Renault Espace F1 (1994): Sitzprobe und Walkaround
Der verrückteste Renault aller Zeiten
Renault Espace F1
Wer kommt auf die Idee, einen biederen Familienvan mit einem Formel-1-Auto zu kreuzen? Die Franzosen! Das ist die Geschichte des legendären Renault Espace F1. Mit Video!
Bild: Jan Götze / AUTO BILD
Der V10 schreit! Auf dem Tacho stehen 292 km/h, als ich hart bremse, per Knopf runterschalte und einlenke. Am Kurvenausgang knalle ich bei über 14.000 Umdrehungen den nächsten Gang rein. Der Sieg ist zum Greifen nah, als mich meine Mutter zum Abendessen ruft. Ich pausiere das Rennen, mache den Fernseher aus und gehe essen.
Wir schreiben das Jahr 1999, und ich bin süchtig. Das Rennspiel "Gran Turismo 2" für die PlayStation ist gerade erschienen, und ich verbringe Tage und Nächte vor dem kleinen Röhrenfernseher. Sicherlich nicht die beste Beschäftigung für einen Achtjährigen, doch egal was meine Mutter auch probiert, sie bekommt mich nicht von der Konsole weg.
Alles begann mit "Gran Turismo"
Was weder sie noch ich damals wissen: "Gran Turismo" wird der Grundstein für meine Auto-Vernarrtheit. Neben der Renn-Action war es vor allem die unglaubliche Auto-Vielfalt, die mich fasziniert hat. In der europäischen Version des legendären Rennspiels gab es 621 Autos, darunter Modelle, von denen ich noch nie gehört hatte.

Nicht von dieser Welt: Auf die Idee, einen Van mit einem Formel-1-Wagen zu kreuzen, muss man erst mal kommen.
Bild: Jan Götze / AUTO BILD
Eines davon ist der Renault Espace F1 – ein Van mit über 800 PS, der im Spiel unter der "Spezial-Kategorie" gelistet ist und 2.000.000 Credits kostet. Bereits nach kürzester Zeit entwickelt sich der Espace F1 zu meinem Lieblingsauto bei Gran Turismo, das nur noch vom Suzuki Escudo Pikes Peak getoppt wird. Im Laufe der Zeit fahre ich virtuell Tausende Kilometer mit dem verrückten Renault. Und ich erinnere mich noch an die Enttäuschung, als ich herausfinde, dass der Espace F1 in Gran Turismo 3 nicht mehr dabei ist.
Der Renault Espace F1 existiert wirklich
27 Jahre später werden die Türen des Lkw geöffnet und geben den Blick frei auf den verrücktesten Renault aller Zeiten: den Espace F1. Es gibt ihn wirklich!
Als der Lkw-Fahrer die Rampe vorsichtig herunterlässt, sind die Erinnerungen wieder da. Ich denke an die Nächte, die ich durchgezockt habe, erinnere mich, wie unbeschwert das Leben damals war. Außerdem stelle ich mir vor, wie stolz der achtjährige Jan wohl wäre, wenn er wüsste, dass er knapp drei Jahrzehnte später vor diesem Auto steht.

