VW T1: Auwärter Carlux
Ein ganz besonderer Bulli: VW T1 mit dem gewissen Extra

Ein seltener Bus, ein überraschender Fund, eine wahnsinnige Restaurierung: der Auwärter Carlux – ein Drama in drei Akten.
Bild: Walter Jelinek
Jetzt im Theater: ein ergreifendes Stück über einen drolligen Bus, der allen Freude macht, dann stirbt und wie durch ein Wunder aber doch gerettet wird. In den Hauptrollen: etwa sieben Männer, die Busse lieben, und der helle Bus selbst. Klingt wie Schneewittchen, sieht auch ein bisschen so aus. Bühnenbilder: hügelige Landschaft, ein zugewucherter Autofriedhof, eine Werkstatt und eine alte Weberei.
Erster Akt: St. Gallen (Schweiz), um 1959
Die Firma Sprenger, die Busreisen veranstaltet, sucht Panoramabusse, die schmal genug sind für enge Bergstraßen – so die mündliche Überlieferung. Eines Tages liegt bei der Ernst Auwärter Karosserie- und Fahrzeugbau KG in Stuttgart-Möhringen ein Bogen mit Maßzeichnungen für genau so einen VW T1 – "VW Luxus-Car" steht drauf und die Namen von Auwärter und Sprenger. Auwärter baut mehrere dieser "Luxus-Cars", nennt sie Carlux und verkauft sie an Sprenger und andere Busunternehmer. Mit bis zu neun Personen besetzt, kullern sie mit 34 PS durch die Lande.
Zweiter Akt: Kaufdorf in der Schweiz, Autofriedhof von Franz Messerli, 2009
Mehr als 1000 Oldtimer verrotten. Mittendrin: ein Auwärter Carlux, einst liegen geblieben mit Motorschaden, jetzt seiner Scheiben beraubt, unten verrostet, oben von einem Baum zerknautscht. Die Gemeinde droht, das Gelände zu planieren. Auftritt Peter Fried, Spezialist für alte VW. Er kauft das Wrack und lagert es ein. Auftritt Walter Jelinek, Freund von Fried. Er hat auch einen Carlux gefunden 2009, und legt ihn zum Spaß tiefer. Mit T1 kennt er sich aus, er hat Dutzende restauriert. Auftritt Steffen Hahn, Oldtimer-Liebhaber und Kunde von Jelinek. "Herr Jelinek, was haben Sie denn da?" Er kriegt Wind von der Carluxerei und ist höchst interessiert.

Die Basis: Der Auwärter Carlux hatte einst einen Motorschaden und stand viele Jahre auf dem Autofriedhof Messerli in der Schweiz.
Bild: Walter Jelinek
Dritter Akt: Jelineks Werkstatt in Balingen, 2017
Er hat Fried den Schrottplatz-Carlux abgekauft und erkennt: Der Baum hat die Dachkonstruktion aus Vierkantstahl nur verbogen – zu retten wäre sie. "Ohne die Dachfenster kannst du das Auto nicht machen." Also nimmt er den Carlux mit den originalen Fenstern und fragt die Firma Plexiweiss in Oberbayern, die auch Verglasungen für Hubschrauber herstellt. Die sagt Nein.
"Mein größter Pluspunkt ist die Beharrlichkeit", sagt Jelinek ruhig. "Ich bin niemand, der aufdringlich wird, aber man kann ja regelmäßig nachfragen." Eines Tages sagt Plexiweiss also Ja. Erwin Siegenthaler, Leiter Sonderprojekte bei Plexiweiss, bestätigt: "Seinen alten Satz Scheiben haben wir gescannt und eine GFK-Form gebaut." Sie kauften blau durchgefärbte Plexiglasplatten von Röhm in Darmstadt, fünf Millimeter stark. "Die haben wir bei 150 bis 170 Grad im Streckziehverfahren über die Formen gezogen."

