Dieses Cockpit! Es würde auch einem Edel-Motorboot zur Ehre gereichen: eine Sammlung von 13 Rundinstrumenten, nachts effektvoll schummrig beleuchtet, eingefasst in edles Palisanderholz. Es gibt Auskunft über Dinge wie die Getriebetemperatur – in keinem Pkw findet sich ein solches Instrument.
Der Blick aus der Fahrerkabine gleicht dem von der Kommandobrücke eines Binnenschiffes: ein Hochsitz in luftiger Höhe von fast vier Metern, vorn eine mehr als drei Meter lange Motorhaube, darunter ein kultiviert laufender Sechszylinder-Schiffsdiesel von MAN.
Bild: Erwin Fleischmann
Alles nur Show? "Nein! Damit können Sie einen zwölffurchigen Pflug ziehen", sagte Manfred Streitberger, Bruder des Erbauers, als wir ihn 2009 besuchten. Es verhält sich ähnlich wie mit einem Range Rover: Kann alles im Gelände, ist aber eigentlich zu schade – das Schmuckstück repräsentiert 4000 Arbeitsstunden und den Gegenwert eines netten Häuschens. "Profi-Gigant" hat Ludwig Streitberger (damals 49), Erbauer des Monsterschleppers, ihn genannt.
Mit 13 Rundinstrumenten: Edelholz-Cockpit im Bentley-Stil.
Bild: Erwin Fleischmann
Wer war Schlüter?
Firmenpatriarch Anton Schlüter ließ in Freising bei München ab 1949 Traktoren bauen, spezialisierte sich früh auf Großschlepper. Für seine kühnen Kreationen verehrt ihn die Ackerschlepper-Gemeinde noch heute; sie sind die Bentleys unter den Traktoren: stärker, größer und teurer als alle anderen. Wer damit aufs Feld fuhr, musste ein Großbauer sein.
Und selten sind sie: Vom Profi Trac 3500, der Basis für Streitbergers Profi-Giganten, hatte der 1993 untergegangene Traktorenbauer nur vier Stück gebaut.
Die Vorderachse ist pneumatisch per Tastendruck zuschaltbar.
Bild: Erwin Fleischmann
Basis für den Supertrecker: Schlüter Profi Trac 3500
Die Brüder Streitberger gingen ähnlich vor wie US-Car-Schrauber, die ein altes Muscle Car mit neuem Motor und edlen Tuningteilen nicht original, aber im Geiste des Originals aufbauen – Restomod ist der Oberbegriff.
Die Zwillingsreifen helfen, 650 PS auf den Boden zu bringen, und mindern die Bodenverdichtung.
Bild: Erwin Fleischmann
Weshalb haben sie das seltene Stück nicht original gelassen? "Es war Schrott", sagte Ludwig Streitberger. "Da war klar, dass wir ohnehin viel Geld in die Hand nehmen mussten. Es lag nahe, ein einmaliges Teil daraus zu machen."
Der Profi-Gigant schrumpft seinen Erbauer Ludwig Streitberger auf Zwergengröße, hier vor dem Maxlrainer Schloss.
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Was hätte Anton Schlüter zu dem Restomod gesagt?
Seitdem streitet die Gemeinde in einschlägigen Online-Foren, ob Anton Schlüter so etwas gut gefunden hätte. "Er hätte", gab sich Streitberger überzeugt. "Er hatte stets den Ehrgeiz, den stärksten Schlepper Europas zu bauen."
Die Schnauze ist nun stärker gepfeilt und um 170 Millimeter verlängert, um eine Ladeluftkühlung und einen besseren Kühler unterzubringen.
Die gesamte Kabine lässt sich kippen, gibt dann das Innenleben frei.
Bild: Erwin Fleischmann
Die Streitbergers wurden zu Laufburschen ihres Projekts: Die Wege zum Beschaffen der Ersatzteile addierten sich auf gut 100.000 Kilometer.
12,5 Liter Hubraum, 650 PS, 2350 Nm Drehmoment
Das Ergebnis der unermüdlichen Schrauberei dürfte auch agrartechnisch Desinteressierte in einen Zustand staunender Bewunderung versetzen. Spätestens wenn man im Alcantara-Fahrersitz thront, den Blick über die schlanke Haube gleiten lässt und den MAN-Diesel anlässt, der zuvor eine dicke Motorjacht antrieb. Keine richterskalarelevanten Vibrationen wie beim Lanz, stattdessen tiefes Grollen und Hochkaräter-Laufruhe. 12,5 Liter Hubraum, 650 PS, 2350 Nm Drehmoment – noch Fragen?
