Frontantrieb! Luxus! Styling! Der Oldsmobile Toronado, der Name ebenso eine Kunstform wie am Ende das ganze Auto, hatte die besten Ingenieure und Designer bei GM mehr als sieben Jahre lang beschäftigt. Über 2,4 Millionen Testkilometer waren zurückgelegt worden, bis das Projekt XP-784 im Jahr 1966 der Öffentlichkeit präsentiert wurde.

Warum hatte der Oldsmobile Toronado Frontantrieb?

Warum dieser ganze Aufwand, wieso nur alles anders machen, weshalb das Auto komplett neu erfinden?
Weil sie es wollten, und weil sie es konnten!
Natürlich sprechen auch sachliche Gründe für Vorderradantrieb: ebener Innenraumboden, Geradeauslauf, Gewichtsersparnis. Und so ein Modell in relativ kleiner Stückzahl war für GM ein geeignetes Experimentierfeld für die Technik. Aber sicher ging es auch darum, Oldsmobile ein neues Technik-Image zu verpassen mit einem Modell, das in seiner Marktnische diese Einzigartigkeit bot.
Oldsmobile Toronado
Kein Falz zu viel, keine Linie ohne Sinn. GM hüllte die neue Technik in eine schnörkellose, Kraft ausstrahlende Fastbackform.
Bild: Volker Corell
Die Story des Toronado ist eine amerikanische Geschichte. Von Fortschrittsglauben und grenzenloser Begeisterung. Wie die Eroberung des Wilden Westens.

Design: Wie der Toronado an den Cord 810 erinnerte

Bei der Wiederentdeckung des Frontantriebs ließen die Entwickler nur ein Vorbild gelten, den längst legendären Cord 810 von 1936. Angetriebene Vorderräder, V8-Motor, ein wegweisendes Design und Klappscheinwerfer machten ihn berühmt und erfolglos. Er starb in Schönheit.
Cord 810
Der frontgetriebene Cord 810 von 1936 war das Vorbild für den Oldsmobile Toronado.
Bild: Götz von Sternenfels / AUTO BILD
GM belebte die Idee 30 Jahre später erneut. Mit den verborgenen Scheinwerfern, dem längsgerippten Kühlergrill und den gelochten Rädern verbeugten sich die Designer vor dem Original und schufen um die Zitate etwas völlig Neues.
Oldsmobile Toronado
Klappscheinwerfer und horizontal verrippter Grill des Toronado erinnern an den Cord 810.
Bild: Volker Corell
Endlos die Front, wo die revolutionäre Antriebstechnologie, das Herz des Toronado, zu Hause war. Dazu ein Fließheck, dessen C-Säulen ohne Unterbrechung ins glatte Heck ausliefen, und breit ausgestellte Radhäuser als Symbol für Kraft und Selbstbewusstsein. Kaum Zierleisten, kein Firlefanz, alles aus einem gewaltigen Guss. Die Form des Toronado gehört zum Besten, was US-amerikanisches Autodesign je hervorgebracht hat.
Oldsmobile Toronado fahrend von der Seite
Der Radstand wirkt kurz, ist aber tatsächlich heftige 3,02 Meter lang – der ganze riesige Toronado misst 5,36 Meter, deshalb sind die Überhänge so lang.
Bild: Volker Corell / AUTO BILD
Einer der entscheidenden Designer des Toronado war David R. North (1936–2026). Vorher hatte North an Pontiac-Modellen mitgearbeitet. Nach dem ersten Toronado wurde er für alle Modelljahre des Luxus-Fronttrieblers verantwortlich, in den 80er-Jahren wurde er Designchef bei Oldsmobile.

