Schlüter Profi-Gigant

Schlüter Profi-Gigant

— 30.09.2009

Das ist Europas stärkster Allrad-Traktor

Ein Schlüter ist so etwas wie der Bentley unter den Traktoren. Ein Enthusiast aus Augsburg hat den stärksten Schlepper Europas gebaut – auf Basis eines Oldtimers von 1973 und mit Schiffsdiesel!

Dieses Cockpit! Es würde auch einem Edel-Motorboot zur Ehre gereichen: eine Sammlung von 13 Rundinstrumenten, nachts effektvoll schummrig beleuchtet, eingefasst in edles Palisanderholz. Es gibt Auskunft über Dinge wie die Getriebetemperatur – in keinem Pkw findet sich ein solches Instrument. Alles nur Show? "Nein! Damit können Sie einen zwölffurchigen Pflug ziehen", sagt Manfred Streitberger (37), Bruder des Erbauers. Es verhält sich ähnlich wie mit einem Range Rover: Kann alles im Gelände, ist aber eigentlich zu schade – das Schmuckstück repräsentiert 4000 Arbeitsstunden und den Gegenwert eines netten Häuschens.

Basis für den Super-Trekker ist ein Schlüter Profi Trac 3500

Der Blick aus der Fahrerkabine gleicht dem von der Kommandobrücke eines Binnenschiffes.

Wer war Schlüter? Firmenpatriarch Anton Schlüter ließ in Freising bei München ab 1949 Traktoren bauen, spezialisierte sich früh auf Großschlepper. Für seine kühnen Kreationen verehrt ihn die Ackerschlepper-Gemeinde noch heute; sie sind die Bentleys unter den Traktoren: stärker, größer und teurer als alle anderen. Wer damit aufs Feld fuhr, musste ein Großbauer sein. Und selten sind sie: Vom Profi Trac 3500, der Basis für Streitbergers Profi-Giganten, hatte der 1993 untergegangene Traktorenbauer nur vier Stück gebaut. Die Gebrüder Streitberger gingen ähnlich vor wie US-Car-Schrauber, die ein altes Muscle Car mit neuem Motor und edlen Tuningteilen nicht original, aber im Geiste des Originals aufbauen. Weshalb haben sie das seltene Stück nicht original gelassen? "Es war Schrott", sagt Ludwig Streitberger (49), Erbauer des Monsterschleppers. "Da war klar, dass wir ohnehin viel Geld in die Hand nehmen mussten. Es lag nahe, ein einmaliges Teil daraus zu machen."

12,5 Liter Hubraum, 650 PS, 2350 Nm Drehmoment

Die Zwillingsreifen helfen, 650 PS auf den Boden zu bringen und mindern die Bodenverdichtung.

Seitdem streitet die Gemeinde in einschlägigen Online-Foren, ob Anton Schlüter so etwas gut gefunden hätte. "Er hätte", gibt sich Streitberger überzeugt. "Er hatte stets den Ehrgeiz, den stärksten Schlepper Europas zu bauen." Die Schnauze ist nun stärker gepfeilt und um 170 Millimeter verlängert, um eine Ladeluftkühlung und einen besseren Kühler unterzubringen. Die Streitbergers wurden zu Laufburschen ihres Projekts: Die Wege zum Beschaffen der Ersatzteile addierten sich auf gut 100.000 Kilometer. Das Ergebnis der unermüdlichen Schrauberei dürfte auch agrartechnisch Desinteressierte in einen Zustand staunender Bewunderung versetzen. Spätestens wenn man im Alcantara-Fahrersitz thront, den Blick über die schlanke Haube gleiten lässt und den MAN-Diesel anlässt, der zuvor eine dicke Motorjacht antrieb. Keine Richterskalarelevanten Vibrationen wie beim Lanz, stattdessen tiefes Grollen und Hochkaräter-Laufruhe. 12,5 Liter Hubraum, 650 PS, 2350 Nm Drehmoment – noch Fragen?

Erfüllung von Kindheitsträumen

Ludwig Streitberger ist ein bekannter Kopf in der Schlepperszene. Man nennt ihn den "Bulldogkini", den König der Lanz Bulldogs. Der Titel ist redlich verdient: Streitberger besaß zeitweise bis zu 28 der Einzylinder-Klassiker. "Ich bin bescheidener geworden, es sind jetzt nur noch 20 …" Lkw-typisch die eindrucksvolle Zahnradsammlung, die der Pilot mittels einer 8-Gang-H-Schaltung sortiert. Per Hebel am Schaltstock lässt sich die Zahl der Gänge verdoppeln – dank des Split- oder Vorschaltgetriebes. Noch nicht genug? Im Verteilergetriebe ist eine Untersetzung integriert, die nur im Stand eingelegt werden kann. Macht 32 Gänge. "Braucht man nie", sagt Manfred. Schon im ganz normalen ersten Gang erweckt der Schlepper den Eindruck, als könne er Fundamente verschieben. Die Vorderachse wird starr zugeschaltet – pneumatisch, auf Tastendruck. Selbstsperrende Differenziale vorn und hinten komplettieren die Ausstattung für losen Untergrund. Wie entsteht eine solch extreme Leidenschaft? "Wir Schlepperfans sind alle mit solchen Maschinen aufgewachsen", sagt der Bulldogkini. Es sei wie bei jedem Oldtimerfahrer: "Die Erfüllung von Kindheitsträumen – das ist es, worum es eigentlich geht."
Technische Daten Schlüter Profi -Gigant
Motor 6-Zylinder-Turbodiesel, Ladeluftkühler
Hubraum 12.500 cm³
Leistung 478 kW (650 PS) bei 2200/min.
Drehmoment 2350 Nm
Schaltung 8-Gang-Split-Schaltgetriebe, zusätzliche Untersetzung, insgesamt 32 Vorwärtsgänge
Antrieb Heckantrieb, Vorderradantrieb pneumatisch zuschaltbar
Lenkung Allrad
Sperren automat. 100-%-Diff.-Sperren v./h.
Federung über Reifen und Gummipuffer
Bremsen Scheibenbr. v./h.
Reifen 710/60 R 42 v./h.
Länge/Breite/Höhe 7120/4800/3750 mm
Radstand 2540 mm
Gewicht gesamt doppelbereift 20 t
Höchstgeschwindigkeit 40 km/h
Baujahr 1973/2004-08

Autor: Rolf Klein

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