistung und Luxus. Heute mag ich ihn für seine Widersprüche und seinen Wagemut.
Fazit
Als diskreter Gentleman-Express mit Ferrari-Genen übt der gebraucht noch immer bezahlbare Thema 8.32 eine ungeheure Anziehungskraft aus. Die hohe Komplexität fordert jedoch ihren Tribut, nur top gewartet und aus kundiger Hand ist die Power-Limousine ein ansatzweise kluger Kauf. Leidensfähigkeit ist und bleibt eine 8.32-Grundvoraussetzung!
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