Oldsmobile: GM-Marke mit großer Technik-Geschichte

Kein Zufall, dass sich die Oldsmobile-Division mit dem Technologieträger Toronado schmücken durfte. In der Hierarchie der Marken reihte sich einer der ältesten Autohersteller Amerikas, 1897 von Ransom Eli Olds gegründet, im oberen Mittelfeld neben Buick ein, Sport und Luxus prägten das Bild.
Bei Oldsmobile war traditionell Platz für Experimente, die GM-Zukunft fand hier immer etwas früher statt: V8-Motor mit hängenden Ventilen (OHV, 1949) und Turbolader im Serien-Pkw (1962) wurden bei Olds eingeführt.
Oldsmobile Toronado
Durch das schräg von unten nach oben gezogene Cockpit ohne Kardantunnel und Mittelkonsole entsteht viel Platz in der ersten Reihe.
Bild: Volker Corell
Mit dem Toronado fischte GM jene Kunden der stylish-gediegenen "Personal Luxury"-Class ab, die neben Ford Thunderbird, Buick Riviera und Chrysler 300 etwas völlig Neues und Andersartiges suchten. Was sie fanden, war ein 5,36 Meter langes und 210 km/h schnelles Kingsize-Coupé, das mit makellosem Geradeauslauf überzeugte und bei scharfem Fahrstil und wechselnden Lenkeinflüssen in Windeseile den Gummi von den Vorderrädern fetzte. Was sie genossen, war das Odeur des Besonderen, des technischen Fortschritts.
Oldsmobile Toronado
Das verwinkelte Cockpit mit Walzen-Tacho könnte auch von Citroën stammen.
Bild: Volker Corell
Was sie nicht sahen, ja kaum erahnen konnten, war der Aufwand, den General Motors getrieben hatte, um konventionelle Motoren und Getriebe zu einem Frontantriebspaket zusammenzuschnüren. (Zahmere Alternative: Ford Mustang)
Oldsmobile Toronado
Das Nummernschild verweist stolz auf front drive oder front wheel drive, den Frontantrieb des Oldsmobile Toronado.
Bild: Volker Corell / AUTO BILD

Technik: V8, Kettenantrieb und Turbo-Hydra-Matic 425

Lenkung, Bremsen, Ansaugtrakt, Kühlung, Kraftschluss – alles musste für den Toronado speziell konstruiert werden. Ein Kunstgriff koppelte die Dreistufen-"Turbo-Hydra-Matic 425" an den Siebenliter-"Super Rocket"-V8. Der Drehmomentwandler sitzt hinter dem Motorblock, Getriebe und Differenzial seitlich versetzt unter der Zylinderbank auf der Fahrerseite, verbunden sind beide durch einen Kettentrieb. Diese unkonventionelle, aber (meist) haltbare Konstellation schafft Platz für sechs Personen im Innenraum, kein Kardantunnel wölbt das Bodenblech.
Und: Langsam und ohne Hast rollten die Montagebänder im Oldsmobile-Werk in Lansing/Michigan. Der Toronado galt als hochwertig gebaut, als kaum reparaturanfällig.
Oldsmobile Toronado
Machart und Material des Oldsmobile Toronado sind von besonderer Güte.
Bild: Volker Corell
Weil Olds auch den Ruf einer sportlichen Marke zu verteidigen hatte, meldeten einige Wahnsinnige aus dem Marketing die Fronttriebler sogar beim Bergrennen auf dem Pikes Peak. 40.963 Käufer entschieden sich 1966 für einen Toronado. Und als im Jahr darauf der frontgetriebene Eldorado auf den Markt kam, erhielt das Antriebskonzept endgültig höchste Weihen. Ein Cadillac mit Vorderradantrieb – der Westen war wieder etwas weniger wild geworden.

Historie des Oldsmobile Toronado

1965: Debüt des Oldsmobile Toronado zum Modelljahr 1966. In diesem Jahr wählt die Zeitschrift "Motor Trend" den frontgetriebenen Gran Turismo zum "Auto des Jahres". 6333 Basis- und 34.630 Deluxe-Modelle werden verkauft.
Modelljahr 1968: Facelift mit geänderter Front und Stufenheck sowie größerem 7,5-Liter-V8. Auf Wunsch steht eine High-Performance-Variante mit 400 SAE-PS zur Verfügung.
Modelljahr 1970: Das große Facelift erscheint, immer noch mit Frontantrieb, aber mit konventioneller Karosserie und frei liegenden Scheinwerfern.
Historische Zeitungsanzeige oder Zeitschriftenanzeige für den 1970er Oldsmobile Toronado
Der Oldsmobile Toronado von 1970 war ein Muskelprotz mit Frontantrieb und 7,5-Liter-V8.
Bild: Oldsmobile
Modelljahr 1971: zweite Generation des Oldsmobile Toronado.
1971 Oldsmobile Toronado stehend schräg von vorn, zeitgenössisches Farbfoto
Zweite Generation: 5,58 Meter lang, weniger sportlich, Lufteinlässe unter den Scheinwerfern.
Bild: Oldsmobile
Im Modelljahr 1976 wird der 7,5-Liter-Motor durch einen 6,6-Liter-V8 ersetzt.
Modelljahr 1978: Die dritte Generation des Toronado schrumpft und wird erstmals auch mit einem 120 PS starken 5,7-Liter-V8-Dieselmotor angeboten – "Oberklasse-Luxus bei Kompaktklasse-Verbrauch".
Grafik: 1978er Oldsmobile Toronado stehend schräg von vorn
Der Toronado von 1978 war nur noch ein Auto, auch die Motoren schrumpften.
Bild: Oldsmobile
Im Modelljahr 1981 ersetzt ein V6-Motor den Standard-V8.
1985: Der letzte Toronado erscheint zum Modelljahr 1985, wieder mit Klappscheinwerfern. Einzige Motorisierung ist ein 3,8-Liter-V6 mit Benzineinspritzung und 142 PS.
1985er Oldsmobile Toronado stehend schräg von vorn
Der Oldsmobile Toronado von 1985 war ein Schatten seiner selbst, 1992 kam das Ende.
Bild: privat
Zum Modelljahr 1990 erhält der Toronado ein letztes Facelift mit neuer Karosserie, 1992 läuft die Baureihe aus.
Im April 2004 stellt GM die Marke Oldsmobile ein.

