Diese Zahlen müssen wir einfach ausschreiben: vier Meter sechsundneunzig lang, eintausendsiebenhundertvier Kilogramm schwer – der Mercedes 280 SE ist ein mächtiger Brocken. Teile der W 116-Konstruktion gehen noch auf den Vorgänger W 108 aus den 60er-Jahren zurück. Aber was Mercedes ab 1972 auf die Räder gestellt hat, verdient höchste Anerkennung. Zum Beispiel die ausladende Karosserie mit viel Chrombehang, die auf den ersten Blick an einen Panzerschrank erinnert. Und wirklich: Kein anderes Auto seiner Zeit ist so solide und steif wie die S-Klasse. Wie die Türen ins Schloss fallen – ein Tresor kann das nicht besser.
Mercedes 280 SE
Das aufpreisfreie Classicweiß lässt den 280er noch länger wirken, als er ist.
Innen geht der Überfluss weiter. Der Armaturenträger dick eingepackt, Dachpfosten und Türtafeln üppig mit weichem Kunststoff belegt, die Sitze fett aufgepolstert: ein deutsches Wohlstands-Wohnzimmer, liebevoll zusammengestellt und sorgfältig gearbeitet. Hier wird deutlich, wie sich Mercedes den Ruf von Top-Qualität erarbeitet hat. Dass dieses Wuchern mit Werten etliche Zusatz-Pfunde brachte, nahmen die Käufer hin. Das hohe Haus aus Stuttgart hatte schließlich seine Ehre zu verteidigen. Das Ergebnis der Sitzprobe bestätigt den Aufwand: Hier stimmt alles. Der Steuerstand ist klar und übersichtlich, der Sitz mit Federkern bequem wie ein Sofa, Funktion und Ausführung der Bedienelemente tadellos. Die Tast- und Fühlprobe signalisiert pures Wohlbehagen – Mercedes eben, wie wir sie schätzen gelernt haben. Motor an, leise surrt der Reihensechser. Und los geht's – etwas schwerfällig setzt sich die Fuhre in Gang, die Vierstufenautomatik schaltet sanft, will für zügige Fahrt in den S-Modus gebeten werden. Das pizzagroße Vierspeichenlenkrad wirkt überdimensioniert, vermittelt auch nur unverbindliche Informationen über die Stellung der Vorderräder.

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Mercedes 280 SE
Die S-Klasse ist kein Typ für schnelle Richtungswechsel. Speziell die indirekte und leichtgängige Lenkung stört dabei.
Aber leise ist der Benz! Ab 100 km/h tritt der Motor in den Hintergrund, jetzt übernehmen leise Zischelgeräusche des Fahrtwinds das Kommando. Und das bleibt so bis weit über 160. Keine Frage, das ist perfekter Langstreckengenuss, zumal die weiche Federung nahezu alle Unebenheiten wegbügelt. Wenn der 280er dennoch mal vom sicheren Kurs abkommt und ins Schlingern gerät, ist allzu hektische Fahrweise der Grund. Denn schnelle Kurven mag der Dicke nicht. Dann schaukelt sich die Karosserie auf, aus dem sturen Geradeausläufer wird ein taumelnder Elefant. Das ist zwar nicht gefährlich und durchaus beherrschbar, aber auch nicht angenehm. Cruisen will er, nicht driften. Dazu passt sein großzügiger Innenraum. Da stößt man nirgendwo an, seitlich und über den Köpfen ist ausreichend Raum, obwohl der Mercedes etwas knapper geschnitten ist als ein 7er BMW. Dafür langt er beim Spritverbrauch ordentlich hin. 17,5 Liter pro 100 Kilometer entlarven den Einspritzer als alten Säufer. Tröstlich, dass er sich aus einem gewaltigen 96-Liter-Tank vor der Hinterachse jederzeit bedienen kann. So sollten auch Etappen von 500 Kilometern kein Problem sein – wie es sich seit jeher für S-Klassen gehört.

Von

Jürgen von Gosen