In der Heckansicht ist schön zu erkennen, wie breit der Espace F1 eigentlich ist. Ach ja: Ein dezenter Flügel auf dem Dach darf natürlich auch nicht fehlen.
Bild: Jan Götze / AUTO BILD
Ehrlicherweise dachte ich lange Zeit, dass der automobile Held meiner Kindheit nur im Spiel existiert. Erst viele Jahre nach meiner überaus erfolgreichen Gran-Turismo-Karriere fand ich heraus, dass Renault den Van mit Formel-1-Motor tatsächlich gebaut hat. In diesem Moment schwor ich mir, dass ich das Auto eines Tages in natura sehen muss. Im Rahmen meiner damaligen Recherche bekam ich irgendwann heraus, dass sogar zwei Renault Espace F1 existieren – sacre bleu, diese Franzosen!
Halb Van, halb Formel-1-Auto
Wie man auf die Idee kommt, einen Familienvan mit einem Formel-1-Auto zu kreuzen? Ganz einfach: Zufällig fielen das zehnte Jubiläum des 1984 eingeführten Espace und der Gewinn des dritten F1-Konstrukteurstitels in Folge als Motorenlieferant für Williams auf das gleiche Jahr. Die logische Konsequenz: In Zusammenarbeit mit Matra und Williams entstand ein Auto, das eigentlich ein Formel-1-Rennwagen ist. Auf das Chassis eines Williams FW15C von 1993 wurde bei Matra eine extrabreite Kohlefaser-Karosserie gestülpt, die trotz ausladender Spoiler verblüffend nah am Espace der zweiten Generation (J63) bleibt. Dieses Showcar wurde 1994 auf dem Autosalon Paris enthüllt. Ich war damals drei.
Der Espace F1 fuhr sogar
Doch Renault setzte noch einen drauf und baute sogar einen fahrbereiten Espace F1, den Weltmeister Alan Prost über die Rennstrecke in Magny-Cours pilotierte. Gäbe es keine Videos, wie der goldgelbe Espace F1 in engen Kurven fast schon etwas unbeholfen über die Rennstrecke hüpft, würde ich es bis heute für eine Legende halten. Aber der Espace F1 fuhr wirklich. Der kreischende V10-Sound dieser Videos hat sich in mein Gehirn eingebrannt.
Zurück im Hier und Jetzt: Der Espace F1, der gerade vorsichtig vor meinen Augen abgeladen wird, ist das statische Modell, das zwar einen Motor besitzt, aber nie fuhr. Dieses Showcar wurde 1994 in Paris gezeigt und ist heute Teil der Renault-Sammlung. Anfang 2026 wurde es erstmals in Deutschland gezeigt – und bevor es wieder im Archiv verschwindet, legt es auf meinen Wunsch einen Zwischenstopp ein.
Die Kulisse könnte kaum passender sein, denn wir befinden uns an der ehemaligen Rennstrecke Circuit de Reims-Gueux. Sie gilt als eine der bekanntesten Rennstrecken Frankreichs und feiert in diesem Jahr ihr hundertjähriges Jubiläum. Nach mehreren tödlichen Unfällen wurde 1972 das letzte Rennen auf dem Straßenkurs ausgetragen. Teile der Tribünen und Boxen wurden bis heute erhalten und sind mittlerweile eine Pilgerstätte für Auto- und Motorradfans aus aller Welt.
XXL-Flügel und Breitbau am Espace
Ein Umstand, an den ich bei meiner Planung nicht gedacht hatte. Kaum ist der Espace F1 positioniert, bildet sich eine Menschentraube um den Van mit XXL-Flügel und Rädern im Turbinen-Look. Praktisch jeder, der vorbeifährt, hält an und will einen Blick auf den verrückten Renault werfen. Immer und immer wieder werde ich gefragt, ob das der echte Renault Espace F1 sei – der aus Gran Turismo? Offenbar bin ich nicht der Einzige, der dieses Auto unmittelbar mit dem Rennspiel verbindet.
Ich nutze die Zeit, um mir den Espace in Ruhe anzuschauen. Für ein über 30 Jahre altes Showcar ist der F1 in einem bemerkenswert guten Zustand. Abgesehen von ein paar kleineren Blessuren und uralten Reifen könnte der Espace auf einer Messe auch wieder als neue Studie durchgehen, denke ich.

