Mercedes 300 GD: Restaurierung
Mercedes G-Klasse: Dem Abenteuer auf der Spur

Nach der Restaurierung des Mercedes 300 GD erforschen die Kollegen Lars Busemann und Malte Büttner die Vergangenheit des seltenen Offroaders.
Bild: Erwin Fleischmann / AUTO BILD
Eine Flasche mit Mineralwasser aus Island unter dem Beifahrersitz weckte endgültig die Neugier. Sie war nur eines von vielen Indizien dafür, dass der Expeditionscamper, den ich Anfang 2023 bei einem holländischen Händler aufstöberte, eine spannende Vergangenheit hat. Kaum verwunderlich, so ein Fahrzeug baut sich keiner auf, um da mit nur an die Nordsee zu fahren. Doch am Anfang stand die aufwendige Restaurierung, die mit zahlreichen Rostherden mindestens genauso spannend war. Seit der Fertigstellung glänzt er wieder im unschuldigen Classic-Weiß (Code 737). Jetzt machen wir uns an die weißen Flecken der Historie. Bei Mercedes-Benz Classic ist man sehr bemüht, weiß aber nur, dass der 300 GD seinerzeit über die Mercedes-Niederlassung München ausgeliefert wurde. Als geschlossener Kasten und mit langem Radstand.
Auf Spurensuche
Der Händler in den Niederlanden, wo der G zuletzt lief, kommt zunächst nicht mit Infos über die Vorbesitzer rüber. Zum Glück aber findet sich im Handschuhfach ein alter, entwerteter deutscher Fahrzeugbrief. Über den finde ich Petra Pöpel-Gajeck aus Sinzing bei Regensburg. Die Witwe des zweiten Besitzers, der leider 2011 verstarb. Sie verspricht nachzudenken und zu forschen – und siehe da, nach ein paar Wochen ruft sie an. Etwas unsicher berichtet sie von einer Eingebung kurz vor dem Einschlafen.
"Halten Sie mich nicht für verrückt, aber ich glaube, mein Mann sagte, eine Firma Schneider in München hat den Wagen umgebaut", erklärt sie zu Unrecht verlegen. Fünf Minuten später habe ich Thomas Schneider in der Leitung. Er besitzt einen Karosseriebetrieb sowie ein paar Autohäuser im Münchener Stadtteil Ismaning und ist zunächst skeptisch. "Den gibt's nicht mehr", ist er sich sicher. Nachdem ich ein paar Testfragen zum Fahrzeug zu seiner Zufriedenheit beantworten kann, taut der Bayer auf und erzählt: "Den habe 1984 ich als junger Karosseriebaumeister für meine Eltern gebaut!" Bingo!

Meisterwerk: Als junger Karosseriebaumeister baute Thomas Schneider aus Ismaning den 300 GD für seine Eltern zum Expeditionscamper um.
Bild: Erwin Fleischmann / AUTO BILD
Wieder ein paar Wochen später führt die Jungfernfahrt, der frische Lack ist kaum trocken, Kollege Lars Busemann und mich direkt zur Firma Schneider. Man merkt schnell, dass der G das Reisen gewohnt ist. Trotz längerer Pause wummert er entspannt mit Tempo 100 im fünften Gang vor sich hin. Abgesehen vom Beifahrerfenster, dass sich partout nicht schließen lassen will und auf einem Parkplatz repariert werden muss, verläuft die Reise perfekt. Der Benz schnurrt überraschend leise, verlangt auch an größeren Steigungen höchstens nach dem vierten Gang und gibt sich über die ganze Distanz mit einem Schnitt von 13,5 Liter Diesel zufrieden. Nicht wenig, angesichts der enormen Höhe und des Leergewichts von gut 2,7 Tonnen aber ein fairer Wert.
Thomas Schneider ist mittlerweile Landesinnungsmeister und hat bei unserem Treffen nur noch Augen für den Benz. Am meisten interessieren ihn die Detaillösungen, die er zu Beginn seiner Laufbahn ersann. Und wie er die gut 20 Zentimeter Überhangsverlängerung damals umsetzte. Nachdem wir ihn wieder unter dem Wagen herausgezogen bekommen, erinnert er sich: "Meine Eltern sind gerne weit gereist. Dafür haben wir den Mercedes 1984 bestellt." Ihn selbst hat das Fahrzeug eher kaltgelassen. Zu langsam, und Camping sei auch nicht sein Ding.

