Citroën DS Présidentielle

Citroën DS Présidentielle Citroën DS Présidentielle Citroën DS Présidentielle

Citroën DS Présidentielle

— 12.06.2012

Mehr Grande Nation!

Mag ja sein, dass Lyndon B. Johnson oder Leonid Breschnew, Queen Elizabeth oder Papst Paul VI. große Autos haben. Aber der Staatspräsident Frankreichs, Général Charles de Gaulle, braucht natürlich etwas Größeres. 6,53 Meter lang, 2,13 Meter breit – voilà, das ist doch angemessen.

Petit-Clamart bei Paris, 22. August 1962. Schüsse peitschen durch den Sommerabend, abgefeuert von französischen Nationalisten. Sie wollen den Präsidenten Charles de Gaulle töten, damit er Algerien nicht in die Unabhängigkeit entlässt. Von den 187 Kugeln trifft keine einzige den Präsidenten – "sie haben geschossen wie die Schweine", erzählt de Gaulle später am Abend Premierminister Georges Pompidou. Aber manch ein Schuss ging nur knapp daneben. Rettete möglicherweise das Auto dem Präsidenten das Leben? Mindestens ein Reifen ist platt, dennoch kann die Citroën DS flüchten, spurstabil dank hydropneumatischer Federung und Vorderrädern, deren Lenkachse genau mittig über der Kontaktfläche zwischen Reifen und Straße steht.

Die schicke DS Présidentielle blieb ein Einzelstück. Jammerschade, schon angesichts ihrer Optik.

©M. Heimbach

Élysée-Palast, Amtssitz des Präsidenten, 1964. Eine neue Limousine für Paradefahrten soll endlich gebaut werden. Was Charles de Gaulles Sicherheitschef angesichts des Attentats empfiehlt, ist nicht überliefert – Sicherheitschefs im Allgemeinen gelten ja als eher diskret. Logisch jedenfalls wäre, einen Wagen zu empfehlen, der diese drei Kriterien erfüllt: 1. die gleiche Fahrwerktechnik wie die DS; 2. deutlich mehr Motorleistung als die DS, um jederzeit eine schnelle Flucht zu gewährleisten; 3. eine geschlossene, gepanzerte Karosserie. So weit zur Logik. Aber da ist ja noch der Präsident. "De Gaulle zeigte sich gern seinem Volk und mochte deshalb lieber ein Cabrio für seine Paradefahrten", erzählt Buchautor Olivier de Serres im Gespräch mit AUTO BILD KLASSIK. Ein gepanzertes Auto kommt für den General nicht infrage. Also bekommt er keins. Citroën entwickelt in den nächsten vier Jahren eine Staatslimousine, die fast so groß ist wie das Saarland, mit knapp 2,3 Tonnen Leergewicht aber deutlich leichter.

Limousinen der Regierungen: Die Karossen der Macht

De Gaulle mochte lieber Cabrios für seine Paradefahrten, dennoch ist die Citroën DS Présidentielle eine geschlossene Limousine.

©M. Heimbach

Zum Thema Cabrio haben Citroën und die Ateliers Henri Chapron – jener Karossier, der seit 1961 mit dem Autohersteller kooperiert – eine Idee: Lasst uns eine Landaulet-Version anbieten, bei der sich das hintere Dachteil wegklappen lässt; aber nicht mit Stoffverdeck, sondern mit einem Klappdach aus Metall! Hat sich in dieser Frage doch der Sicherheitschef durchgesetzt? De Gaulle bekommt 1968 die geschlossene Limousine, aber mit einem riesigen Verdeckkasten hinter seinem Rücken. Egal, der Kofferraum wäre immer noch groß genug für einen Familienurlaub. Dafür sitzt der Fahrer dermaßen eingeklemmt zwischen der Edelstahl-Speiche des Lenkrads und der großzügig gewölbten Scheibe hinter ihm, als wolle ihm der Wagen mit körperlicher Gewalt beweisen, wer der Präsident und wer nur dessen Diener ist. Chapron hätte gern noch mehr DS Présidentielle gebaut, ob mit oder ohne Klappdach, Citroën bot das Modell auch mehreren Machthabern an. Aber kein afrikanischer Potentat, kein Diktator wollte dieses Auto bestellen. Die teuren Stoßstangen, das neu entwickelte Armaturenbrett blieben Einzelanfertigungen.

Klassiker mit Diven-Image: Citroën SM  

Wegen der enormen, fest installierten Panorama-Trennscheibe musste de Gaulle per Gegensprechanlage mit dem Fahrer zu plaudern.

©M. Heimbach

Vielleicht lag es am Motor. Denn nicht nur das geniale Fahrwerk, sondern auch der müde 109-PS-Vierzylinder stammen von der DS 21. Für würdige Paraden ist er genau richtig, denn er läuft ruhig. Dank kurzer Übersetzung und der sehr weich zugreifenden Kupplung (ja, der Présidentielle hat Handschaltung) könnte der Chauffeur ein Ruckeln nicht mal provozieren. Für mächtige Menschen, die mit Motormuskeln protzen wollen, oder Präsidenten, die eilig flüchten müssen, eignet sich der Wagen jedoch denkbar schlecht. Charles de Gaulle muss nicht mehr flüchten. Am 26. November 1968 wird die einzige DS Présidentielle zugelassen, ein paarmal nimmt de Gaulle auf dem Kunstleder im Fond Platz und winkt dem Volke, schon am 28. April 1969 tritt er vom Amt des Präsidenten der Republik zurück. Nachfolger Georges Pompidou nutzt die Über-DS nur selten. Er mag sportliche Autos, hat privat einen Porsche 356 und bestellt als Repräsentationswagen ein viertüriges SM Cabrio. Die DS kommt 1975 in gute Hände: Pompidous Leibarzt kauft sie – und stellt sie zu seinen beiden Citroën 15 CV mit Sonderkarosserien von Chapron und Franay. Es wird ein friedlicher Lebensabend.

