Es ist Freitagnachmittag, und Fotograf Greg Jarem und ich stehen an den Stufen des Weißen Hauses. Langsam schiebt sich eine raben­schwarze 1965er Lincoln Conti­nental Limousine ins Bild, fährt majestätisch einen großen Bogen und kommt direkt vor uns zum Stehen. Als Nächstes könnten sonnenbebrillte Secret-Service-Agenten auftauchen, in ihre Hand­gelenke sprechen und dem ame­rikanischen Präsidenten den Wagenschlag öffnen. Und so falsch läge man da gar nicht.
Diese vom amerikanischen Stretchlimousi­nen-Hersteller Lehmann-Peterson (L-P) gebauten Executive Limou­sines sind schon für sich gesehen äußerst selten; und im Modelljahr 1965 entstanden gerade einmal 78 Stück. Bei diesem 6,36 Meter langen Ungetüm handelt es sich aber tatsächlich um ein Fahrzeug aus dem Fuhrpark von Lyndon Baines Johnson (LBJ), der 1963 am Tag des Attentats auf John F. Ken­nedy der 36. Präsident der USA wurde. Lange bevor US-Staatslimousinen mit beängstigenden Namen wie "The Beast" auf riesi­gen Diesel-SUV basierten, wurden die Führer der amerikanischen De­mokratie in sehr viel eleganteren Langlimousinen herumkutschiert.
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Am bekanntesten ist zweifels­ohne das tief dunkelblaue Landau­lett X-100 von Hess & Eisenhardt sein, in dem JFK an jenem ver­hängnisvollen Morgen des 22. No­vember 1963 auf die Dealey Plaza in Dallas fuhr. Wenige Stunden nach den tragischen Ereignissen wurde LBJ zum Präsidenten er­nannt. Heute wirkt es unvorstell­bar, dass der X-100 nach einem Umbau auf kugelsicheres Glas und nach LBJs Vorgaben schwarz la­ckiert wieder ans Weiße Haus zu­rückgeliefert wurde. Dort über­nahm es noch gut ein Jahrzehnt lang niedere Transportaufgaben, fuhr aber nie mehr einen Präsiden­ten.
Lincoln Continental Executive Limousine
In LBJs Lincoln hat man das Gefühl, jederzeit einen Atomkrieg anzetteln zu können.
Bild: AUTO BILD
Die Hauptaufgabe als LBJs Dienstwagen übernahm ein ge­panzerter 1965er Lincoln, sehr ähnlich der Limousine, die mit einem Siebenliter-V8 hier nun lei­se säuselnd vor uns steht. Sie war LBJs "red carpet rar", ein Auto für den roten Teppich, dessen Mis­sion es war, hohe Staatsbesucher und VIPs mit oder ohne LBJ an Bord zu transportieren. In der Re­gel verlassen solche höchstrangigen Staatslimousinen nicht das Weiße Haus oder werden allenfalls an die Gedenkmuseen der entspre­chenden Präsidenten vergeben. Meist aber werden sie noch viele Jahre mit niederen Jobs betraut und anschließend verschrottet. "Diese hier hat's überlebt", sagt lächelnd ihr Besitzer John Lawlor, der Inhaber der Automotion Ga­rage in Middleborough im US-Bundesstaat Massachusetts. John und ich sind seit gut 20 Jahren be­freundet.

Vom Präsidenten zum Volk

John besitzt die Präsidenten­fuhre schon 18 Jahre lang und er­zählt uns gern, wie sie in private Hände geriet. "Für viele Limos war der Betrieb im Weißen Haus sehr anstrengend, und die meisten von ihnen wurden bis zu ihrer Ver­schrottung aufgefahren. Aber als dieses Auto 1969 das Weiße Haus verließ, hatte es erst 33.000 Meilen gelaufen und war in einem fantas­tisch guten Zustand. Wir wissen das, denn auch heute noch ist bis auf den Lack alles original. Wahr­scheinlich hat es sich jemand aus der Verwaltung für seinen eigenen Bedarf geben lassen", erklärt John. Er sagt, schon während des aktiven Lebens seien besonders bean­spruchte Fahrzeugseiten mehrfach überlackiert worden, "was nicht ungewöhnlich war bei so viel Au­ßeneinsatz mit Sicherheitsleuten am Auto". Abgesehen vom Lack, betont John, sei alles original. Le­der, Teppich, Technik. Und selbst das White-House-Telefon von Mo­torola gibt es noch.
