Ein Opel Kadett B mit Automatik – da recken selbst eingeschworene Opelaner die Arme in die Luft und laufen panisch kreischend davon. Zugegeben, das bewährte 55-PS-"Nähmaschinchen" mit einer Dreigang-Wandlerautomatik zu paaren, verspricht auf dem Papier verhaltenes Vorwärtskommen und großen Durst. Niemand spricht hier von "Motor" – der 1100er ist die Basisabsicherung für das automobile Leben, wie auch eine Lackierung nur dem Schutz des andernfalls nackten Blechs dient. Und deshalb nicht mehr als weiß sein muss. Unser Testwagen suhlt sich in dieser bescheidenen Bürgerlichkeit. 
Opel Kadett 1100 S
Der Kadett ist kein Temperamentsbolzen, aber doch sehr wendig und leichtfüßig.
Bild: Roman Raetzke
Mit Sondererlaubnis darf er neben den wesentlich grelleren Probanden stehen, weil er quasi ein Neuwagen ist: Unglaubliche 7.366 Original-Kilometer stehen auf dem Tacho dieses Exemplars, weil die Erstbesitzerin, eine Handarbeitslehrerin, sich selten zu fahren traute. Die Laufleistung ist auch spürbar. Weil beispielsweise noch kein Lackierer die Rotznasen, die ab Werk an der B-Säule hinabkullerten, glatt gebügelt hat. Oder weil das schwarze, harte Kunststoff-Lenkrad noch nicht abgegriffen glänzt, sondern noch immer den matten Schimmer der Neuwertigkeit trägt. Es braucht nur zwei Finger, um es (der Zahnstangenlenkung und des geringen Motorgewichts auf der Vorderachse sei Dank) wie in einem amerikanischen Straßenkreuzer von Anschlag zu Anschlag zu drehen.

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Opel Kadett 1100 S
Knallrote Innenausstattung zum weißen Wagen, damals zeittypisch, geht heute auch wieder!
Bild: Roman Raetzke
Was aber auch die einzige Gemeinsamkeit des Mini-Opel mit den GM-Dampfern aus Amerika ist. Achtern arbeiten bereits Schraubenfedern, Längslenker und Panhardstab zusammen, nachdem der Kadett 1967 den hinteren Blattfedern abschwören musste (die Querblattfeder unter der Vorderachse aber behalten durfte). Das verschaffte ihm größere Beherrschbarkeit bei gutem Komfort. Trotzdem wogt der Kadett opelig geradeaus, jede Unebenheit zieht eine verhaltene Wellenbewegung nach sich. Querfugen in Kurven lassen ihn auch mal leicht versetzen, den Pylonen-Slalom durchwedelt er aber souverän. Und die Automatik? Die trägt kurioserweise dazu bei, dass er flott vorwärtskommt und nicht an der niedertourigen Gangart eines ängstlichen Fahrers verzweifeln muss. Beim Innengeräusch liegt der Kadett im Mittelfeld; und das, obwohl bis 80 km/h die zweite Fahrstufe im Einsatz bleibt und die Drehzahl hoch hinaus treibt. Erstaunlich, wie behände der Opel dabei aus seiner vermeintlich größten Schwäche eine echte Tugend macht. Nett, so ein Automatik-Kadett. Lecker wie Currywurst und bei Bedarf dennoch knackig wie ein im Feuer gerösteter Marshmallow.
Stufenheck, zweitürig: So schätzten ihn die meisten. Vielleicht, weil sie bereits vom größeren Rekord träumten. Komfortabel, flott und praktisch war der Kadett bereits in seiner kleinsten Ausführung. Trotz alledem ist er der Kleinbürgerlichste im Bunde.