Schiffsdiesel von MAN mit 12,5 Liter Hubraum – nur der US-Schlepper Big Bud 747 war damals noch größer. Leichter Zugang zur Technik. Die Front ist gegenüber dem Original von 1973 ein gutes Stück verlängert.
Bild: Erwin Fleischmann
Heute kann man Schlepper mit bis zu 913 PS ab Werk kaufen: So viel nämlich leistet der 18-Liter-Sechszylinder im John Deere 9RX 830. Damals aber toppte keine Neuware den Schiffsdiesel in Streitbergers Kreatur.
Ein Dieseltank, wie ihn Tankstellenpächter lieben: Er fasst 1100 Liter Sprit.
Bild: Erwin Fleischmann
Dieser Tuning-Schlüter erfüllt Kindheitsträume
Lkw-typisch die eindrucksvolle Zahnradsammlung, die der Pilot mittels einer 8-Gang-H-Schaltung sortiert. Per Hebel am Schaltstock lässt sich die Zahl der Gänge verdoppeln – dank des Split- oder Vorschaltgetriebes. Noch nicht genug? Im Verteilergetriebe ist eine Untersetzung integriert, die nur im Stand eingelegt werden kann. Macht 32 Gänge. "Braucht man nie", sagt Manfred.
Schon im ganz normalen ersten Gang erweckt der Schlepper den Eindruck, als könne er Fundamente verschieben. Die Vorderachse wird starr zugeschaltet – pneumatisch, auf Tastendruck. Selbstsperrende Differenziale vorn und hinten komplettieren die Ausstattung für losen Untergrund.
Ein 42-Zoll-Rad verschluckt fast den Mechaniker.
Bild: Erwin Fleischmann
Auf seiner Website "Profigigant" bietet Streitberger auch Modelle seiner Schöpfung im Maßstab 1:32 an.
"Bulldog-Kini": ein Spitzname wie König Ludwig II.
Ludwig Streitberger ist ein bekannter Kopf in der Schlepperszene. Man nennt ihn den "Bulldog-Kini", den König der Lanz Bulldogs – Kini war der Spitzname des Bayernkönigs Ludwig II. (1845–1886). Auch dieser Ludwig ließ Träume Wirklichkeit werden, zum Beispiel ließ er Schloss Neuschwanstein errichten.
Der Titel ist redlich verdient: Ludwig Streitberger besaß zeitweise bis zu 28 der Einzylinder-Klassiker. "Ich bin bescheidener geworden, es sind jetzt nur noch 20", sagte er uns 2009. Inzwischen (2025), mit 65 Jahren, hat er die Sammlung noch mal reduziert: auf drei Lanz Bulldog, einen MB Trac, einen 1500er Schlüter und den Profi-Gigant.
Wie entsteht eine solch extreme Leidenschaft? "Wir Schlepperfans sind alle mit solchen Maschinen aufgewachsen", sagt der Bulldog-Kini. Es sei wie bei jedem Oldtimerfahrer: "Die Erfüllung von Kindheitsträumen – das ist es, worum es eigentlich geht."
Technische Daten: Schlüter Profi-Gigant
Motor MAN-Sechszylindermotor in Reihe, vorn längs, Reiheneinspritzpumpe (Bosch) ● Hubraum 12.500 cm³ ● Leistung 478 kW (650 PS), max. Drehzahl 2200/min ● Max. Drehmoment 2350 Nm ● Antrieb 16/2 Gänge, Allradantrieb, Verteilergetriebe mit Untersetzung ● Reifen VR 710/60 R42, Michelin Xeobib ● Radstand 3500 mm ● Länge/Breite/Höhe 7120/4800/3850 mm ● Gesamtgewicht 20 Tonnen ● Höchstgeschwindigkeit 42 km/h ● max. Verbrauch 226 g Diesel/kWh ● Tankinhalt 1100 Liter
Europas stärkster Allrad-Traktor: Schlüter Profi-Gigant
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Mit dem Schlüter Profi-Gigant verhält es sich ähnlich wie mit einem Range Rover: Kann alles im Gelände, ist aber eigentlich zu schade – das Schmuckstück repräsentiert
4000 Arbeitsstunden und
den Gegenwert eines netten Häuschens.
