"Er ließ sich nicht dazu bewegen, einen Porsche zu verpacken", erzählt René Staud über den Künstler Christo (1935–2020). Staud, Jahrgang 1951 und einer der bekanntesten Auto-Fotografen der Welt, verbrachte mit Christo und Jeanne-Claude in New York "viel Zeit", erzählt er im Gespräch mit AUTO BILD.
Im New Yorker Central Park errichteten Christo und seine Muse Jeanne-Claude das Kunstwerk "The Gates" mit 7503 verhüllten Metalltoren. Maybach als Sponsor stellte den Künstlern einen Wagen mit Chauffeur zur Verfügung, aber – sagt Staud bedauernd – "er hat das nicht genossen. Er hatte keinen Bezug zu Autos."

Fotograf Staud kannte das Vorbild von Christo nicht

Vielleicht haben sie nur nicht genug darüber gesprochen. Denn Christo hat mehrere Fahrzeuge durch Verhüllung buchstäblich in Kunstwerke eingebunden, nicht nur den berühmten VW Käfer (weiter unten berichten wir mehr). Das war René Staud nicht bewusst.

So verhüllte René Staud seinen eigenen Porsche 911

Egal, er wollte einen verhüllten Porsche, also verhüllte er selbst einen. Seinen eigenen. Er hatte schon 1982 einen Porsche 911 SC als Neuwagen gekauft. Den hatte er 2013 immer noch. Damit ging er ans Werk.
Grobes Sackleinen kam für ihn nicht infrage, er wollte, dass es glänzt. Im ersten Versuch nahm er Alu-Folie. Aber: "Das sieht aus wie so 'n Wurstbrot."
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Dann war René Staud beim Druckmaschinenhersteller Koenig & Bauer in Offenbach. "Die verarbeiten Silberfolie bei der Druckveredelung von Verpackungen, Azetatfolien mit Silberpigmentfarbe beschichtet. 2000 Meter lange Rollen verarbeitet die Druckmaschine – da blieben immer Reste von zehn, 20 Meter übrig. Ich fragte: Warum werft ihr die weg? 30, 40 solche Rollen davon habe ich eingepackt."
Der optische Effekt mit den Druckfolien war viel schöner, die Folie fällt weich, etwa wie textiler Stoff. Nach einem Dreivierteltag war das Auto verhüllt – ohne Schnüre, hier und da kam nur ein bisschen Sprühkleber zum Einsatz.
Porsche 911 in Silberfolie im Fotostudio, Räder noch nicht verhüllt
Nach einem Versuch mit Alu-Folie ("sieht aus wie so 'n Wurstbrot") wickelte René Staud spezielle Silberfolie um seinen Porsche 911 SC Baujahr 1982.
Bild: René Staud
Akribisch geplant war der Prozess des Verhüllens nicht, es war eher Action aus dem Stand: "Mein ganzes Leben besteht aus Action. Ich gehe ins Studio und fange an, ich bin sehr aktionistisch."

Porsche-Verpackungsaktion: "eine Riesenschweinerei"

Einen Haken hatte die Sache mit der Folie: "Eine Riesenschweinerei war das! Der Silberstaub löst sich ab. Kleider, Gesicht, Hände – alles war voll. Meine Frau hat einen Schlag bekommen. Die Waschmaschine war nachher voller Silberreste."
Nun wollte Staud nicht das Auto in Ausstellungen präsentieren, geschweige denn verkaufen, sondern als Fotograf kam es ihm auf das Foto an, das er davon macht.
Porsche 911 in Silberfolie im Fotostudio, ein Mann liegt neben dem Auto und arbeitet daran, eine Frau sitzt daneben auf dem Boden
Dann wurden Räder und Außenspiegel einzeln eingeschlagen. Zwei Mitarbeiter von René Staud bereiten Details fürs Foto vor.
Bild: René Staud

