Mercedes 600 Pullman
Im Mercedes 600 von Bonn zum Bodensee: auf Tour in einer Machtzentrale

1963 wurde der Mercedes 600 zum Botschafter der Bundesrepublik. Prestigestark, aber protzfrei ist er auch 60 Jahre später noch ein Star auf dem internationalen Parkett. Anlässlich des Jubiläums reisen wir mit einem Pullman aus der alten Hauptstadt Bonn zum Bodensee.
Bild: Sven Krieger / AUTO BILD
Bei Kanzlers wohnte man bescheiden. Der Pool im Innenhof des Bonner Bungalows – für Helmut Kohl, der hier bis 1999 residierte (und das Bauwerk hasste), war er kaum mehr als eine Badewanne. Auch die Teeküche, die Loki Schmidt Mitte der Siebziger zwischen Privat- und Repräsentationsräumen einbauen ließ, wirkt nicht viel größer als das Barfach des Mercedes 600, mit dem wir draußen vorgefahren sind.
Die alte Bundesrepublik vermied Verschwendung, auch bei Autos. Statt auf Steuerzahlers Kosten teure Staatskarossen anzuschaffen, lieh sich das Kanzleramt die Wagen inklusive Fahrer bei Mercedes aus. 1965 etwa, als die Queen zu Besuch kam und mit Kurt Georg Kiesinger, damals noch baden-württembergischer Ministerpräsident, durch Stuttgart tourte, während ihr Gemahl Prinz Philip hinterdrein rollte und beim Anblick der Prachtbauten am Schlossplatz taktlos fragte: "Ist das eigentlich schon alles bezahlt?"

Der Chauffeur kauert beengt vor der Trennscheibe, hat aber Spaß bei der Arbeit.
Bild: Sven Krieger / AUTO BILD
Der Kanzlerbungalow, der nach Voranmeldung im Haus der Geschichte besichtigt werden kann, kostete 1963 zwei Millionen Mark. Hätte Adenauer damals noch das Sagen gehabt, wäre Architekt Franz Joseph "Sep" Ruf allerdings leer ausgegangen und zehn Jahre ins Zuchthaus gewandert. Auch die Vorfahrt zum einen Steinwurf weit entfernten Palais Schaumburg missfiel dem "Alten", weil ihn das nachträglich hinzugefügte Dach an eine Tankstelle erinnerte.
Mercedes 20-mal so teuer wie ein Käfer
Viele Zapfsäulen lernt kennen, wer 600 fährt. 20 Liter schlürft die sechstürige Limousine auf 100 Kilometer aus dem Tank. Aber das wird kaum einen Käufer geschmerzt haben, schließlich verfügten nicht wenige von ihnen über eigene Ölquellen. Für die norddeutsche Gräfin und den Gründer einer Privatklinik, die unseren Fotowagen 1978 orderten, galt das zwar nicht. Dennoch dürfte das Paar die Spritrechnungen aus der Portokasse bezahlt haben. Der Adel ist in der Bonner Republik noch nicht verarmt, und auch die Ärzteschaft geht noch am Äskulap- und nicht am Bettelstab.

Das Personal muss seine Notsitze von Hand aufrichten, die Rückbank ist hydraulisch verstellbar.
Bild: Angelika Emmerling / AUTO BILD
171.920 Mark kostet der lange 600er damals, 20-mal so viel wie ein Käfer, der noch als Neuwagen im Schauraum steht, als Udo Jürgens (ebenfalls 600-Eigner) "Buenos Dias Argentina" singt und sich die deutsche Fußballnationalmannschaft in Córdoba gegen Österreich blamiert.
Als Mercedes im September 1963 auf der IAA in Frankfurt erstmals den 600 zeigt, ist die Konkurrenz blamiert, und zwar so richtig. Ausgestattet mit dem Freibrief des Vorstands, ohne Rücksicht auf Verluste eine "Repräsentationslimousine internationalen Zuschnitts" zu entwickeln, hatten die Daimler-Ingenieure alles eingebaut, was gut und teuer war.
Vom 600er sind nur 2677 Exemplare entstanden
Zu teuer am Ende. Kommerziell war der 600er ein Flop. 3000 Stück sollten pro Jahr entstehen. Doch es wurden nur 2677 – in 17 Jahren. 429 davon lieferten die Stuttgarter als lange "Pullmänner" aus, benannt nach George Mortimer Pullman, der im 19. Jahrhundert luxuriöse Schlafabteile für die Eisenbahn entworfen hatte.
An der Rheinfähre in Bad Godesberg, mit der schon Adenauer übersetzte, wenn er vom Büro nach Hause fuhr, fragen wir sicherheitshalber, ob wir draufdürfen. Der Pullman war dafür gebaut, auf Prachtstraßen zu paradieren und vor Palästen vorzufahren. Der schnöde Alltag wird ihm schnell zu eng.