Die Ford-Wer­ke, zu denen die Marke Lincoln seit jeher gehört, beauftragten da­mals das in Chicago ansässige Pri­vatunternehmen Lehmann-Pe­terson Executive Limousines mit dem Bau von Langlimousi­nen und gewährte ihnen die volle Werksgarantie. "Jeder Interessent konnte sich solch ei­nen verlängerten Continental bei einem Händler seiner Wahl bestel­len", sagt Lincoln-Experte Chris Dunn, Besitzer von Lincoln Land in Clearwater, Florida. Angefangen hat Lehmann-Peterson mit einer kleinen Werkstatt, in der sie 1963 ihre erste selbst entworfene Li­mousine auf Basis des viertürigen Continental mit den hinteren "Selbstmördertüren" aufgebaut haben.
Lincoln Continental Executive Limousine
Trotz gewaltiger Außenabmessungen lässt sich der 6,36-Meter-Lincoln erstaunlich normal fahren. Servolenkung, Automatik und 345-PS-V8 helfen.
Bild: AUTO BILD
Lincoln-Manager wurden auf die Limo aufmerksam, und da L-P bis dato keinerlei Erfahrung mit dem Bau solcher Fahrzeuge hatte, ließen sie sich den Prototyp zu Tests ins Werk liefern. Besonders die Auswirkungen der Verlänge­rung um 86 Zentimeter auf die selbsttragende Karosserie interes­sierten die Ingenieure. Obwohl viele Limos vorher und nachher auf Fahrzeugen mit konventionel­lem Leiterrahmen aufgebaut wurden, besaßen die an den hin­ten angeschlagenen Hecktüren er­kennbaren Continental der 1960er-Jahre eine selbsttragende Karosserie. "Die Ingenieure waren wohl von der Arbeit der Werkstatt in Illinois beeindruckt", sagt Dunn, "denn zum Beispiel lag die Steifig­keit der verlängerten Version we­gen der eingebauten Verstärkun­gen höher als bei der Basis."
Am 25. Februar 1964 vergab Ford den Auftrag einer Kleinstserie an L-P, eine Handvoll Fahrzeuge auf dem 1964er-Modell sollte pro­duziert werden. Für den Bau von Stretchlimos wurden reguläre Li­mousinen direkt zu L-P nach Chi­cago geliefert, zusammen mit ei­nem Limousinenumbausatz, zu dem Hochleistungsreifen und -stoßdämpfer gehörten, eine zu­sätzliche Klimaanlage und ver­stärkte Kühlelemente für die schwerere Last. Das Dach wurde abgetrennt, die Karosserie in der Mitte durchgeschnitten und an­schließend ein 86 Zentimeter lan­ges Teilstück eingefügt. Die Roh­karosse wurde verstärkt, vor allem die Dachstruktur. Von außen leicht erkennbar sind die verstärkten B-Säulen hinter den Vordertüren. In der Trennwand hinter dem Fahrer, an den Seiten unter den neuen Sei­tenfenstern und entlang des Bo­dens wurden 31 Millimeter dicke Stahlplatten angebracht. Auf diese Weise entstand eine Kastenstruk­tur als Hauptgrundlage für die strukturelle Steifigkeit. Natürlich mussten auch die Antriebswelle und der Auspuff verlängert und verstärkt werden.
Lincoln Continental Executive Limousine
Alle L-P-Limousinen hatten ein Vinyldach mit kleinem Heckfenster. Die abgedunkelten Scheiben sind eine spätere US-Affektiertheit.
