Kleine Freunde können sich als große erweisen, heißt es. Das ahnten sie bei Renault damals wohl auch – und präsentierten vor 40 Jahren den R5, der direkt in die Herzen der Menschen flitzte. Bis heute ist er einer der Größten unter den Minis.
Der Anruf kam spät an einem vernieselten Oktoberabend des Jahres 1996. Meine damalige Freundin Katrin war am Apparat, und trotz des lausigen Wetters überschlug sich ihre Stimme geradezu vor Euphorie: "Du ahnst nicht, was ich gerade erfahren habe!" Schlagartig wurde es noch dunkler um mich herum. In Sekundenbruchteilen raste mein bisher unbeschwertes Leben noch einmal an mir vorbei: Nachwuchs konnte ich so gar nicht gebrauchen, schließlich war ich Student und musste bereits damals drei klassische Autos durchbringen. "Der Typ aus der WG unter mir verkauft seinen R5!", schmetterte Katrin in den Hörer. Die Zahl in der Modellbezeichnung sprach sie wie immer "fümf" aus. Ich korrigierte sie nicht, zu sehr rumpelte mir der Steinbruch vom Herzen. Zu früh, wie sich herausstellen sollte, denn: Sie kaufte den Wagen. Mein "Gott sei Dank!" war daher dem Unwissen darüber geschuldet, was uns mit dem R5 alles widerfahren sollte.
Eine Probefahrt in der Fischbüchse
Heute, sechzehn Jahre später, kann ich völlig entspannt zurückblicken auf die damalige Zeit. Auch auf die mit dem R5. Es musste "natürlich" die charmante erste Serie sein, ihr war Katrin rettungslos verfallen. "Kannst du den Zustand einschätzen?", fragte ich sie am Telefon. "Du", rief sie, gegen Verkehrslärm und Regen anbrüllend, "es ist ein GTL Le Car, ich stehe gerade daneben. Der ist soooo toll, der sieht sogar im Dunkeln gut aus!" Ich schloss die Augen erneut. "Na gut. Drehen wir mal 'ne Runde mit der Fischbüchse." Entschuldigung, aber das war damals noch eine charmante Bezeichnung für die R5 der ersten Generation, die relativ früh zu relativ umfangreichen Blecharbeiten in die Werkstatt mussten.
Bunter, schneller, schicker, pfiffiger
Kleiner Freund, das Original: 1972 verzückte dieser kubisch-sanfte Entwurf die Autowelt.
Bild: Christian Bittmann
Das große Herz bewiesen R5-Eigner wie Kartrin, die die schöne Seele des R Fümf wahrzunehmen schien. Distanziertere Zeitgenossen zerbröselten etwas Unterbodenblech zwischen den Fingern und stellten brummend fest, dass diese Seele ja zumindest nicht tiefschwarz sein könne, sondern rostbraun. Aber das waren die Nörgler. Heute registrieren wir ungläubig: er ist 40. Dieser ehrlichste Berufs-Jugendliche unter den Autos: vierzig Jahre! Und wirkt noch immer so ähnlich wie damals – sexy! Bunter, schneller, schicker und pfiffiger als die Konkurrenz. Der Kleine Freund, ein Sympathieträger, zwischen dem vergurkten Einheitsdesign der 70er- und 80er-Jahre, ein Welterfolg mit fünf Millionen Käufern. Fümf! Ja, Katrin, er ist süß. Steht da mit großen und eckigen Scheinwerfern. Umschmeichelt einen mit seinem Breitwand-Lächeln überm vorderen Kunststoff-Schutzschild. Bleckt darunter sogar Plastikzähne. Pöttert mit hell singendem Renault-Sound um die Ecke. Lädt ein mit kuscheligem Teppich, der sogar das Radio auf dem Mitteltunnel wie mit einer Kunstpelz-Stola von DuPont umschlingt. Dazu blechern schließende, immer in den Scharnieren hängende Türen, das Geräusch des Zündschlüssels, der auf dem Hartplastik der Lenksäulenkleidung kratzt, der knappe Griff zum Choke – und dann springt der kleine Freund an – immer!