Die gesamte Restaurierung stand und fiel mit der Frage, ob es Dachfenster gibt. Plexiweiss fertigte sie nach.
Bild: Walter Jelinek
So gut erhalten die obere Hälfte ist, so schlimm steht es um die untere. Die Karosserie besteht aus Lackresten und braunen Oxid-Molekülen. Was tun? Einen Spender suchen. Jelinek findet einen T1 aus demselben Baujahr, der trocken in New Mexico (USA) gestanden hat. "Der war relativ gut, Originallack. Wir haben ihn geköpft. Dafür würden sie mich heute töten." Steffen Hahn steht hinter der Entscheidung. "Wenn, machen wir's richtig", sagt er heute.
Statt der zweiteiligen Seitentüren hat der Carlux eine große Schwenktür. Jelineks Karosseriebauer fertigen sie nach, der britische Blechteil-Hersteller Autocraft Engineering baut das Seitenteil dahinter; auch Laderaum- und Führerhausboden sind neu. Der Rest wurde 1961 in Hannover produziert. "So ist er strukturell ein echter VW, kein Konglomerat", sagt Jelinek. Allein in den Karosseriebau gehen 3000 Stunden.
Aus der karamellbraunen Innenausstattung schließt Jelinek, dass das Auto ein "Mangobus" gewesen sein muss, unten mangogrün (L346) und oben möwengrau (L347). "Also mussten die Innenverkleidungen ein Biskuitmuster haben. Das haben wir mit einer Art Waffelmaschine gemacht. Da war wieder viel Beharrlichkeit gefragt." Die Sitze waren original mit Vinyl bezogen, aber Steffen Hahn will Echtleder – also nimmt Jelineks Sattler Markus Mühlbauer in Regensburg Leder. Auch der Teppichboden ist wohl edler als damals: Jelinek vermutet, dass Auwärter Gummimatten verlegte. Mit Vermutungen muss er ein paarmal arbeiten, zumal nach der Pleite der Firma Auwärter wohl alle Unterlagen abhandengekommen sind.
Nicht original sind die verchromten Außenspiegel: Ein Foto von früher zeigt, dass damals schwarze Rechteckspiegel montiert waren. Bei den Scheibenwischern ist Jelinek dann wieder sehr streng: "Die vom VW T2b würden gehen, das sind die gleichen, aber das kannst du ja nicht machen. Diese sind vom Mercedes 190 SL, glaube ich. Gefunden nach monatelanger Suche auf Teilemärkten." Neu angefertigt sind auch Gummiprofile. Die zerbröselten Bakelitknöpfe für die Ausstellfenster hinten "haben wir im Metall-3D-Druck nachfertigen lassen". Die Zierleiste, die innen waagerecht verläuft, "haben wir auf einem Schrottplatz in Polen in einem 60er-Jahre-Setra-Bus gefunden".
"Beim Motor war das Magnesium des Gehäuses zerbissen, aber wir haben nahezu 90 Prozent gerettet", berichtet Jelinek. "Das Einzige, was blöd ist, ist die Anhängerkupplung", sagt er. "Die ist zeitgenössisch, aber von Westfalia. Ich hätte lieber eine von Hahn, nur: Für den T1 findet man keine. Mein Anspruch ist ja, es perfekt zu machen im Rahmen der Möglichkeiten."

Durchblick: Bis zu neun Insassen haben rundum und vor allem nach oben eine sensationelle Aussicht.
Bild: Walter Jelinek
Spätestens bei der Farbgebung sind wieder Entscheidungen vom Auftraggeber gefragt. Steffen Hahn: "Der Bus sollte aussehen, als wäre er von der Firma Hahn gewesen. Die Gestaltung war spannend. Ein dunkles Blau ist unsere Firmenfarbe, der Elfenbeinton passt wunderbar dazu." Jelinek holte Lackier-Legende Neil Melliard aus London dazu. Jelinek: "Neil, Lackierer Chris, Kollege Markus und ich haben zwei Tage lang probiert, wie es am gefälligsten aussieht. Bei den Nachtschichten waren viel Kaffee und Hochprozentiges im Spiel. Herr Hahn war per WhatsApp dabei." Die dicken blauen Streifen sind auflackiert, die feinen Linien, das Hahn-Logo und die Schrift malte Melliard von Hand.
Schluss-Szene: die Alte Weberei in Reutlingen-Mittelstadt, 2023
In das Gemäuer von 1876 ist Hahn Classic eingezogen, eine Werkstatt mit Vertrieb von Old- und Youngtimern. Dort steht nun der Carlux. Er ist fertig restauriert, fährt, alles funktioniert. Happy End, jetzt könnte der Vorhang fallen. Aber nein, halt, eine Überraschung noch: Die Redaktionsjury von AUTO BILD KLASSIK verleiht Walter Jelinek und Steffen Hahn den Goldenen Klassiker für die Restaurierung des Jahres. So wird der Schlussapplaus ein Teil des Dramas. Vorhang!