Der Sport Spider und der Espace F1 sind zwei der verrücktesten Autos, die Renault jemals gebaut hat.
Bild: Jan Götze / AUTO BILD
Verglichen mit dem fahrbereiten Exemplar gibt es ein paar optische Unterschiede. So ist die Frontschürze des statischen Modells geschlossener designt und verfügt über silberne Einleger außen. Die Fronthaube, die bei diesem Exemplar keine Motorhaube mehr ist, besitzt keine Schnellverschlüsse, die beim fahrbereiten Espace F1 vonnöten waren.
Die größte optische Änderung betrifft die Felgen, die beim Showcar fast vollständig geschlossen sind und deren Carbonabdeckungen an die trendigen Aerodiscs erinnern, wie sie beispielsweise von Manthey Racing verbaut werden.
Mein persönliches Highlight am Espace F1 sind die Gegensätze: Die XXL-Breitbau-Karosserie mit den charakteristischen drei Luftschlitzen in den vorderen Türen wird mit Scheinwerfern, die den Espace 3 vorwegnahmen, und Standard-Klappgriffen gekreuzt. Sogar die aerodynamisch geformten Außenspiegel wurden beibehalten. Und das Beste daran? Nichts wirkt störend oder fremd. Sogar der auf dem Dach montierte Flügel mit den markanten Streben und ganz außen montierten Lichtern fügt sich nahtlos in das Design ein, das für sich genommen so drüber ist, dass es wie aus einem Guss wirkt.
Sitzprobe im Helden meiner Kindheit
Noch während ich den Espace F1 bewundere, geht ein weiterer Traum in Erfüllung: Ich werde gefragt, ob ich im Showcar Platz nehmen möchte. Vorsichtig greife ich in den Klappgriff, die Kohlefaser-Tür ist so leicht, dass ich Angst habe, sie kaputt zu machen. Der Einstieg ist schmal, behutsam nehme ich auf dem über die Jahre leicht ausgeblichenen pastellgelben Vollschalensitz Platz. Ich sitze im Renault Espace F1 – ein Moment, den ich mit einem Selfie festhalten muss.

Im Innenraum gibt es vier Schalensitze, die im statischen Modell beige, fast schon pastellgelb sind. Der fahrbereite Espace F1 besitzt schwarze Vollschalen.
Bild: Jan Götze / AUTO BILD
Auch im Cockpit setzen sich die Gegensätze fort: Feinstes Carbon und ein Wildlederlenkrad mit Schalttasten treffen auf tristes Hartplastik und eine Lüftungsbedienung aus der Großserie.
Über 800 PS bei 14.000 U/min
Nachdem ich alle Selfies im Kasten habe, fokussiere ich mich auf das, was wirklich zählt: Zwischen den Einzelsitzen im Fond sitzt unter einer durchsichtigen Abdeckung der 3,5-Liter-V10 aus dem Formel-1-Auto von Williams-Renault. Je nach Quelle soll der intern RS5b genannte Motor zwischen 800 und 810 PS bei 14.000 U/min auf die Slicks losgelassen haben. Das halbautomatische Getriebe sitzt hinter dem Motor und wird mittels winziger Schalttasten am Lenkrad bedient.
Von 0 auf 200 km/h in 6,3 Sekunden
Mit warmen Reifen und einer kundigen Hand am Steuer soll der rund 1100 Kilo leichte Espace in 2,8 Sekunden auf 100 km/h und in nur 6,3 Sekunden auf 200 km/h beschleunigen. Klingt schnell? Ist es auch! Zum Vergleich: Ein 887 PS starker Porsche 918 Spyder braucht für diese Disziplin 7,4 Sekunden – und das mit Allrad. Um die Quartett-Werte zu vervollständigen: Den Topspeed des Wahnsinns-Vans gaben die Franzosen einst mit 310 km/h an.

Kofferraum war gestern: Das ehemalige Gepäckabteil ist großflächig mit Carbon ausgekleidet. Ein kleines Fenster gibt die Sicht auf die Aufhängung frei.
Bild: Jan Götze / AUTO BILD
Ob Prost oder Ragnotti diesen Wert jemals erreicht haben? Wohl eher nicht, schließlich sollen im Cockpit des Espace F1 bis zu 60 Grad und eine Lautstärke von bis zu 160 dB(A) geherrscht haben. Vor diesem Hintergrund bin ich fast schon froh, dass ich den Espace F1 heute nicht fahren kann. Und der Blick auf die offenen Ansaugtrompeten entschädigt allemal.
Ob der Espace F1 jemals wieder fahren wird?
Vorsichtig schäle ich mich aus dem Schalensitz und schließe die Tür. Mittlerweile dämmert es bereits – trotzdem strömen immer mehr Petrolheads herbei und bestaunen den Espace F1. Einmal mehr werde ich ungläubig gefragt, ob das der echte Espace F1 sei. Ich antworte: eines von zwei Original-Exemplaren. Der einst fahrbereite Espace F1 steht mittlerweile im Matra-Museum rund 200 Kilometer von Paris entfernt.
Ob er jemals wieder fährt? Unwahrscheinlich. Wenn doch, bin ich aber hoffentlich vor Ort, um den V10 bei 14.000 U/min einmal live schreien zu hören!
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