Optisch modern, aber technisch simpel
R7 oder "Siete" hieß der Stufenheck-R5. Er blieb den Spaniern vorbehalten.
Bild: Christian Bittmann
Dabei war es zunächst nichts als eine Ballung sachlicher Elemente, die ihm die Renault-Konstrukteure ins Lastenheft geschrieben hatten: Eine selbsttragende, von Michel Boué kreierte, kubische und doch sanft abgerundete Karosserie. Optisch moderner als der R4, technisch simpler(!), dem antiquierten R6 aber mehrere Blechnasenlängen voraus: Für Kühlluft hatte der kompakte R5 nur die schmale Ritze zwischen der tief heruntergezogenen Motorhaube und dem Stoßfänger übrig. Ah, und völlig neu war bis dahin das Einbeziehen durchgefärbter Kunststoffschürzen in das Gesamtdesign. Kein bourgeoises Chrom sollte gewienert werde, Glitzer gab es nur am R7 von FASA aus Spanien, aber zu dem kommen wir gleich. Die Moderne von damals, die Nostalgie von heute. Dabei vermittelt selbst ein Ur-R5 mit der Krückstock-Schaltung des R4 eine geniale Einfachheit, die nicht von gestern wirkt. "Du setzt dich rein und hast auf einmal Zeit", bekommen R5-Einsteiger von langjährigen Liebhabern zu hören, und ganz selbstverständlich schaltet man Licht und Radio selbst ein und vergisst nicht, den unzumutbar fummeligen Schlüssel in den chromumrandeten (aha, hier also doch!) Schließzylindern umzudrehen. Zentralverriegelung? Ja, wenn alle mitmachen.
Original? Original! Stramme 108 PS leistet der Renault 5 Alpine Turbo dank Garrett-Lader.
Bild: Christian Bittmann
Vor allem aber: Mit jeder Fahrt bereichert man die Laune und Gedanken derer, denen man während einer Tour im Kleinen Freund begegnet: Haben die da eben nicht gelächelt wie ein R5? Nur für den spanischen Markt entstand der ebenfalls von Boué entworfene Stufenheck-R5, verkauft als R7. Chromstoßstangen, Rucksack-Heck, vier Türen, anderes Armaturenbrett – so ging damals die Limousine des kleinen Mannes. Schön? Hm. In jedem Fall den anderen Märkten vorenthalten, um das progressive Image des Knubbel-R5 nicht zu gefährden. Aber der R5 war ja nicht immer nur das Studenten- und Frauenauto mit 36 oder 44 PS. Der R5 konnte auch anders. Als tiefergelegter Alpine mit Weber-Doppelvergaser und 93 PS und Sport-Stahlfelgen. Werbeslogan: "Die frechsten dreieinhalb Meter der Welt". Oder mit Garrett-T3-Turbolader und 108 PS – alles ab Werk und selbst heute noch null Komma null peinlich. R5 Alpine Turbo hieß das knallige Freundchen dann. Plötzlich konnten auch echte Männer darin fahren. Die zwar nicht Pfeife, aber dafür Camel ohne rauchten. Wie bitte? Product Placement? Ach, Quatsch!
Virtuosen parken den Turbo im Drift aus
Der völlig andere Freund: R5 Turbo 2 mit Mittelmotor, Hinterradantrieb und 160 bis 200 PS.