Warum der Trick mit der Windmaschine nicht klappte

"Der Gag an meinem Foto ist, dass der Hintergrund auch Silberfolie ist." An sechs oder sieben Stative hängte er je eine Rolle; dann baute er eine Windmaschine auf, damit die Folie sich bewegt. Denn bei einer langen Belichtungszeit wird der Hintergrund unscharf, den Effekt wollte er.
Aber: Er knipste die Windmaschine an, und als er an der Kamera war, hatte der Wind die zarte Folie schon runtergerissen. Selbst auf der niedrigsten Gebläsestufe funktionierte es nicht. Staud fand heraus: "Allein der natürliche Luftaustausch im Studio reichte schon aus, dass sie sich bewegen. Ein wunderschöner Effekt."
Porsche 911 in Silberfolie gehüllt, rötlicher Fabton, Hintergrund aus Silberfolie durch Bewegung verwischt
Dieses Foto ging durch Bücher und hängt in manch einer Stube von Auto-Enthusiasten: vorn der Porsche, dahinter die Silberfolie, die durch Bewegung einen vertikalen Wischeffekt erzeugt, alles rötlich beleuchtet.
Bild: René Staud
Der schwierigste Teil war laut Staud, herauszuarbeiten, wie unscharf der Hintergrund werden darf, um die bestmögliche Tiefenwirkung zu erzielen. Das rötliche Foto, das zunächst veröffentlicht wurde, wurde 1,5 Sekunden lang belichtet bei Blende 8 und 75 mm Brennweite. Im bläulichen Foto, das er uns gegeben hat, sieht der Hintergrund viel schärfer aus, ohne den vertikalen Wischeffekt des rötlichen Fotos.
René Staud in seinem Studio, er hält ein gerahmtes Foto vom verhüllten Porsche 911 mit dem rötlichen Licht, wie er es veröffentlicht hat.
René Staud in seinem Studio. Vorn das Foto mit dem rötlichen Licht, wie er es veröffentlicht hat. Über dem Porsche 911 im Hintergrund hängt eine "Magicflash"-Lichtwanne – 1983 konstruierte Staud so eine Wanne, um Autos in gleichmäßigem Licht zu fotografieren.
Bild: René Staud Studios
Wie zufrieden war er damals mit dem Foto – und wie zufrieden ist er heute damit? "Ganz ehrlich: Das ist wie mit den eigenen Kindern. Hinterher sind all die zeitweise gewesenen Unwegsamkeiten vergessen. Heute bin ich damit zufriedener, als ich damals spontan war."

Porsche-Foto macht Karriere

Das Foto nahm er mit einer Digitalkamera von Leaf auf, dem Modell AFi 75S: "Aufgebaut wie eine Mittelformatkamera, aber mit dem Chip einer Großformatkamera. Damals mussten Gerade mal 33 Megapixel reichen, denn ich möchte meine Fotos auf große Formate vergrößern können."
Zunächst hatte er das Foto vor allem für sich selbst gemacht. "Die erste Wertschätzung bekam dieses Bild, als Edwin Baaske vom Buchverlag Delius Klasing bei mir anrief – ob ich ein Bild für das Buch Porsche Love hätte. Seitdem ist das Bild überall, habe es zigmal verkauft."

Nun wurde das Bild in Pebble Beach gezeigt

Mitte August 2025 war René Staud in Kalifornien beim Oldtimer-Schönheitswettbewerb Pebble Beach Concours d'Elegance bei San Francisco. Der Veranstalter hatte ihn eingeladen, er darf dort Fotos ausstellen und Bücher verkaufen.
Also hat Staud wenige Lieblingsfotos im Format 60 mal 80 Zentimeter ("für meine Verhältnisse relativ klein") auf Alu-Platten als Zwölf-Farb-Druck produzieren lassen und im Handgepäck mitgenommen. Die würde er auch verkaufen, sagte er uns vorher, "aber wegen des aufwändigen Produktionsverfahren beim Druck auf Alu-Platten wäre das für die Größe relativ teuer, über 3000 Dollar rufe ich auf. Wenn Interessenten es richtig groß wollen, zahlen Sie in Galerien auch schon mal 10.000, dann ist das Preis-Leistungs-Verhältnis wieder in Ordnung."