"Den Innenausbau haben wir an eine andere Firma weggegeben", erinnert sich Thomas Schneider.
Bild: Erwin Fleischmann / AUTO BILD
Emotionales Wiedersehen
Wir fahren um ein paar Ecken und stehen vor dem Haus seiner Mutter Ingrid. Als wir rückwärts in die Einfahrt setzen, steht die 90-Jährige mit Tränen in den Augen vor der Tür. "Der G! Mei, is der schee!" Vorsichtig erkundet die alte Dame den Wagen, und es wird sofort klar: Sie hat viel Zeit mit ihm verbracht. Die kleine Stufe, die vor dem hinteren Radlauf eingesteckt wird, die Außendusche im Heck, der Kompass auf dem Armaturenbrett, der immer schon dabei war, sie kennt jedes Detail. Nur als der Fotograf sie fürs Foto auf den Fahrersitz bittet, lehnt sie entschieden ab. "Da hab ich noch nie gesessen. Den hat immer mein Mann gefahren!"

Wiedersehen: Ingrid Schneider reiste mit ihrem Mann Johann im G quer durch die Welt. Das Wiedersehen nach 30 Jahren wird für die 90-Jährige entsprechend emotional.
Bild: Erwin Fleischmann / AUTO BILD
Im Haus bekommen wir eine Ahnung, was dieses Ehepaar alles erlebt hat. Als beträte man ein Museum, stoßen wir überall auf Karten, Fotos und Andenken an ferne Reisen. Der G folgte auf einen Toyota Land Cruiser und brachte das Paar unter anderem quer durch Russland, Afrika und unzählige weitere Länder. Mehrere Male auch nach Island. Mindestens einmal ging der Motor kaputt, als er bei einer Flussdurchfahrt einen Wasserschlag erlitt. Vielleicht auch öfter, so genau weiß Ingrid Schneider das nicht.
Größere Probleme gab es nie, erinnert sie sich, wobei ihr mittlerweile verstorbener Mann Johann das notwendige technische Geschick für solche Reisen mitbrachte. Doch mit zunehmendem Alter wurde der Mercedes mit seinem engen Innenraum und dem Hochbett den beiden zu unkomfortabel, und sie wechselten 1995 auf einen Iveco Daily mit Allrad. Zu dem Zeitpunkt hatte der Mercedes rund 700 000 Kilometer hinter sich und war noch völlig fit. Eine Chance, auf die Manfred Pöpel aus Sinzing nur gewartet hat. Mit dem Expeditionsmobil verwirklicht er sich den Traum vom Abenteuer. Gemeinsam mit der Familie startet er auf ausgedehnte Reisen quer durch Europa.
Das Leben danach
Nach zwölf Jahren landet der Wagen 2007 bei einem holländischen Händler, bei dem Marieke van der Schaar und Jaap van Suchtelen auf ihn aufmerksam werden. Das reisebegeisterte Paar schlägt zu, lackiert ihn braun und fährt nach Südeuropa, auf die Färöer-Inseln und mehrfach nach Island. Hauptsache allein und in der Natur. Der G macht alles klaglos mit. Doch irgendwann, nach vielleicht 1,5 Millionen Kilometern, so genau weiß man das nicht, nagt auch an ihm der Zahn der Zeit: Rost! Ein kleiner Frontschaden beendet 2022 schließlich die Bindung. Jaap und Marieke trennen sich schweren Herzens, und so erscheine ich auf der Bildfläche.

Ein Dutzend Jahre machte der 300 GD bei Manfred Pöpel aus Sinzing Station, der mit dem Wagen vorzugsweise in Europa Touren unternahm. Das Äußere ließ er weitgehend unangetastet.
Bild: Erwin Fleischmann / AUTO BILD
Frisch überholt strotzt der G heute wieder vor Tatendrang, die 1600-Kilometer-Tour nach Süddeutschland ist für ihn nur eine Aufwärmübung. Nach der Winterpause steht die erste richtige Reise an. Sie ahnen es, es geht nach Island. Die Wasserflasche liegt noch unterm Sitz. Vielleicht ist ja noch Pfand drauf.
Fazit
Ein Camper wie der G ist nicht irgendein Auto. Er ist eine rollende Lebenseinstellung. Mit dem hohen Aufbau und dem gemütlichen Fünfzylinder ist jede Fahrt ein kleines Abenteuer. Durch die Vorbesitzer weiß ich jetzt, was er alles erlebt hat, und bin mir sicher, die Tradition mit viel Respekt und Spaß fortzusetzen. Oldtimer hin oder her, dieser Weltenbummler muss was erleben.
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