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Der Profi-Gigant schrumpft seinen Erbauer Ludwig Streitberger auf Zwergengröße, hier vor dem Maxlrainer Schloss.
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Die Vorderachse ist pneumatisch per Tastendruck zuschaltbar.
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Nicht originale Zutat: Frontkamera mit LED-Leuchten.
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Ein Dieseltank, wie ihn Tankstellenpächter lieben: Er fasst 1100 Liter Sprit.
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Der Blick aus der Fahrerkabine gleicht dem von der Kommandobrücke eines Binnenschiffes: ein Hochsitz in luftiger Höhe von fast vier Metern, vorn eine mehr als drei Meter lange Motorhaube, darunter ein
kultiviert laufender Sechszylinder-Schiffsdiesel von MAN.
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Die Zwillingsreifen helfen, 650 PS auf den Boden zu bringen und mindern die Bodenverdichtung.
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"Bärenstark" war der Schlüter-
Werbeslogan, hier auf feinste Alcantarasitze gestickt.
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Mit 13 Runduhren: Edelholz-Cockpit im Bentley-Stil.
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Ein 42-Zoll-Rad verschluckt fast den Mechaniker.
Bild: Erwin Fleischmann
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Die gesamte Kabine lässt sich kippen, gibt dann das Innenleben frei.
Bild: Erwin Fleischmann
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Leichter Zugang zur Technik. Die Front ist gegenüber dem Original von 1973 ein gutes Stück verlängert.
Bild: Erwin Fleischmann
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Erbauer Ludwig Streitberger heißt in Schlepperfan-Kreisen "Bulldog-Kini", weil der Bayer 20 Lanz-Klassiker sein Eigen nennt.
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Schiffsdiesel von MAN mit 12,5 Liter Hubraum – nur der US-Schlepper Big Bud 747 ist noch größer.
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Wer war eigentlich Schlüter? Firmenpatriarch Anton Schlüter ließ in Freising bei München ab 1949 Traktoren bauen, spezialisierte sich früh auf Großschlepper.
Bild: Erwin Fleischmann
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Für seine kühnen Kreationen verehrt ihn die Ackerschlepper-Gemeinde noch
heute; sie sind die Bentleys unter den Traktoren: stärker, größer und teurer als alle anderen.
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Liebe zum Detail: Der Schlüter-Bär findet sich sowohl auf dem Schlüsselanhänger als auch...
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... auf dem Schaltknüppel wieder.
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Vom Profi Trac 3500, der Basis für Streitbergers Profi-Giganten, hatte der 1993 untergegangene Traktorenbauer
nur vier Stück gebaut.
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Die heutige Schnauze des Schlüter Profi-Gigant ist nun stärker gepfeilt und um 170 Millimeter verlängert, um eine Ladeluftkühlung und einen besseren Kühler unterzubringen.
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Die Streitbergers wurden
zu Laufburschen ihres Projekts: Die Wege zum Beschaffen der Ersatzteile addierten sich auf gut
100.000 Kilometer.
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Das Ergebnis der unermüdlichen
Schrauberei dürfte auch agrartechnisch Desinteressierte in einen
Zustand staunender Bewunderung
versetzen.
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12,5 Liter Hubraum, 650 PS, – noch Fragen? Jetzt sorgt
der kostspielig aufgebaute Extremschlepper für ein Zubrot – man kann ihn für Veranstaltungen mieten.
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Lkw-typisch ist die eindrucksvolle Zahnradsammlung, die der Pilot
mittels einer 8-Gang-H-Schaltung sortiert. Per Hebel lässt sich die Zahl der Gänge verdoppeln – dank des Split- oder Vorschaltgetriebes.
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Den Titel "Bulldogkini" hat sich Streitberger redlich verdient: Er besaß zeitweise bis zu 28 der Einzylinder-Klassiker.
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Wie entsteht eine solch extreme Leidenschaft? "Wir Schlepperfans sind alle mit solchen Maschinen aufgewachsen", sagt der Bulldogkini.
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Es sei wie bei jedem Oldtimerfahrer: "Die Erfüllung von Kindheitsträumen – das ist es, worum es eigentlich geht."