Volvo und Luxus, das war in den 70ern so ungewohnt wie Vorstandsbosse mit SPD-Parteibüchern. Und doch gab es beides – selten. So kommt es, dass die Schweden erst zu Beginn der 80er eine eigene Oberklasse-Familie gründeten. Der Vorgänger stemmte sich ab 1974 noch auf simplere Tour gegen die deutsche Elite: Mittelklasse plus großer Motor gleich Oberklasse. Heißt: Der 244 verwandelte sich mit V6-Triebwerk, Rechteckscheinwerfern, größeren Rückleuchten und luxuriöser Innenausstattung in den Ober-Volvo 264. Und bietet trotz der Außenlänge von 4,90 Metern kein Oberklasse-Format. Das Raumangebot orientiert sich eher an der Mittelklasse. Kein Wunder, sind doch die Fahrgastzelle eher kompakt, der Achsabstand vergleichsweise gering und die Stoßstangen überdimensional groß geraten.
Volvo 264 GLE
Design? Eher nein. Doch genau diesen uneitlen Auftritt schätzten die Freunde des früheren Volvo-Topmodells.
Aber diese fetten Rempel-Schützer waren damals untrennbar mit dem Volvo-Sicherheitscredo verknüpft. Keine Überraschung also, dass sich der Volvo ganz anders fährt als seine vier deutschen Konkurrenten. Er signalisiert vom ersten Augenblick an: Ich bin ich. Und ich bin wie kein anderer. Status? Egal. Sportlich? Von wegen. "Charakter" nennen das die Nonkonformisten. "Schrullig", winken die Stylisten ab. Ein Volvo 264 lässt sich halt in keine Schublade packen. Dass er sich beim harten Testen bisweilen selbst ins Abseits manövriert (speziell das Handling bei schnellen Richtungswechseln ist abenteuerlich), war nie sein Problem. Wer einen Volvo pilotiert, ballert nicht über kurvige Landstraßen – er genießt die ruhige Geradeausfahrt. Aber auch ein flotter Schwede muss mal ausweichen. Und hat dann alle Mühe, mit der schwammigen Lenkung das schlingernde Schiff auf Kurs zu halten.

Mit Ruhe und Gemütlichkeit: Volvo 144

Volvo 264 GLE
Geradeaus ist die Lieblingsrichtung des Volvo 264. Spurwechsel mag er nicht so gern.
Doch keine Sorge: Die Volvo-Entwickler waren konsequent, haben dem 264 einen gemütlichen Motor verpasst. Es ist der V6 aus der Kooperation mit Peugeot/Renault. 2,7 Liter Hubraum liefern 148 PS, das reicht für gerade mal 180 Spitze. Auch hier steht er sich selbst im Weg, die Aerodynamik einer Schrankwand lässt nicht mehr zu. Dafür gibt er sich beim Spurten alle Mühe und kann sogar die S-Klasse abfangen. Kein Hexenwerk, aber doch erstaunlich: Der Schwedenstahl-Kreuzer bringt nur 1351 Kilogramm auf die Waage. Vielleicht liegt es daran, dass Volvo "auf äußere Statussymbole verzichtet und das Understatement bevorzugt"? Die Werbung war damals stolz darauf. Der schlichte Innenraum bestätigt es: Hartplastik dominiert, Kopfstützen gibt es nur vorn, und die Sitze sind weich mit wenig Seitenhalt. Nur der Feinvelours-Bezug macht sie ein bisschen griffig. Wenn der 264 etwas besonders gut kann, dann ist es das Glattbügeln schlechter Straßen. Die Federung mit langen Wegen gibt sich nämlich besonders schluckfreudig. Mit der Dämpfung hat's der Volvo dagegen nicht so – weshalb sich der harte Nordmann bisweilen wie ein Wackelpudding anfühlt.

Von

Jürgen von Gosen