Staud verhüllt zwei weitere Porsche

Sein Porsche 911 SC blieb nicht Stauds einziger verhüllter Porsche: "2018 habe ich das gleiche Motiv auf der Photo Fair Shanghai im Auftrag von Porsche nachgestellt, in Blau. Aber nicht ganz so perfekt. Jetzt mach ich wieder im November 2025 in Dubai so eine Art Performance – mit welchem Auto, weiß ich noch nicht, die Veranstalter von Porsche werden mir sicher ein tolles Auto hinstellen."
Mit Silberfolie im Handgepäck wird er nicht anreisen müssen: "Die besorge ich mir in Dubai, Koenig & Bauer exportiert seine Druckmaschinen in alle Welt, da gibt es sicherlich genügend Restrollen auch vor Ort. Dieses Mal arbeite ich aber mit Maleranzug und Handschuhen!"

Warum Christo zweimal einen Käfer verhüllte

Christos Käfer, von dem René Staud nichts mitbekommen hatte, waren sogar zwei Käfer. Das Original entstand am 19. Februar 1963 auf dem verschneiten Hof der Galerie Schmela an der Hüttenstraße 104 in Düsseldorf. Über ihren Fotografen und Filmer Charles Wilp hatten Christo und Jeanne-Claude dessen Kollegen Claus Harden kennengelernt.
René Stauds Inspiration für das Porsche-Foto war der Verpackungskünstler Christo. Der verhüllte 1963 in Düsseldorf einen VW Käfer, den der Besitzer wieder auspacken ließ; 2013/14 schlug er noch einmal einen Käfer ein (Foto).
Bild: dpa/Picture-Alliance
Harden stellte Christo seinen VW Käfer Baujahr 1961 für eine Verhüllungsaktion zur Verfügung. Nachdem der verpackte Käfer ausgestellt war, wollte Harden sein Auto zurückhaben. Und bekam es. Viele Jahre später bekannte Harden reumütig: Dass er verlangte, Christos Verpackung wieder abzunehmen, sei eine der schlechtesten Entscheidungen seines Lebens gewesen.
2013 kehrte Christo nach Düsseldorf zurück, um im Kunstmuseum K20 einen Vortrag zu halten. "Da er sich an das Wrapped Car (Volkswagen) erinnerte und dessen Verlust bedauerte, beschloss er, das Originalkunstwerk nachzubilden", schreibt das Team von Christo und Jeanne-Claude.
Also kauften sie einen mintgrünen VW Käfer von 1961 – das gleiche Modell, das die beiden mehr als 50 Jahre zuvor verpackt hatten. 2014 verhüllte Christo das Auto und schuf so das Kunstwerk "Wrapped Volkswagen Beetle Saloon, 1963–2014".
Mit Pappe, Tuch und Faden arbeitete Christo 2013 am Käfer-Projekt
Christo arbeitete 2013 nicht nur am echten Käfer: Er stellte auch eine Variante als Wandbild her. Dafür verhüllte er eine zweidimensionale Ansicht des Käfers mit Stoff, transparentem Polyethylen und Garn, ...
Bild: privat
Kunstwerk, Collage als Wandbild von Christo mit VW Käfer
... ergänzte es mit Filz- und Bleistift, dann wurden 250 Exemplare von dem 56,5 x 72 cm großen Wandbild hergestellt, nummeriert, von Christo signiert und verkauft.
Bild: Norbert Faehling/Christo

Christos unbekanntere verhüllte Fahrzeuge

Nicht die einzigen Fahrzeuge, die Christo verhüllte: Schon zwei Jahre von dem Käfer, 1961, hatte er einen Renault 4CV ("Cremeschnittchen") verpackt und ihn im Anti-Düsseldorf ausgestellt, in Köln.
1964 wickelte er Tuch und Stricke um eine Vespa. Eine Galerie bot den Roller 2021 für mindestens 1,5 Millionen Euro an.
Nach einer langen Zeit anderer Projekte schlug Christo 1990 einen Buckelvolvo ein, 1997 eine Harley-Davidson mit Beiwagen, und 2015 gab Christo auch ein Wandbild mit einem "Wrapped Studebaker" heraus.
Christo steht am verhüllten Buckelvolvo
Christo am 12. September 1990 vor seinem Buckelvolvo in der Art Gallery of New South Wales in Australien.
Bild: Will Burgess/Reuters
Aber das berühmteste Christo-Auto blieb der Käfer – und René Stauds Porsche ist auch mit keinem Modell so eng verwandt.