Der Kadett D, der 1979 startete, war der erste Wagen der Opel-Historie mit Frontantrieb. Lange sträubten sie sich in Rüsselsheim gegen den Trend, aber dann wurde abgeliefert: Der klar und rechtwinklig designte D im kalten, nackten Polarweiß mit dem kleinstmöglichen Motor und der feinsten Ausstattung – solche Kombinationen waren 1980 mög­lich – stellt hier das beste Kom­pakt-Angebot. Das beinhaltet eine präzise Zahnstangen-Lenkung, reicht über die mit Abstand besten Beschleunigungs- und Bremswerte bis hin zum niedrigs­ten Verbrauch, der üppigen Bein­freiheit auf der Rückbank und dem großen Kofferraum mit der nied­rigen Ladekante. Eine reife Leis­tung – vor allem, weil beim Kadett D bis auf den Motor alles neu ist.
Vorn röhrt an der Basis der steinalte, jetzt quer montierte 1,2-Liter-OHV-Vierzylinder, konstruktiv ein Motor aus den frühen Sechzigern. 54 PS liefert die Nor­mal-Variante, schon ab 60 km/h ist der 4. Gang drin. Nach oben wird es dank kurzer, Drehmoment vorgaukelnder Übersetzung jetzt nur noch lauter, 140 km/h Spitze sind dennoch drin. Fünf Gänge bleiben ein stiller Wunsch, dafür rasten die vorhandenen vier genau und auf kurzen Wegen ein. Außer dem stumpfen Gefühl beim Brem­sen gibt es tatsächlich nicht viel zu beanstanden.
Opel Kadett D
Mit dem Kadett D stellte Opel auch ein modernes OHC-Triebwerk vor, aber ganz unten an der Basis arbeitet die schon aus dem Kadett B bekannte OHV-"Nähmaschine" mit 54 PS und 1,2 Liter Hubraum.
Bild: Christian Bittmann / AUTO BILD
Die Berlina-Ausstattung bringt etwas Glanz in den nüchternen, blind zu bedienenden Innenraum. Rutschfestes, viel Halt lieferndes Velours auf den dünnen Sitzen ge­hört dazu, Schaltknauf und Lenk­rad sehen aus und fassen sich an wie Hartlakritz. Ein Golf mag sprit­ziger, ein Ritmo individueller wir­ken, Escort, Horizon und 323 kön­nen günstiger sein, aber am Ende behält die Werbung von damals recht: "Der Kadett. Er hat, was vie­le gerne hätten." Er hat Klasse!

Plus/Minus

Für Opel bedeutete der Kadett D eine technische Revolution, erst­mals entwickelte Rüsselsheim einen Fronttriebler mit Quermotor. Der viel gerühmten Zuverlässigkeit tat das keinen Abbruch, und die Kundschaft griff zu: Rund 2,1 Millio­nen Stück rollten zwischen 1979 und Sommer 1984 in Bochum und bei Vauxhall in Ellesmere Port/Eng­land vom Band. Dass ein betont nüchtern gestylter und zumeist auch konfigurierter Kadett D puren Pragmatismus aus­strahlt, steht der großen Klassiker-Karriere noch im Weg – Kadett B und C rühren das Herz eher an.
Opel Kadett D
Vier Gänge müssen beim Einstiegs-Motor im Kadett D reichen.
Bild: Christian Bittmann / AUTO BILD
Außerdem zeigt sich die Karosse­rievielfalt beim D stark eingegrenzt. Es gibt ihn als Schrägheck mit zwei und vier Türen sowie kleiner Kofferraum- oder großer Heckklappe oder als Kombi mit zwei und vier Türen. Fertig. Vielfalt kommt nur über einen Wust an Motor- und Ausstattungsvarianten zustande. An der Basis arbeitet der alte 1,2-Liter-ohv-Motor mit 53 und als S-Version mit 60 PS, einfach und unverwüstlich. Die neuen 1,3-Liter-Querstrom-ohc-Triebwerke mit Zahnriemenantrieb (Wechsel alle vier Jahre, bzw. 60.000 km) krank­ten anfangs an unzureichend ge­härteten Nockenwellen, aber weil diese Schäden auf Kulanz geregelt wurden, dürften rund 40 Jahre später alle Nockenwellen getauscht worden sein.
Heute bereiten eher die GM-eigenen Varajet-Vergaser Sorgen, was in einem mangelhaften Motorlauf resultiert. Auch ein Kadett D rostet, aber nicht mehr als andere Autos seiner Zeit. Viele Blechteile sind gebraucht oder auch neu zu bekommen, die vorde­ren Domlager stellen da eine Ausnahme dar – Ersatz aus dem Zu­behör passt meist nicht. Türverklei­dungen für GTE und GLS sowie Recaro-Sitze für die Sportversionen SR und GTE sind gesucht, gleiches gilt für mattschwarze Anbauteile. Aber selbst wer sich für den Kauf des Topmodells entscheidet, wird dabei nicht arm.

Marktlage

Der Markt ist klein, aber ent­spannt, weil der Technologieträger Kadett D in der Alt-Opel-Szene immer noch wenig begehrt ist. Das Schicksal teilt er mit dem frontgetriebenen Ascona C. Einzige Ausnahme: der hei­ße GT/E, der einzige seltene und teure Vertreter der Bau­reihe. Auch der praktische Caravan macht sich längst rar, notiert aber etwas höher als die Schrägheck-Limou­sine. Vierstellige Preise sind die Regel, Ausstattung und Leistung kosten Auf­preis. Immerhin, die Kurse für den lange unterschätzten D zeigen nach oben.
Opel Kadett D
Hinter den Kunststoff-"Käseecken" an der C-Säule verbirgt sich die Zwangsentlüftung.
Bild: Christian Bittmann / AUTO BILD

Ersatzteile

Wirklich eng wird es erst, wenn für die rote Berlina-Innenausstat­tung ein paar passende Türpappen oder für den GTE (den einzigen Ein­spritzer der Baureihe) Tank und Tankgeber gesucht werden. Die üblichen Verschleißteile und selbst neue Karosserieteile sind gut ver­fügbar. Eine NOS-Heckklappe kos­tet bei Matz Autoteile 390 Euro, eine Tür 256 und eine Benzinpumpe 72 Euro. Ein Radlaufreparatur- blech hinten kostet 46 Euro, ein Rad­bremszylinder 20 und ein neuer Kotflügel 250 Euro (Quelle: OTR Old­timerteile). Alles andere findet sich irgendwie im Internet.