Reiz der ersten Nacht trifft Ehrfurcht vor Unwiederbringlichem. Soll man einen kaum benutzten Oldtimer wieder auf die Straße bringen? Zwei Redakteure streiten über das Für und Wider.
Oldtimer mit 20.000 oder weniger Kilometern auf dem Zähler finden wir von AUTO BILD KLASSIK inzwischen öfter, als wir es selbst früher dachten. Neu- und Vorführwagen allerdings, die mit drei-, zwei- oder gar einstelligem Kilometerstand, die Jahrzehnte in Autohäusern überdauert haben – das sind große Ausnahmen. Viele Auto-Fans träumen davon, so ein unberührtes Exemplar zu finden, spröde Teile zu ersetzen, neue Flüssigkeiten einzufüllen und als Erster damit auf die Straße zu fahren. Und wäre es nicht toll, einen Oldtimer im Erstlack zu fahren, ohne Rost womöglich, ohne Abrieb, zuverlässig, wie frisch aus der Fabrik? Andererseits: Wäre es nicht besser, den letzten Neuwagen einer Baureihe auch als Neuwagen zu erhalten? Zwei Redakteure stellen sich der Entscheidung.
"Eine platonische Beziehung macht mich nicht glücklich"
Ja, bitte: Christian Steiger würde fahren wollen.
Bild: Auto Bild
Ich hätte sie haben können, die felsgraue Isabella TS mit nur 1653 Kilometern aus dem Autohaus Stock. Erst war sie teuer, dann war sie verkauft, aber an die Zeit dazwischen erinnere ich mich auch mehr als 20 Jahre später noch: Ich lag nachts wach und fragte mich, ob man so ein Auto überhaupt fahren darf. Ob nicht der Reiz verfliegt wie ein Tagtraum, wenn der Kilometerzähler nach Jahren bei 16.530 steht. Oder bei 36.530. Ob es nicht Frevel ist, einem jungfräulichen Automobil so etwas wie Verschleiß zuzumuten. Ich habe mich damals – theoretisch – fürs Fahren entschieden. Natürlich nicht täglich. Nicht einmal oft. Aber nur anschauen und reinsetzen und stolz auf ein Museumsstück sein, das würde ich nicht fertigbringen. Gerade deshalb, weil so ein neues altes Auto die perfekte Zeitkapsel ist. Keine Restaurierung der Welt schafft es, das Neuwagengefühl von damals zu simulieren. Mehr geht nicht für einen Oldtimer-Menschen, der den Unterschied spüren kann. Ich will ja auch keine platonische Beziehung zu meiner Traumfrau. Die neue Isabella hätte ich aber schon gern gehabt. Weiß jemand, wo sie heute ist?
"Jeder neue Kilometer würde mir wehtun"
Nein, danke: Frank B. Meyer würde konservieren.
Bild: Auto Bild
Klassische Autos müssen gefahren werden. Denn die Zielgruppe ist draußen auf der Straße: Menschen, die von Klassikern überrascht und begeistert werden. Die den Wagen in Bewegung sehen, die seinen Sound hören, die auf dem Parkplatz in den Innenraum schnuppern und die Hitze des Verbrennungsmotors spüren. Aber für einen Oldtimer, der erst 1653 Kilometer oder weniger runter hat, gilt das nicht, finde ich. Denn der Neuwagenzustand ist nicht reproduzierbar, wie Christian Steiger richtig schreibt. Er ginge mit den Kilometern nach und nach verloren. Die Zeitkapsel wäre nicht nur geöffnet, sondern beschädigt. Denn Verschleiß wäre unvermeidbar, der Neuwagengeruch würde sich verflüchtigen, der Kilometerstand ins Belanglose steigen. Auch die Gefahr, einem Fahrer in die Quere zu kommen, der am Steuer seines Carsharing-Smart gerade auf dem Smartphone herumtippt, würde mir den Fahrgenuss verhageln. Ich würde bei einem alten Neuwagen den Zustand dokumentieren, ihn konservieren und ausstellen. Sollte ich das Bernsteinzimmer finden, würde ich ja auch nicht dort einziehen. Soweit die Meinung der beiden Redakteure. Was meinen Sie? Stimmen Sie oben ab!