Die Fähre von Niederdollendorf nach Bad Godesberg nutzte Adenauer für die tägliche Fahrt ins Büro.
Bild: Sven Krieger / AUTO BILD
Seine 6,24 Meter sind zwar gut zu überblicken, sofern im Fond nicht gerade die Gardinen zugezogen sind; jeder Sprinter-Fahrer hat es beim Rangieren schwerer. Ein Risiko birgt allerdings der Radstand: 3,90 Meter verlangen nach großen Kurvenradien und mahnen an Rampen trotz der Möglichkeit, das Druckluftfahrwerk ein paar Zentimeter hochzupumpen, zur Vorsicht. Der Fährmann reckt jedoch den Daumen, also rollen wir an Bord.
Hinter Bad Honnef weiten sich die Straßen, der Verkehr wird ruhiger. Majestätisch wie der Fluss strömt der 600er rheinaufwärts. Leise untermalt der Achtzylinder-Generalbass das Zischeln des Fahrtwinds. 250 PS fließen zur Hinterachse, und auch wenn sich viele davon im verzweigten Geflecht von 800 Meter (ja, Sie lesen richtig!) Hydraulikleitungen vergaloppieren, reicht die Kraft, um mit dem Drei-Tonnen-Dampfer auch 60 Jahre nach seinem Debüt das Meer des fahrenden Volks zu teilen.
Das Deutsche Eck in Koblenz, die Loreley, Bacharach – rasch sind wir im lieblichen Rheingau, über den Heinrich von Kleist sagte, an seiner Landschaft habe "unser großer Gärtner sichtbar con amore gearbeitet". Auch vom 600er lässt sich das behaupten: Sein Design wirkt repräsentativ, aber nicht protzig. Nach übereinstimmender Kennermeinung ist er der einzige Mercedes, der Radlaufchrom mit Würde tragen kann.

Die beliebte Ferienroute führt über den Kamm des Hochschwarzwalds von Baden-Baden Richtung Freudenstadt. So wenig Betrieb wie auf diesem Bild ist hier selten.
Bild: Sven Krieger / AUTO BILD
Die Liebe zum Detail, sie dringt aus allen Fugen. Obwohl das Armaturenbrett aus einer Unzahl von Einzelteilen zusammengeschraubt ist – hier ein Chromsteg, dort ein Leistchen aus poliertem Makassar-Ebenholz –, wirkt es wie aus einem Block gefräst. Nichts klappert, nichts zirpt. Ein Auto für die Ewigkeit.
Die Straße durch die Weinberge hinauf zum Schloss Johannisberg ist steil und kurvig. Eine Herausforderung für den Chauffeur – nicht dass sein Fahrgast schon beschwipst dort oben ankommt. Ich gebe mir größte Mühe, könnte ja sein, mein Großvater schaut aus dem Himmel zu. Der hat das früher mal beruflich gemacht, seine Uniformmütze mit Mercedes-Anstecknadel hat er mir vererbt. Immerhin: Da das Luftfederfahrwerk nicht schaukelt, sondern Schwanken diskret unterbindet, muss ich nicht trödeln wie der Bote des Fuldaer Fürstabts, dessen Säumigkeit beim Überbringen der Ernteerlaubnis hier 1775 zur Entstehung der Spätlese führte.
Das Classic Center kümmert sich um die Pflege
In den Kellern der Rheingauer Rieslingschlösser lagern nach wie vor edle Tropfen. Längst leer dagegen ist das Große Fass in Heidelberg. Über eine lange Leitung ließ sich Kurfürst Karl IV. vor 300 Jahren seinen Rebensaft hinauf in den Bankettsaal pumpen. Der Bottich soll zwar undicht gewesen sein. Viel ausgelaufen sein wird trotzdem nicht, dafür sorgte schon Perkeo, des Regenten zwergwüchsiger Mundschenk. Der Legende nach soff er täglich 20 Liter Wein – und starb erst, als ihm sein Arzt Wasser verordnete.
Beim 600 kümmern sich heute das herstellereigene Classic Center und eine Handvoll spezialisierte Fachbetriebe darum, dass die Hydraulik, die vom Öffnen und Schließen des Kofferraumdeckels (Vorsicht, Fingerguillotine!) über das Rauf- und Runterfahren von Fenstern und Trennscheibe bis zur Verstellung der sofaweichen Rückbank sämtliche Komfortfunktionen steuert, ordnungsgemäß arbeitet. Hobbyschrauber sind mit dem komplexen Oldtimer überfordert. "Schon wer das Klimagerät öffnet, denkt, er sei versehentlich an die Steuerung eines Atomkraftwerks geraten", sagt ein 600-Fachmann.