In altem Glanz: Der restaurierte Auwärter Carlux erinnert nicht im entferntesten an das Wrack auf dem Schweizer Autofriedhof.
Bild: Walter Jelinek
Der Restaurator und seine Firma
Kaum jemand widmet sich Restaurierungen mit solchem Originalitäts-Perfektionismus und baut gleichzeitig so schrille Customs wie Walter Jelinek (54). Mit 17 bekam er von seinem Großvater einen 1979er Käfer, verliebte sich in umgebaute Käfer wie die Bajas. Ein US-Soldat in Grafenwöhr gab ihm amerikanische VW-Zeitschriften und den Autoteile-und Tuning-Katalog von JC Whitney. Deutsche Hefte wie "Street Mag" heizten Jelineks Interesse an. Einen 65er Käfer vom Schrott für 500 Mark baute er 1989/90 in einer Mietwerkstatt neu auf.
Je mehr Customs er baute, desto bekannter wurde er in der Szene. Die Nachfrage stieg, Jelinek schmiss sein Architekturstudium, gründete 1994 seine Firma in Falkenberg bei Tirschenreuth. 2001 zog sie nach Weiden/Oberpfalz. Fernsehreihen auf Kabel Eins über den Aufbau eines T1 Samba (2009) und den Nachbau des Tamiya Sand Scorcher in Lebensgröße (2010) machen die Firma The Bug Box berühmt.
2016 verkleinerte Jelinek die Firma, zog nach Südfrankreich, konzentrierte sich auf den Handel mit Autos und betreute Restaurierungen und Sammlungen, anstatt selbst zu schrauben. 2020 kam er aber zurück nach Weiden. Mit externen Fachkräften restauriert er nun besondere Autos von privaten Sammlern. Wie den Carlux, über den er auf auwaertercarlux.blogspot.com schreibt.
Der Besitzer und seine Firma
Steffen Hahn (51), Auftraggeber der Restaurierung, leitet die Hahn Gruppe mit 36 Autohäusern in und um Stuttgart. Steffen Hahns Urgroßvater Ernst Hahn (1882 bis 1950) hatte bei Daimler eine Ausbildung zum Mechaniker gemacht, 1919 gründete er in Cannstatt eine "Kraftfahrzeug-Reparaturwerkstätte". Bald handelte er auch mit Gebrauchtwagen.
Ernst Hahns Sohn Fritz (1908 bis 1961) konstruierte 1932 als Angestellter bei Ferdinand Porsche eine Drehstabfederung; von 1934 an stellte der väterliche Betrieb – mit Porsches Genehmigung – Anhänger mit solchen Federungen her. Die Firma, jetzt unter dem Namen "Ernst Hahn, Autohaus u. Fahrzeugbau", verzwölffachte ihren Umsatz von 1934 bis 1938. Im Jahr 1948 wurde Hahn einer der ersten acht Generalvertreter von Volkswagen in Deutschland, 1950 auch für Porsche.
Nach Fritz Hahn, seiner Witwe Helene Hahn (1909 bis 1987) und ihrem Sohn Otto Hahn (1945 bis 2010) übernahm Steffen Hahn 2008 als Geschäftsführender Gesellschafter die Gesamtverantwortung für die Gruppe, die inzwischen auch mit Audi, Seat und Skoda handelte. Heute vermietet sie auch Autos und Camper und bietet Versicherungen an. Mit rund 1800 Angestellten macht das Unternehmen um die 850 Millionen Euro Umsatz im Jahr.
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