Bild: Christian Bittmann
Die Schachtel Camel ist historisch korrekt. Der namenlose Renault-Fotograf drapierte sie einst auf der Ablage vor dem Kombiinstrument der allerersten R5-Generation – für den offiziellen Prospekt. Fragen Sie nur Katrin, die hat den Prospekt noch immer, raucht aber eine andere Marke. Und die auch nur heimlich, damit der Nachwuchs das nicht spitzkriegt. Heute sind ja andere Zeiten. Damals jedenfalls reichten besagte 108 PS, Spitze 185 km/h und ein Drehmoment von 145 Newtonmetern, um richtig aufzudrehen. Ein Sportler ganz im Geiste des Ur-Golf GTI – ohne Schnörkel und Firlefanz, dafür mit schlichter Klasse. Klasse! Apropos "dick": Amtlich fett geriet 1981 der unglaubliche R5 Turbo, bei dem die Rallye-Konkurrenz ebenfalls dicke Backen machte: Der Turbo-angeblasene 160-PS-Mittelmotor mit K-Jetronic (die Rennversion leistete sogar 250 PS) feuerte seine Kraft auf die Hinterräder, geschaltet wurde per Fünfganggetriebe aus dem Spitzenmodell R 30 TX. Lenkrad-Virtuosen wie Jean Ragnotti parken den R5 Turbo noch heute aus dem Drift heraus ein.
Design-Genie Gandini schuf den Supercinq
Kleiner Freund ohne Kappe: das rare R5 Cabriolet von EBS.
Bild: Christian Bittmann
1984 kam der Generationswechsel: Marcello Gandini überführte das Design von Boué in die 80er-Jahre – größer, breiter, flächiger, aber unverkennbar R5. Bravo! Erst jetzt setzte sich der Fünftürer durch, obwohl es schon seit 1979 welche gab. Und die belgische Firma EBS verwirklichte die nicht in Produktion gegangene R5-Cabrio-Studie in Form einer Kleinserie. Nicht zu vergessen der Rapid, Erbe des R4-Kastenwagen, der wiederum Atomkraft-Gegner, Abrüstungs-Demonstranten und Abflussrohr-Reiniger gleichermaßen beförderte. Der Kraftprotz hörte nun auf den Namen R5 GT Turbo, dann verdarb der in Mode kommende Katalysator den Spaß am Brennen ein wenig:
Der R5 GTE sah zwar noch immer schnell aus, er war es auch, aber richtig ruppig wurde es nicht mehr. Selbst der Rost ließ in den späten Jahren nach. Mal ehrlich: Waren das noch R5? Aber ja! Und ein paar der ganz frühen hielten sogar 40 Jahre. Außerdem wird der Ur-R5 bis heute gebaut. Im Iran. Katrin und mich verbinden bis heute übrigens ein Sohn – und die Suche nach "R Fümfs". Ihr maroder Le Car hat wohl nicht überlebt: 2002 verkaufte sie ihn an Liebhaber. Die armen Beneidenswerten! Wir haben zum Jubiläum sämtliche R5-Varianten versammelt, zu sehen wie immer oben in unserer Bildergalerie!
40 Jahre Renault R5: Alles Gute, kleiner Freund!
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Zum 40. Geburtstag des kleinen Freundes hat AUTO BILD KLASSIK einfach mal die ganze Familie Fünf eingeladen, um das Jubiläum gebührend zu feiern.
Bild: Christian Bittmann
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Das Original: 1972 verzückte dieser kubisch-sanfte Entwurf die Kleinwagenwelt. Heute wissen wir, dass er ein ganz Großer unter den Kleinen war.
Bild: Christian Bittmann
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Krückstock-Schaltung war Standard, ebenso das häßliche Cockpit. Spezialisten erkennen an den seitlichen Blinkern, dass dieser quietschgelbe Renault 5 TL von 1976 ein niederländisches Modell ist.
Bild: Christian Bittmann
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Plötzlich ist er 40. Ultramodern war er, und todchic. Und plötzlich ist dieser immerjunge Playboy 40. Aber man sieht ihm das Alter nicht wirklich an.
Bild: Christian Bittmann
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Jeder hat sein Päckchen zu tragen, der R5 sogar einen Rucksack: Zwischen 1976 und 1984 gab es diesen kruden Stufenheck-R5. Der wurde allerdings nur in Spanien gebaut und – Strafe muss sein – an die Spanier verkauft. R7 oder "Siete" hieß das iberische Pendant zum VW Derby.
Bild: Christian Bittmann
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Kurios sind nicht nur Heck und Leuchten, sondern eigentlich das ganze Auto. Vor allem das für den R7 von FASA komplett neu entworfene Cockpit.