Technische Daten 1966 Oldsmobile Toronado

Oldsmobile Toronado
Der V8 ist ein Monster des amerikanischen Motorenbaus. 385 SAE-PS und 645 Nm fressen Reifen und Sprit im Zeitraffer.
Bild: Volker Corell
  • Motor V8, vorn längs, zwei Ventile pro Zylinder, über zentrale Nockenwelle und Hydrostößel betätigt, Vierfach-Fallstromvergaser
  • Hubraum 6964 cm³
  • Leistung 283 SAE-kW (385 SAE-PS) bei 4800/min
  • Antrieb Dreistufenautomatik, Frontantrieb
  • Fahrwerk Einzelradaufhängung an Querlenkern und Schraubenfedern vorn, Starrachse an Blattfedern hinten
  • Reifen 8.85 H 15
  • Radstand 3023 mm
  • Länge/Breite/Höhe 5360/1990/1345 mm
  • Leergewicht >2000 kg
  • Beschleunigung 0–100 km/h 8,5 s
  • Höchstgeschwindigkeit 210 km/h
  • Verbrauch 24 Liter Super/100 km
  • Neupreis 1966 4585 Dollar

Kleine Kaufberatung zum Oldsmobile Toronado

Mit dem Oldsmobile Toronado kehrte 1966 der Vorderradantrieb in den US-Fahrzeugbau zurück, Antriebstechnik und Design machen diesen Ami zum Meilenstein in der Autogeschichte. Zudem ragt die Qualität aufgrund sorgfältiger Fertigungsmethoden über das übliche Mittelmaß hinaus. Wer es ganz anders mag, liegt bei diesem Fullsize-Coupé also goldrichtig.
Damals wie heute gelten Toronado-Besitzer als Nonkonformisten mit Technikkompetenz, bezahlen dafür aber Aufpreis. Rost ist immer ein Thema; fehlt oder geht etwas am Olds kaputt, wird es teuer.
Noch größer als der Verschleiß der hoch beanspruchten Reifen an der Vorderachse ist der Durst des Siebenliter-V8, der sogar in den USA als Säufer gilt. Über 20 Liter Super sind vollkommen normal.

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Ersatzteile für den Oldsmobile Toronado

Selbst in den USA sind Ersatzteile für den Toronado der ersten Generation Mangelware. Aufgrund geringer Stückzahlen und herausgehobener Position im Markenverbund hilft noch nicht einmal ein Griff in den GM-Baukasten, allenfalls bei Motor und Bremsen passen Teile anderer GM-Fabrikate. Jährliche Modellpflege und fortlaufende Modifikationen erschweren die Suche.

Marktlage

Trotz großer Motoren mit hoher Leistung ist der Hype um die Muscle Cars am Toronado vorbeigegangen. Die meisten Autos wechseln im kleinen US-Fankreis die Besitzer.

Empfehlung

Niemals leichtfertig und aus einer Laune heraus einen Toronado kaufen. Ersatzteile und Unterhalt sind teuer, die Technik verlangt nach erfahrenen Händen, das Blech ist rostempfindlich, weil schlecht konserviert.
Deshalb hier ein oft gehörter Rat: immer und unbedingt das beste bezahlbare Auto kaufen, auf das Vorhandensein aller Chrom- und Zierteile achten und die Mechanik sehr genau prüfen. Eine Instandsetzung kommt teuer, die Nachfrage in Europa ist gering – beim Wiederverkauf muss mit Verlust gerechnet werden.