Morgan ist die letzte Autofirma in Familienbesitz. Und nun feiert das Miniatur-Unternehmen auch noch seinen 100. Geburtstag – frei und unabhängig. Ein Wunder? Ein kleines schon, findet Wolfgang König.
Bild: Charlie Magee
Wolfgang König
Der letzte Überlebende. Morgan, der Gusseiserne, der letzte waschechte Britenroadster für Kaltduscher, für Männer mit Haaren auf der Brust. Eine Bastion gegen die Verweichlichung, seit 100 Jahren schon – so kennt ihn die Welt. Da kann es schon überraschen, dass Charles Morgan uns nicht in einer alten Fliegerjacke und mit Schutzbrille begrüßt. Der Mann, 56, Firmeneigner in dritter Generation, trägt smartes Business-Outfit und sagt smarte Sachen: "Wir haben eine Vision und einen Plan für die Zukunft." Schluck. Visionen bei Morgan? Klingt so glaubwürdig wie ein elektrisches Kaminfeuer. Aber dann gibt er Entwarnung, und wir atmen hörbar aus: "Unsere Vision basiert auf den alten Morgan-Werten – geringes Gewicht, einfache, effiziente Technik."
Mit sieben PS bei 80 Kilo Gewicht wurde der erste Morgan zum Sportwagen
Damit fing vor 100 Jahren alles an: der Morgan Threewheeler von 1909.
Bild: Charlie Magee
Gut so. Morgan weiter: "Wir werden auch künftig Autos mit langen Motorhauben bauen, zum Zielen – so als ob man ein gut ausbalanciertes Gewehr abfeuert." Klasse. "Du wirst weiterhin auf der Hinterachse sitzen – für mehr Gefühl im Hintern. Und das Auto wird sich wie deine Lieblingsschuhe anfühlen." Beifall. Schließlich: "Wir bleiben ein Familienbetrieb und sind keine Erbsenzähler-Company." Jawohl. Vater Peter und Großvater Harry würden Charles dafür auf die Schulter klopfen. Harry Frederick Stanley, gelernter Eisenbahn-Ingenieur, legte 1909 den Grundstein in Form eines spindeldürren Dreirads. Der Einsitzer wurde mit einer Ruderpinne gesteuert, hatte sieben PS, wog nur 80 Kilo und beschleunigte derart rabiat, dass ihn Augenzeugen bereits einmütig als Sportwagen einstuften.
Mit dem brandneuen Aero Super Sports feiern die Engländer ihr Jubiläum
Morgan der Moderne: der brandneue Aero Super Sports neben seinem Urahn.
Bild: Charlie Magee
Mehr noch: Vorn brüstete sich die Nummer eins mit einer hypermodernen Einzelradaufhängung. Die Morgan-Family war von dieser Mimik derart begeistert, dass sie bis heute Verwendung findet. Und im V6-Roadster über 200 PS aushält. Was nicht bedeutet, dass bei Morgan die Uhren stillstehen, trichtert uns Enkel Charles ein. Im Gegenteil. Mag es die Morgan-Folklore auch nicht wahrhaben wollen: Hinter den antiken Backsteinmauern des Unternehmens wütet der Fortschritt. Zum Beweis hat er den Aero Super Sports mitgebracht. Es ist der neueste Morgan, wie der Aero 8, aber mit Targadach und Bootsheck. Und mit 325 PS. Skurril, aber cool, und wie von einem anderen Stern. Daneben scheint Großvaters Meisterstück in der Gegend des Urknalls angesiedelt.
Morgan-Sammler Chris Booth hat es wiederauferstehen lassen, originalgetreu, sogar mit dem echten V2-Motor von Peugeot bestückt. Nur zwölf Kilo kommen auf jedes PS, das gleicht einem durchschnittlichen VWGolf. Entsprechend hurtig tuckert das Dreirad los – vor 100 Jahren muss so viel Dynamik den Kreislauf angeregt haben wie heute der Schleudersitz eines Jagdbombers. Die Lenkung ist extrem direkt, das Cockpit mangels Karosserie äußerst luftig und die Sitzposition höchst entspannt. Wie beengt und für Morgan-Fans enttäuschend windstill dagegen die Unterbringung im neuen Super Sports – haben Morgan vor lauter Fortschritt die guten Geister verlassen? Charles winkt ab. Schließlich gebe es sie ja noch, die klassischen Roadster, ganz die Alten seit 73 Jahren, als man den ersten Vierrad-Morgan erfand.
Bei Morgan setzt man auch heute noch auf Handarbeit aus Großvaters Zeiten
Handarbeit wie zu Großvaters Zeiten: Morgan-Produktion im westenglischen Malvern Link.
Bild: Nick Dimbleby
Und nach wie vor werde in den 1918 bezogenen Hallen geschreinert, gedengelt, geschraubt und genäht, Handarbeit wie zu Vaters und Großvaters Zeiten. Nur etwas effizienter eben, denn statt über 40 Stunden braucht es heute für einen neuen Roadster nur noch 17 Stunden. 750 Autos sind es im Jahr. "Aber ohne Stress", fügt Morgan III. hinzu. "Für einen Plausch haben die Leute immer Zeit." Da ist es vielleicht kein Wunder, dass ein prominenter BBC-Experte nach eingehender Analyse 1990 zum vernichtenden Urteil ausholte. "Wer so Autos baut, wird nicht lange überleben", donnerte es aus den TV-Geräten der Nation. Die Zuschauer waren anderer Meinung: "Nach der Sendung schnellte der Auftragseingang um 50 Prozent hoch", grient Charles Morgan. Gut, aber wie sind die Überlebenschancen heute? "Es wird hart werden. Wir müssen leichte, effiziente Sportwagen bauen, die Spaß machen, aber keine schädlichen Gasblasen hinter sich herziehen. Wir müssen der Gepard unter den Rhinozerossen sein." Genau wie vor 100 Jahren das Dreirad also.