Weltliche Versuchungen, denen Kirchenführer 1414 bei der Tagung begegneten, symbolisiert die Imperia-Statue am Hafeneingang.
Bild: Sven Krieger / AUTO BILD
Auch wenn sie zuweilen weniger aus Fahren denn aus Warten besteht (nicht des Autos, sondern auf die hochgestellten Passagiere): Die Rolle des Chauffeurs – sie liegt mir. Großvater wäre stolz. 1968 kutschierte er die Stieftochter unseres Grafen im 6,3-Liter-Mercedes zur Hochzeit mit dem Hohenzollernprinzen Ferfried aufs Schloss Sigmaringen. Ehrensache, dass ich seine Mütze trage, als wir von Baden-Baden aus die Schwarzwaldhöhe erklimmen.
In den von hohen Weißtannen gesäumten Serpentinen scheint der 600er zu schrumpfen. Seine Größe gerät in Vergessenheit, was dazu führt, dass Fahrgast Wolfgang über die Gegensprechanlage zur Mäßigung mahnt und auch der Branntwein aus der Minibar in seiner Bleikristallkaraffe schweren Seegang entwickelt.
Der Sommer bleibt im Tal zurück, die Schwarzwaldhochstraße hüllt sich in Nebel, die Tannenkronen verlieren sich im trüben Nichts. Novemberstimmung im August. Kein gastlicher Ort. Die Bühlerhöhe, Rückzugsort der Reichen auf dem 770 Meter hohen Kohlbergfelsen, ist seit Jahren geschlossen, somit gibt es nicht mal ein Luxushotel, um standesgemäß vorzufahren. Orientieren wir uns also Richtung Bodensee.
Das "Schwäbische Meer" verheißt südliches Flair und freundlicheres Klima. Doch als ich am Jachtclub in Konstanz die Wagenschläge öffne, nieselt es. Die "MS Schwaben" gleitet mit ihrem schlanken Bug gerade lautlos in den Hafen. Rentner in bunten Windjacken verharren staunend. Sie spitzen die Lippen und formen ehrfürchtig das Wort "sechshundert". Sie kennen ihn noch, den großen Mercedes. Wahrscheinlich von den Fernsehbildern aus der Bonner Republik.
Technische Daten und Preis: Mercedes 600
- Motor V8 (M100), vorn längs, eine oben liegende Nockenwelle pro Zylinderbank, über Kette angetrieben, zwei Ventile pro Zylinder, mechanische Benzineinspritzung (Bosch-Acht-Stempel-Pumpe)
- Hubraum 6332 cm3, Bohrung x Hub 103,0 x 95,0 mm
- Leistung 184 kW (250 PS) bei 4000/min
- max. Drehmoment 500 Nm bei 2500/min
- Höchstgeschwindigkeit 200 km/h
- Antrieb Vierstufenautomatik mit hydraulischer Kupplung, Hinterrad
- Fahrwerk vorn Einzelradaufhängung an Doppelquerlenkern, hinten Eingelenk-Pendelachse mit Niveauregulierung, rundum Luftkammer-Federbälge, Gummi-Zusatzfedern und hydraulische Teleskopstoßdämpfer (zweifach verstellbar)
- Bremsen v./h. Scheiben
- Reifen 9.00 H15 Supersport
- Verbrauch 17,8 l/100 km
- Tank 112 l
- Leergewicht 2710 kg
- Neupreis (4/1978) 171.920 Mark
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