Bild: AUTO BILD
Das Ender­gebnis ist beeindruckend. Die ver­längerten Limousinen waren stei­fer als die Basis und wogen mit 2693 Kilogramm nur rund 300 mehr als die Serie. Innen weist un­sere Präsidentensuite die übliche Konfiguration auf: eine Seriensitz­bank hinten und zwei gegenüber­liegende, mit dem gleichen Leder bezogene Einzelsitze für Mitarbei­ter und eine Mittelkonsole. Hier befindet sich bei unserem Auto eine kleine Bar sowie das White- House-Wählscheibentelefon. "Ur­sprünglich hatte so ein offizielles Auto auch rote und blaue Warn­leuchten hinter dem Kühlergrill, aber die sind nicht mehr da", er­klärt John. Über unserem Telefon mit der Aufschrift "White House Motor Pool Mobile #9" befinden sich neun Drucktasten, wahr­scheinlich für die Direktwahl von LBJs Kabinettsmitgliedern.

Präsident für einen Tag

Während John fährt, sitze ich hinten rechts, wie es sich gehört, und probiere alle einzeln aus, aber niemand meldet sich. Auch die Nummer des White House Motor Pool, die (202) 485-8509, mag sich in den vergangenen 59 Jahren wohl geändert haben, denn niemand hebt ab. Während John die 6,36 Meter lange Limo durch den Ort manövriert, denke ich an die zwei Lincoln Continental, die ich selbst einmal besessen habe, Cabrios von 1966 und 1967. Bei den beiden hat mich besonders der hohe Abroll­komfort beeindruckt, über den auch diese Diva verfügt. Zustande kommt das teils durch das hohe Leergewicht und teils durch die sehr gute Arbeit der Lincoln-In­genieure. Wie es sich für einen Präsidententransporter gehört, klappert oder quietscht nichts. "Hier ist alles so, wie es immer war", sagt John stolz, "und bis heu­te wurde das Auto noch nie aus­einandergenommen."
Lincoln Continental Executive Limousine
Auch die Executive Limousine verfügt über den 1965 serienmäßigen Siebenliter-V8 mit 345 PS und vor allem 630 Nm ab 2600/min. Drei Stufen müssen reichen.
Bild: AUTO BILD
In einer Pause bei unserem Shoot setze ich mich hinters Lenk­rad, wo mir alles sofort bekannt vorkommt. Während John und Greg sich im Schatten abkühlen, spiele ich mit den Knöpfen und der elektrischen Sitzverstellung und lausche dem Siebenliter-V8. Ich probiere aus, wie leicht sich der Ganghebel einlegen lässt – und weg bin ich. Einmal nur um den Kirchturm, im wahrsten Sinne des Wortes, denn unser "White House" ist Middleborough's First Congre­gational Church at the Green, die mit ihren sechs beeindruckenden, weißen Säulen und den breiten Treppen das weißeste Haus ist, das wir finden konnten. Um die Kirche führt ein kleiner Pfad, auf dem ich ein paar Runden drehe, bis Greg erklärt, er habe "alles im Kasten", und John mich fragt, ob ich die wuchtige Fracht zurück zum Lager fahren wolle. Und ob! Auf einmal sitze ich im Freitagnachmittags­verkehr hinter dem Steuer dieses freundlichen Riesen, während John neben mir das Fenster elek­trisch herunterfährt und mich in ein Gespräch verwickelt. Mir fällt auf, wie "normal" sich dieses un­gewöhnliche, schwere, lange und wuchtige Auto fährt. Wenn man sich einmal mit der Breite von knapp zwei Metern und dem gro­ßen Wendekreis vertraut gemacht hat, geht alles sehr einfach. "Man muss sehr weit ausholen", warnt mich John. Mit dem busähnlichen Radstand von 4,06 Meter besteht die Gefahr, sich am Kurveninneren etwas einzufangen.
Der niedrig drehende V8 wurde damals mit 324 SAE-PS angegeben. Heute machen wir vollen Ge­brauch von den 630 Nm Drehmo­ment, die sich ab 2600/min zur Arbeit einfinden. Als John und ich durch die Rushhour rollen, merken wir, wie respektvoll sich Passanten und andere Autofahrer gegenüber dem Lincoln verhalten – die meis­ten von ihnen sind wohl erst nach LBJs Ära geboren. Meine Enttäu­schung kann ich allerdings bei un­serer Rückkehr zur Automation Garage nicht verhehlen: "Wo ist denn nun der rote Teppich?"