Quasi aus dem Nichts zauberte die schwedische Kalmar Verkstads AB den motorisierten Postkasten namens Tjorven. Die Briefverteiler brauchten so ein praktisches Vehikel vor allem fürs Land. Die Kalmar-Werkstatt entwarf also einen soliden Rahmen aus vierkantigem Schwedenstahl, motorisierte ihn mit der Technik des DAF 44 und setzte darauf eine gut verarbeitete Plastik-Karosserie nach Art des VW Fridolin. Der Fahrer sitzt rechts und kann durch die Schiebetür bequem fast jeden Briefkasten erreichen, ohne dabei aussteigen zu müssen.
Kalmar 441 B Tjorven
Kaum zu glauben: ein Schwede aus Plastik – mit DAF-Technik aus Holland.
Dabei wäre Aussteigen eine gute Idee, denn von Ergonomie hatten die Konstrukteure null Ahnung. Der Fahrer sitzt, nein: hockt, besser: klemmt auf einem Stuhl von Notsitz-Qualität. Damit sogar Langbeinige mal den Boden erreichen können, gehört ein dicker Klotz zur nachträglichen Grundausstattung. Das Gaspedal sitzt mittig, das Bremspedal links von der Lenksäule. Für ein Kupplungspedal wäre kein Platz mehr. Das braucht Tjorven auch nicht, bedient er sich doch der bewährten DAF-Variomatic. Wer sich also erstmals in einen Tjorven schwingt, der muss gewohnte Bewegungsabläufe vergessen und umlernen. Und wer in Kurven nicht vom Sitz rutschen oder aus der geöffneten Tür fallen will, der hält sich wohlweislich am Lenkrad fest oder packt den Griff an der Armaturentafel. Wenn es aber einfach nur geradeaus geht, dann belohnt das Brivbärerbil (zu Deutsch: Postbotenauto) seine Insassen mit bekannter DAF-Dynamik. Schalthebel auf vorwärts gestellt, den Zweizylinder so auf gefühlte 2000 Umdrehungen gebracht, und ab geht die Post.

Der clevere Dreitürer: DAF 66 Variomatic

Kalmar 441 B Tjorven
Theoretisch sind die Sitze verstellbar, in der Praxis braucht es aber den Holzklotz als Fußablage.
Nur die Tachonadel verrät den Vorwärtsdrang der 34 PS, und theoretisch wäre erst bei fast 100 km/h Schluss. Doch nicht nur der im Armaturenbrett sitzende Extraknopf für die Motorbremse hält Tjorven im Zaum, sondern auch die ab Tempo 60 nervig ansteigenden Motor- und Windgeräusche. Da die Schiebetüren altersbedingt schlecht sitzen, zieht es aus allen Ritzen. Dazu klötert das Fahrwerk, klappert und ächzt. Die Lenkung hat – ganz original – so viel Luft wie die Schiebetüren, der alte Schwede torkelt wie ein Elch, der zu tief ins Brännvin-Glas geschaut hat. In der kurzen Bauzeit von 1968 bis 1971 liefen 2170 Tjorven im südschwedischen Städtchen Kalmar vom Handarbeits-Band. Etliche gingen als DAF nach Holland, unser Testwagen diente lange als Starthelfer mit Extra-Batterie an Bord und war im nordischen Winter sicher gut beschäftigt. Uns hat der schrullige Schwede nach etlichen Testkilometern doch noch das Herz erwärmt. Fröhlich klemmen wir hinterm Lenkrad – es ist, als habe uns der Tjorven-Troll verzaubert. Den Charme dazu bringt der postgelbe Kasten ja ganz portofrei mit.