Bild: Christian Bittmann
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Bourgeoises Chrom am R5? – das gab es ebenfalls nur beim R7 mit Stufenheck, denn eigentlich gab es den kleinen Freund ja nur glitterfrei.
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Zurück zum R5, aber was für einem! "WROOOARR!" und "VROOOM!" tönte es 1981 lautstark aus den dicken Frischluft-Backen des Renault 5 Turbo 2. Der brauchte kein Hinterhof-Tuning, der kam schon ab Werk richtig fett daher.
Bild: Christian Bittmann
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Mit Mittelmotor, Hinterradantrieb und 160 bis 250 PS ist der R5 Turbo 2 immer noch ein kleiner Freund, wenn auch ein völlig anderer. Lenkrad-Virtuosen parkten ihn bevorzugt im Drift ein.
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Original ist dieser silberne Alpine Turbo von 1983 nicht, dafür ein Zeitdokument: Die 1980er-Jahre waren auch für die stärkeren R5 die sündige Ära des individuellen Tunings.
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Mit Glas-Sonnendach, Schalensitzen, Überrollbügel und in Wagenfarbe lackierten Kunststoff-Stoßfängern ist diesem R5 Alpine Turbo fast nichts erspart geblieben.
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Gleiches Modell, gleiches Baujahr, aber eine Wohltat. Dieser herrlich originale R5 Alpine Turbo glänzt im zeitgeistigen Blaumetallic und gefällt mit seiner glatten Dachhaut und den typischen gelben Cibié-Nebelscheinwerfern. Keine Luke, kein Bügel, keine Kriegsbemalung – so ist's authentisch.
Bild: Christian Bittmann
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Schwächlich ist der blaue Alpine-Turbo aber nicht: Sein 108-PS-Motor bringt es dank Garrett-Lader auf 145 Newtonmeter Drehmoment.
Bild: Christian Bittmann
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Kompakter Kraftprotz, Phase 2: 1984 übernimmt die zweite R5-Generation das Erbe und den Erfolg der ersten Auflage. Topmodell wird der R5 GT Turbo.
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115 PS, 165 Newtonmeter und 201 km/h Spitze sind Mitte der Achtziger eine echte Ansage an alle GTI. Dann verdarb der Katalysator-Trend den Spaß am Brennen.
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Funktionalität vor Design, Kasettenschieber statt iPod-Dock. Spaß gemacht hat's trotzdem (oder gerade deswegen?), vor allem dann, wenn vorn "GT turbo" drauf stand.
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Die Rallye-Piste war die zweite Heimat des Renault 5, wenn er nicht gerade Atomkraft-Gegner oder Abrüstungs-Demonstranten zur Demo beförderte.
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Satte 160 PS lässt die heiße Replika eines Renault R5 Rallye GT Turbo frei, der 1989 auf der Rallye Monte Carlo Furore machte.
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Die steilen Zähne vier starker Freunde nagen am Asphalt des ATP-Testgeländes in Papenburg. Alle Kraftversionen des Fünf vereint – das sieht man selten.
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Ein guter Freund hat immer ein warmes Plätzchen – auch dann, wenn man mal gerade kein Dach über dem Kopf hat. Vom ohnehin raren R5 Cabrio haben nur wenige Exemplare überlebt.
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Die belgische Firma EBS verwirklichte die nicht in Produktion gegangene, bügellose R5-Cabrio-Studie in Form einer exklusiven Kleinserie.
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Einfach mal die Sonne hereinlassen – das geht kaum besser als im R5 Cabrio.
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Design-Genie Marcello Gandini übertrug die R5-Linie 1984 gekonnt in die Gegenwart – größer, breiter, flächiger. Erst jetzt gab es auch einen Fünftürer.
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Unverschämt chic, sündhaft teuer: 21.000 Mark verlangte Renault 1988 für das Sondermodell "Exclusiv" mit Vollleder-Ausstattung. Das war schön und gut, aber meilenweit entfernt von der jugendlichen Askese der frühen Jahre.