Technische Daten

Der Präsident blickt auf die Holztür der Bordbar auf die Dolmetscherin oder ihren Ausklappsitz und auf die Klappe, durch die der Beifahrer Dokumente reichen kann.

©M. Heimbach

Citroën DS Présidentielle Motor: Reihenvierzylinder, vorn längs • fünffach gelagerte Kurbelwelle • eine seitlich liegende Nockenwelle, über Steuerkette angetrieben, zwei Ventile pro Zylinder, Weber-Zweistufenvergaser • Bohrung x Hub 90 x 85,5 mm • Hubraum 2175 ccm • Verdichtung 8,75 : 1 • Leistung 80 kW (109 PS) bei 5500/min • max. Drehmoment circa 170 Nm bei 4000/min • Zusatzkühlung für Paradefahrten. Antrieb/ Fahrwerk: Viergang-Schaltgetriebe, mechanisch betätigte Kupplung, kurze Übersetzung • Vorderradantrieb • Einzelradaufhängung, vorn an Querlenkern, hinten an Längsschwingarmen, Querstabilisator • hydropneumatische Federung • Reifen 205/15 XAS. Maße: Radstand 3780 mm • Länge x Breite 6530 x 2130 mm • Leergewicht 2260 kg. Fahrleistungen: Spitze circa 140 km/h • Erstzulassung: 26. November 1968 • Neupreis: keine Angabe.

Historie

In den Nationalfarben leuchtet die Kokarde am Bug. Zu kaufen gab es die Citroën DS Présidentielle nicht – wie es sich für eine exklusive Staatslimousine gehört.

©M. Heimbach

Um von Aix-en-Provence nach Bordeaux oder von Angers nach Brest zu kommen, genügen französischen Präsidenten auch seriennahe Automobile. Für Paraden aber dürfen es Sonderkarosserien sein. Charles de Gaulle, Präsident von 1959 bis 1969, übernahm von Vorgänger René Coty das Traction-Avant-Cabrio 15-Six H Baujahr 1956 bestimmt gern, denn auch privat fuhr er einen hydraulisch gefederten Traction. Robert Opron, Jungdesigner bei Simca, entwarf 1960 einen Paradewagen auf Basis des Simca Présidence – aber General de Gaulle soll sich an dessen US-Technik gestört haben. Ebenso erging es Renault. Die Firma steckte in Belgien Rambler-Limousinen von der American Motors Company AMC zusammen. Der Élysée-Palast bestellte zwar 1962 die Präsidentenversion von Chapron, aber de Gaulle ließ sich nicht überzeugen. Citroën und Karossier Chapron begannen 1964, die DS Présidentielle zu entwickeln – mit dem Design von Robert Opron, inzwischen bei Citroën. Anfang 1968 war sie fertig, aber angesichts der Studentenunruhen kam sie erst im November auf die Straße. Nachfolger und Autonarr Georges Pompidou ließ zwei SM-Cabrios bauen.

Plus/Minus

Ein großes Plus von Einzelstücken ist generell: Nur der Besitzer und sein Mechaniker müssen sich um so profane Dinge sorgen wie Ersatzteilversorgung, Einparkschwierigkeiten und dergleichen – Sie als Leser können sich voll aufs Schwärmen und Träumen konzentrieren. Auch die DS Présidentielle ist ein Einzelstück. Die Besitzerin – die zweite Ehefrau von Dr. Jean Bonzel, einst Leibarzt des Präsidenten Georges Pompidou – scheint eine kluge Dame zu sein: Sie hat das Auto einschließlich etwaiger Sorgen der Werkssammlung Conservatoire Citroën zur Verfügung gestellt. Dort ist genügend Platz zum Parken, was bei einem 2,13 Meter breiten Auto ohne Außenspiegel ein Thema ist, und die Mechaniker dort kennen sich mit der Elektrik aus – von der beleuchteten Kokarde auf der Motorhaube bis zur Gegensprechanlage ist der Wagen großzügig elektrifiziert und vorsichtshalber mit zwei Batterien ausgerüstet. – Den Absatz zur Marktlage reichen wir nach, falls die DS Présidentielle jemals verkauft wird. Womit wir beim Minus sind: Sie, lieber Leser, werden den Wagen wahrscheinlich nie kaufen können. Was ja auch wieder ein Plus sein kann – siehe oben.

Autor: Frank B. Meyer

Fotos: M. Heimbach

Diesen Beitrag empfehlen

Anzeige

Automarkt

Finden Sie im Automarkt von autobild.de Ihren Gebrauchtwagen.

Bei autohaus24.de Neuwagen günstig kaufen und Geld sparen.