Jens Körner hat den Autoverkehr mehrerer Kontinente wortwörtlich in der Hand. Ob Brasilien, Schweden oder die USA: Überall sorgt er dafür, dass neue Pkw am Straßenrand parken, Fahrzeuge mit Blessuren ausgetauscht werden und andere Fahrzeuge wiederum Dellen und Rost erhalten. Für mehr als 11.000 Autos zeichnet Körner verantwortlich – an sich eine kaum noch überschaubare Anzahl.
Doch die Automobilwelt, um die er sich kümmert, ist etwas kleiner als unsere. 87-fach kleiner, um genau zu sein. Körner arbeitet als Modellbauer, Zeichner und kreativer Mitarbeiter im Miniatur Wunderland, der größten Modelleisenbahnanlage der Welt.
Alles im Blick: Von der Copacabana bis nach Ligurien – Modellbauer Jens Körner haucht dem Straßenverkehr im Miniatur Wunderland Leben ein.
Bild: Michael Nehrmann/AUTO BILD
Wenn über der winzigen Welt in der Hamburger Speicherstadt das Licht angeht, dann ist kein Auto mehr vor ihm sicher. Der Straßenverkehr im Miniatur Wunderland ist im stetigen Wandel. "Das Straßenbild hier soll ganz authentisch sein, wie im echten Leben", erklärt der Modellbauer. Deswegen pinselt er für die engen Straßen der Favelas in Rio de Janeiro Rost auf winzige Käfer-Modelle und versieht eckige Volvo-Kombis fürs winterliche Schweden mit feinstem Glasstaub als Schneeimitat.
Bereits seit 22 Jahren arbeitet Körner im Miniatur Wunderland und gehört damit praktisch schon zum Inventar. Sein Arbeitsplatz ist gespickt mit Modellen – das Regalbrett über seinem Schreibtisch gleicht einem Miniatur-Parkhaus. Doch der "Auto-Heini", wie er sich selbst nennt, war er nicht von Anfang an. Seine Laufbahn begann zunächst in der Anlagensteuerung, das Auto-Thema schnappte er sich um 2007, als der Anlagenabschnitt mit dem Flughafen Knuffingen gerade im Bau war.

Modellbauer aus Leidenschaft

"Ich hab's mir sozusagen von meinem Vorgänger gegriffen. Das Thema muss man mögen, das ist sehr kleinteilig", sagt Körner. Er mag es nicht nur, sondern liebt es geradezu: Modellbau ist bereits seit seiner Kindheit ein wichtiger Lebensinhalt für den gebürtigen Hamburger. Er baute über die Jahrzehnte Hunderte Flugzeuge in 1:44 und Feuerwehrfahrzeuge in 1:87 um. "Mein Fokus ist die Feuerwehr Hamburg. Da gibt es aber nicht alles direkt ab Werk, also musste ich viele Modelle umbauen und supern."
Kreativ: Mit vielen der rund 11.000 Autos auf der Anlage erzählt das Miniatur Wunderland kleine Geschichten.
Bild: Michael Nehrmann/AUTO BILD
Sein Talent kann er jetzt tagtäglich bei der Arbeit einsetzen. Modelle aus der Verpackung direkt auf die Anlage zu stellen, genügt nämlich oft nicht. Körner schnappt sich dann Pinsel und Farbe und altert die Modelle. Mit schwarzer Farbe betont er Konturen, mit Orange-Braun bringt er an älteren Vorbildern Radläufe und Schweller zum Rosten. "Im Modellbau sind viele Dogmatiker unterwegs. Jeder hat die eine Methode, wie etwas am besten geht. Am Ende hat halt jeder seinen eigenen Stil, die eine richtige Methode gibt es nicht", erklärt Körner, während er mit einer Engelsruhe orange-braune Farbe an die Türkanten eines VW T2 pinselt.

Neue Modelle werden selbst gezeichnet und gedruckt

Mittlerweile gehören zu seinem Job aber nicht mehr nur Pinsel und Farben, sondern vermehrt auch der Rechner einen Arbeitsplatz weiter. Hier erstellt Körner mit der Software "Rhino" 3D-Modelle von Fahrzeugen, die es im Maßstab 1:87 noch nicht gibt. "Wir zeichnen die Modelle selbst und drucken sie dann in Kunstharz", sagt er. Der Fokus liegt hier aber vor allem auf aktuellen Fahrzeugen, vornehmlich mit Elektroantrieb, erklärt er und fügt an: "Das Straßenbild ändert sich aktuell stark, und das möchten wir natürlich abbilden."
Modellbau: Autos in 1:87 messen in der Länge oft nur vier bis fünf Zentimeter. Da sind ruhige Hände und ein gutes Auge essenziell.
Bild: Michael Nehrmann/AUTO BILD
Bereits 2013 unterzog Körner das Miniatur Wunderland einer vollumfänglichen Autokur und tauschte rund 2000 Fahrzeuge gegen aktuellere Baujahre aus. Das nächste große Update läuft aktuell – inklusive Ladesäulen und der Formel E in Monaco. Doch Körner beruhigt Klassik-Fans: "Oldtimer gehören genauso zum Straßenbild und bleiben auch künftig erhalten."
Wer also die Augen offen hält, wird weiterhin zahlreiche Klassiker auf der fast 1700 Quadratmeter großen Anlage entdecken: zum Beispiel am Flughafen Knuffingen einen kofferüberladenen rosa VW Käfer, an der Copacabana einen VW T1 mit Flammendekor und Surfbrett und in der Provence einen Citroën CX, der sich seinen Weg durch das Lavendelmeer bahnt. Und wer Glück hat, wird Jens Körner entdecken, wie er gerade ein paar neue Autos in seine kleine große Welt setzt.