Alfa Romeo Spider 2.0 Aerodinamica
Alfa Spider im Stil der 80er

Geht das denn überhaupt, in Würde altern? Alfa Romeo hat sich 1983 daran versucht. Heute ist der damals verschmähte Spoiler-Spider ein fahraktives Zeitdokument der 80er Jahre.
Die Tester von AUTO BILD fanden schon damals klare Worte: "Unnötiger Spoiler-Unrat" verschandele den Alfa Spider aufs Übelste. Der Klassiker musste nämlich, obwohl im Herzen ganz der Alte, ab 1983 aufgeplustert um seine Zukunft kämpfen. Damals, als Cabrios auszusterben drohten, hatte Alfa seinen Dauerbrenner Spider radikal aufgefrischt. Vorn schraubten sie eine Schneeschaufel unter die nun klobige Stoßstange, hinten pappten sie einen schwarzen Gummiwulst aufs Blech. Und tauften ihr Werk stolz "Aerodinamica". "Gummilippe!", ätzte dagegen die Alfa-Szene, schockiert vom billigen Tuning-Tand an Front und Heck.
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Bild: Uli Sonntag
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Hier sind die US-Seitenleuchten integriert, während hiesige Versionen nur Blenden tragen. Dann die Stoßstangen, die der Crash-Neurose der Amis Rechnung trugen. So war der Spider ein re-europäisierter Italo-Amerikaner. Da verzettelt man sich schon mal. Doch es gab ja Trost. Denn am Grundkonzept hatte Alfa nicht herumgewerkelt. Die Karosserie blieb in ihrer Grundform erhalten und, wichtiger noch: auch die Technik. Den verführerischen Doppelnocker ließen die Konstrukteure damals unberührt. Auch der Antrieb blieb da, wo er hingehörte: hinten, samt archaischer Starrachse. Klar, sie war nicht mehr auf der Höhe der Zeit. Doch niemand in Amerika regte sich über so etwas auf.
Schongang? Fehlanzeige!
Die deutschen Yuppies, die sich einen Spider leisteten, auch nicht. Sie sonnten sich vor Eisdielen im Italo-Charme des offenen Alfa. Das tat auch eine junge Berlinerin, die neben ihrem neuen Spider posierte: Nena. Mit "99 Luftballons" hatte sie die Charts gestürmt – sogar in Amerika. Der Lust-Kraftwagen passte bestens. Ob sie die Alfa-Tugenden schätzte? Den trompetenden Klang, die langhubige Kraft in allen Lebenslagen? Noch im Fünften erklimmt die Nadel des Tourenzählers den roten Bereich. Schongang? Ach was. Der Kat allerdings, den Alfa ab 1986 im Zweiliter-Spider anbot, zügelte dessen Lebensfreude erheblich.
Operation gelungen, Patient tot
Statt zweier Doppelvergaser organisierte nun eine moderne L-Jetronic die Spritversorgung. Damit jedoch lief er zäh und zugeschnürt. Nüchtern zog AUTO BILD das Fazit: "Operation gelungen, Patient tot. Katalysator erwürgt Motor erfolgreich." Man muss es sagen: Der Zweiliter lag nun auf dem Niveau der 1.6er-Version – die gab es damals nicht mit Abgasreiniger. Kat-Chaos der 80er, Schwamm drüber. Heute zählen keine Zehntelsekunden mehr beim Beschleunigen oder beim Wedeltest. Auch nicht die Schwäche des Alfa-Getriebes, das seit jeher beim Hochschalten in den Zweiten kratzt.
Liebe kann man nicht erzwingen
So ist er eben, der Spider. Was zählt, sind seine starken Gene. Er bietet Alfa purissima, tief ins Zeitbad getaucht: Wer damals eine Swatch-Uhr trug, Witze über Kanzler Kohl riss und gegen den NATO-Doppelbeschluss protestierte, der hörte auch Phil Collins' "You Can’t Hurry Love" – auf Deutsch: Liebe kannst du nicht erzwingen. Auch nicht zur Gummilippe, dem Yuppie unter den Spidern. Denn wahre Liebe brennt. Oder es ist keine.
Technische Daten
Alfa Romeo Spider 2.0 Reihenvierzylinder, vorn längs • zwei oben liegende Nockenwellen über Duplexkette angetrieben, zwei Ventile pro Zylinder, zwei Horizontal-Doppelvergaser • Hubraum 1962 cm³ • Leistung 93 kW (127 PS) bei 5300/min • max. Drehmoment 178 Nm bei 4300/min • Fünfgangschaltgetriebe • Hinterradantrieb • vorn Einzelradaufhängung, hinten Starrachse • Reifen 165x14 HR oder 185/70x14 HR • Radstand 2250 mm • Länge/Breite/Höhe 4270/1630/1290 mm • Leergewicht 1040 kg • 0–100 km/h 10,2 s • Spitze 190 km/h • Verbrauch 11,4 l Super/100 km • Neupreis (1983) 28.800 Mark.
Historie

Bild: Werk
Plus/Minus
Der Charme eines Spoiler-Spiders erschließt sich nicht jedem. Genau das ist sein Vorteil: Er ist eine höchst individuelle Mixtur aus klassischem italienischem Sportwagen-Geist und skurrilem 80er-Jahre-Flair. Das muss man mögen, um eine Gummilippe lieben zu können. Sonst empfiehlt es sich, über die Vorgänger Fastback oder Rundheck nachzudenken – wobei die deutlich teurer sind. Die Technik ist dabei kein Kriterium, sie hat sich über die Baujahre kaum verändert. Eine Ausnahme: der ab 1986 (damals gegen horrenden Aufpreis) lieferbare Kat samt Einspritzung. Dem Sportler raubt er seinen freien Atem. Und sonst? Ist ein gut gewarteter Spoiler-Spider durchaus alltags- und reisetauglich, leidlich komfortabel, fährt sich jedoch bei Nässe gern zickig. Und noch etwas muss hier stehen: Er rostet natürlich, der Spider.
Marktlage
Einen Run auf Spoiler-Spider gibt es (noch) nicht – das Angebot ist größer als die Nachfrage. Dennoch sind gepflegte Exemplare selten geworden. Ihr großer Reiz liegt im günstigen Tarif: Selbst top erhaltene 2,0-Liter-Vergaser liegen weit unter der 10.000-Euro-Marke – der Spoiler-Spider bietet Fastback-Technik zum Dumpingpreis. Noch günstiger sind Kat- und 1,6-Liter-Spider. Aber auch viel reizärmer.
Ersatzteile

Bild: Uli Sonntag
Empfehlung
Wenn schon 80er-Kult, dann richtig: einen gepflegten Gummilippen-Spider in Türkismetallic, selbstverständlich mit Spoiler-Satz (und keinesfalls einen Rückbau). Als Motor lockt der Zweiliter-Doppelvergaser, und wenn er vor 1986 gebaut wurde, verströmt das Interieur noch das reizvolle, alte Alfa-Flair. Keinen Sinn ergeben Spider mit Sanierungsbedarf (zu teuer), und nur Sparfüchse stehen auf 1,6-Liter-Motoren und 2,0-Kat-Versionen (zu schlapp). Tabu sollten Umbauten und Kat-Nachrüstungen sein. Hier ging manches in die Hose. Vorsicht: Alfa bot zeitweise auch ungeregelte Katalysatoren an.
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